10 Jahre Lehman-Pleite: Sind die Banken heute sicherer?

Oberbank Gerneraldirektor Franz Gasselsberger

Franz Gasselsberger, Generaldirektor Oberbank

Nach der Lehman-Pleite ist eine Flut an Regelungen auf die Banken eingestürzt. Franz Gasselsberger, Generaldirektor der Oberbank, findet, dass es an der Zeit ist, einige davon zurückzunehmen.

Im Kern war das richtig: Europas Banken stehen heute beim Eigenkapital und der Liquidität viel besser da als vor zehn Jahren. Dennoch bin ich mit einigen Punkten nicht kritiklos einverstanden. Basel berücksichtigt die Geschäftsmodelle der Banken zu wenig. Banken mit einem klassischen Geschäftsmodell wie die Oberbank hatten und haben keine Probleme und haben der Realwirtschaft und dem Steuerzahler keine Probleme verursacht. Die Ursachen der Krise lagen bei den Banken, die sich weit von der Realwirtschaft entfernt und ihr Heil in der spekulativen Veranlagung gesucht haben. Das Beispiel von Lehman Deutschland zeigt, wie hier agiert wurde: Unter dem Schutz der deutschen Einlagensicherung aufgenommene Kundengelder wurden nicht der deutschen Realwirtschaft in Form von Krediten zugeführt, sondern mit zum Teil dubiosen Offshore-Spekulationen verzockt.

Das hätte das System der Deutschen Einlagensicherung beinahe zum Einsturz gebracht - als in Deutschland tätige Bank wissen wir, wie teuer es war, den durch Lehman ausgeräumten Einlagensicherungstopf gemeinsam mit den anderen deutschen Banken wieder aufzufüllen.

Aber zum Teil schießt die Regulierung weit über das Ziel hinaus.

  • Erstens meine ich damit die Mandatsbeschränkungen für Aufsichtsräte der Banken. Bankaufsichtsräte sind in der Ausübung weiterer Aufsichtsratsmandate im Vergleich zu Aufsichtsräten in anderen Branchen stark beschnitten.
  • Zweitens machen die Vergütungsregelungen Bankmanager zu Managern zweiter Klasse. Hier bin ich gespannt, ob das wirtschaftsschädliche, zum Teil sogar illegale Verhalten von Managern etwa in der Automobilindustrie zu ähnlichen Entwicklungen führt. Ich nehme es aber nicht an.
  • Drittens sind die neuen Governance-und Fit-&- Proper-Regelungen überzogen. Beispielsweise müssen - und das halte ich für grundrechtlich problematisch - laufende Ermittlungen oder Verfahren trotz Unschuldsvermutung bei der Beurteilung des Leumunds eines Aufsichtsrates berücksichtigt werden. Das ist ein An-den-Pranger-Stellen des gesamten Bankensektors. Langfristig könnte das den Effekt haben, dass qualifizierte Vorstände und Aufsichtsräte zu einem echten Engpassfaktor werden.

Aber es sind Verbesserungen in Sicht. Unter den aktuellen Regeln leiden vor allem kleine Banken, deshalb hat der EU-Rat Erleichterungen für "kleine und wenig komplexe" Banken mit bis zu fünf Milliarden Euro Bilanzsumme vorgeschlagen. Diese Betonung des Proportionalitätsgedankens ist besonders für den Finanzplatz Österreich mit vielen kleineren Instituten erfreulich.


Bei der Bankenregulierung kann sich die EU ausnahmsweise die USA zum Vorbild nehmen.

Der Umgang mit der Bankenregulierung ist ausnahmsweise ein Fall, in dem sich die EU die USA zum Vorbild nehmen kann. Dort durchforsten Regierung und Aufsicht die Regularien für Banken und Finanzmarkt, um bürokratische Hindernisse abzubauen. Ziel ist nicht eine völlige Deregulierung des Sektors - es sollen vielmehr mit präzisen Schnitten Vorschriften zurückgestutzt werden, die das Bankgeschäft behindern, ohne ein Mehr an Sicherheit und Stabilität zu bringen.

In Europa herrscht offenbar der Grundsatz, an einmal beschlossenen Regularien nicht mehr zu rütteln und bei der Auslegung und Umsetzung internationaler Vereinbarungen übertrieben streng zu sein. Diese musterknabenhafte Übererfüllung internationaler Standards wird unweigerlich zu Wettbewerbsnachteilen der europäischen Banken führen.

Deshalb freut mich die im österreichischen Regierungsprogramm angekündigte Initiative, gegen so ein "Gold Plating" vorzugehen. Es sollen alle Bestimmungen novelliert werden, mit denen EU-Normen übererfüllt werden.

Wir brauchen einen Regulierungs-Check: Profitable, wettbewerbsfähige Banken sind die Basis jeder Volkswirtschaft, deshalb brauchen wir die Balance zwischen Strenge und Laissez-faire, brauchen die Bereitschaft, uns von nicht zielführenden Vorschriften wieder zu trennen, und wir brauchen den Mut der Politik, auf eine Bank ohne tragfähiges Geschäftsmodell und ausreichende Kapitalisierung die vereinbarten Abwicklungsregeln anzuwenden.


FRANZ GASSELSBERGER ist seit 2005 Generaldirektor der Oberbank und seit 2007 Honorarkonsul von Deutschland in Oberösterreich.


Der Gastkommentar von Franz Gasselsberger ist in der trend-Ausