Das 21. Jahrhundert und seine Feinde

Die Kluft zwischen jenem Stoff, der in unserem längst überholten Schulsystem gepaukt wird, und jenen Inhalten, die junge Menschen für die Bewältigung ihrer Zukunft benötigen, wird gefährlich groß.

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

Unser Schulsystem versucht noch immer, Wissen zu vermitteln, das auf einem seit 80 Jahren fast unveränderten Curriculum basiert. PISA-Koordinator Andreas Schleicher bringt das auf den Punkt:"Wenn wir die Kinder des 21. Jahrhunderts von Lehrern mit einem Ausbildungsstand des 20. Jahrhunderts in einem Schulsystem unterrichten lassen, das im 19. Jahrhundert konzipiert wurde und sich seitdem nur graduell verändert hat, kann das so nicht funktionieren."

In Zukunft werden Menschen jedenfalls zusätzliche Fähigkeiten beherrschen müssen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. So definiert zum Beispiel das "21st Century Skills Modell" vier Kompetenzfelder:

  1. Kompetenter Umgang mit Medien, Technologien, Informationen und Daten; dazu gehört auch die von Andreas Treichl seit Jahren geforderte Financial Literacy;
  2. Virtuelle und persönliche Kommunikation und Kooperation vor dem Hintergrund von Diversität, Interdisziplinarität, Interkulturalität und Alter;
  3. Kreativität, Innovationsfähigkeit, analytisches und kritisches Denken;
  4. Selbstständiges Arbeiten, Mut, Unternehmungsgeist, Umgehen mit Ambivalenz, Eigenmotivation.

Diese Anforderungen stimmen sehr wenig mit der schulischen Realität überein. Dafür verantwortlich ist das ausgeprägte Immunsystem von Schulsystemen gegen jede grundlegende Veränderung der Lehrinhalte und Lehrpläne. Dazu kommt, dass diejenigen Inhalte, die am einfachsten zu unterrichten und zu prüfen sind, leider genau den Fähigkeiten entsprechen, die am schnellsten zu digitalisieren oder in Zukunft durch künstliche Intelligenz (AI) zu ersetzen sind.

Es ist viel leichter, Schülern die Ursachen der Französischen Revolution beizubringen, als sie dabei zu unterstützen, mit ihrer eigenen Unsicherheit umzugehen und wertschätzend mit ihren Kollegen und Lehrern zu kommunizieren.


Schwimmen lernt man im Wasser, nicht im Physiksaal.
Die "Belehrungsschule", die versucht, maximal viel Wissen in Schüler zu stopfen, existiert trotz ihres offenkundigen Scheiterns fröhlich weiter.


Wenn man bedenkt, welchen großen Einfluss vor 25 Jahren das Buch "EQ - Emotionale Intelligenz" von Daniel Goleman auf Unternehmen hatte und wie wenig es unsere Schulsysteme beeinflusst hat, dann führt das zum Kern des Problems.

Der visionäre Denker Yuval Harari geht davon aus, dass Menschen sich in Zukunft aufgrund des rapiden Fortschritts der künstlichen Intelligenz (AI) alle 15 Jahre neu erfinden müssen, um die beruflichen Herausforderungen bewältigen zu können. Dass unser Schulsystem die dafür notwendigen 21st-Century-Skills vermitteln müsste, ist wohl unbestritten. Wie soll das mit dem bestehenden System möglich sein?

Die Versuche der "Lehrplanentrümpelung"

Verfolgt man die endlosen Versuche, durch "Lehrplanentrümpelung" Platz für die unbestritten notwendigen neuen Inhalte zu schaffen, dann erscheinen diese trotz aller ehrlichen Bemühungen chancenlos. Die Forderungen nach neuen Gegenständen wie digitale Kompetenzen, politische Bildung, Financial Literacy oder Ethikunterricht, zu denen aktuell noch der Klimawandel kommt, prallen auf die Verteidiger der traditionellen Rolle der Schule als Vermittler des traditionellen Bildungskanons. Dieser wird in bis zu 22 säuberlich abgetrennten Fächern in 50-Minuten-Einheiten "gelehrt".

Studien zeigen allerdings eindeutig: Wenn Wissen nur theoretisch erworben wird, dann kann es bestenfalls bei Prüfungen kurzfristig wiedergeben werden, es fehlt allerdings das tiefere Verständnis und somit die Fähigkeit, es praktisch auf Probleme des Lebens anzuwenden. Einfach gesagt: Schwimmen lernt man im Wasser, nicht im Physiksaal. Die "Belehrungsschule", die versucht, maximal viel Wissen in Schüler zu stopfen, existiert trotz ihres offenkundigen Scheiterns fröhlich weiter.

Dabei können weder Lehrer noch Schüler mit Suchmaschinen konkurrieren. Erik Brynjolfsson, Digitalisierungsexperte am Massachusetts Institute of Technology (MIT), fordert: "Wir müssen uns auf das konzentrieren, was Maschinen nicht können: Kreativität und Teamgeist. Wir müssen in Bildung investieren, und zwar so, dass Menschen lernen, die neuen Technologien zu beherrschen." Eine Frage wird entscheidend: Wie schließen wir die immer größer werdende Kluft zwischen jenen Fähigkeiten, die in unserem Schulsystem vermittelt werden und jenen, die junge Menschen in Zukunft brauchen werden?

Beginnen wir mit den Schülern und Lehrern. Viele Schüler sehen ihre Schule nicht als Ort an, an dem sie gefordert werden und sich entwickeln können, sondern stehen ihr mit großer Gleichgültigkeit gegenüber. Das lebensferne Curriculum bietet ihnen keinen Anreiz, sich selbst und ihre Interessen näher kennenzulernen.

Die neue Lehrerausbildung wurde zwar verlängert, orientiert sich aber an der traditionellen Fächerverteilung und der primären Rolle des Lehrers als Wissensvermittler. Die Gewinnung von Lebenserfahrung außerhalb von Schulen, zum Beispiel die verpflichtenden Praktika bei den Tourismus-oder Landwirtschaftsschulen, ist nicht Teil der Ausbildung. Wie sollen daher Lehramtskandidaten, die nach wie vor in den traditionellen Fächern ausgebildet werden, unseren Schülern dann die 21st- CenturySkills beibringen?

Es darf daher nicht verwundern, dass viele Schüler "so tun, als ob" sie aufpassen würden, und bei Prüfungen simulieren, dass sie auch etwas verstanden hätten. Wie der letzte PISA-Test leider gezeigt hat, führt das dazu, dass nur acht Prozent der Schüler in der Lage waren, in einem Text Fakten von Meinungen zu unterscheiden. Willkommen in der "Fake New World".

Yuval Harari war letztes Jahr von der Wirtschaftskammer Österreich zu einem Vortrag eingeladen und hat mit Harald Mahrer und Sebastian Kurz diskutiert. Wir sollten uns allerdings die Thesen Hararis nicht nur andächtig anhören, sondern endlich vor allem unsere Schulen danach ausrichten.

Die erste Handlung, um dem 21. Jahrhundert Einlass in unsere Schulen zu gewähren, wäre das Niederreißen der unsichtbaren Mauern, mit denen diese sich von der Lebenswirklichkeit abzuschotten versuchen. Die Schule der Zukunft muss die Welt in ihr Inneres lassen und alles tun, um Teil dieser Welt zu werden.


Es gibt ein großes Potenzial von lebenserfahrenen Menschen, die bereit wären, mit Schülern zu arbeiten: Angehörige der 50-plus-Generation


Dazu ein konkreter Vorschlag: Ermächtigen wir doch unsere Schulen, zehn Prozent ihrer gesamten bisherigen Unterrichtszeit an ausgewählte externe Personen mit Lebenserfahrung zu vergeben. Diese zehn Prozent dienen dann der Vermittlung der skizzierten sozialen, kommunikativen und kreativen Fähigkeiten. Schüler lernen in lebensnahen Projekten, Kompetenzen wie Handlungsmut in unsicheren Situationen, Resilienz, Selbstorganisation, Teamfähigkeit und Verantwortung zu übernehmen. Die Projekte werden fächerübergreifend von den Externen gemeinsam mit interessierten Lehrern in Teams realisiert.

Es gibt ein großes Potenzial von lebenserfahrenen Menschen, die bereit wären, für eine zeitlich begrenzte Phase ihres Lebens mit Schülern zu arbeiten: Angehörige der 50-plus-Generation, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr voll im Berufsleben stehen, oder Menschen, die nach der Karenzzeit nach einer neuen spannenden Aufgabe suchen. Entscheidend sind die hohe Motivation und Qualifikation. Da in den nächsten Jahren durch Pensionierung pro Jahr zwischen 2.700 und 3.500 Lehrer-Stellen neu zu besetzen sind, gibt es genug Spielraum für eine Öffnung des Lehrerberufes. In einigen deutschen Bundesländern sind bereits fast 50 Prozent der Lehrer Quereinsteiger. Das Ziel ist natürlich, dass die Vermittlung der 21st-Century-Skills mehr an Lernfreude und bessere Schülerleistungen generiert.

Funktioniert haben echte Innovationen in Schulsystemen meist dann, wenn sie von Regierungen initiiert und gegen alle Widerstände durchgesetzt wurden wie bei den Charter Schools in den USA und den großen Schulreformen in Finnland, Kanada und Neuseeland. Wäre das auch in Österreich möglich?

Dafür sollten wir lernen, zwischen schwierigen und unbequemen Problemen zu unterscheiden. Auf dem Mond zu landen und wieder zurückzukehren, war extrem schwierig. Schulsysteme zu verändern, ist nicht schwierig, wie viele internationale Beispiele beweisen, es ist nur unbequem.

Im bereits vorgerückten 21. Jahrhundert können wir es uns nicht leisten, weiter auf das Curriculum des 19. Jahrhunderts zu setzen, nur weil es bequem ist. Wenn wir die Kinder auf eine ungewisse Zukunft vorbereiten wollen, dann dürfen wir sie nicht in unserer Vergangenheit festhalten.

H. G. Wells, der Autor des Romans "Der Krieg der Welten", hat uns vor langer Zeit gewarnt: "Zivilisation ist ein Wettrennen zwischen Bildung und Katastrophe."

Die Politik, die sich diesem Thema bisher verweigert hat, ist in der Verantwortung, schnellstmöglich mit den Vorbereitungen eines BGEs und dessen Finanzierung zu beginnen. Diese werden zeitaufwändig genug sein -nicht zuletzt auch wegen der über weite Strecken erforderlichen internationalen Abstimmungen.


Zum Autor

Andreas Salcher ist Bildungsexperte, Bestsellerautor, Unternehmensberater und regelmäßiger trend-Autor.


Simon Arne Manner

Pandemiemanagement: Datenschutz lockern statt Ausgang beschränken

71 Prozent der deutschen Bevölkerung würden personenbezogene Daten zur …

Michael Ludwig - der rote Landesliga-Kapitän etabliert sich als Spielmacher in der Bundesliga

Der Krisen-Gewinner [Politik Backstage von Josef Votzi]

Gemeinsam mit den schwarzen Landesfürsten setzte der rote Wiener …

Die neue Koalition der Deutschen Bundesregierung am 24. November 2021 bei ihrer Vorstellung in Berlin. Von links: Christian Lindner (FDP), Olaf Scholz (SDP), Annalene Baerbock und Robert Habeck (GRÜNE), Norbert Walter-Borjan und Saskia Esken (SPD)

Deutschland: Eine politische Wende für Kontinuität

Die politische Wende in Deutschland ist vollzogen. Nach 16 Jahren …

Kommentar
Andreas Bierwirth, CEO Magenta Telekom

Andreas Bierwirth: "Streckenmaut fürs Internet"

Der Ausbau des Breitbandinternets ist eine Überlebensfrage für den …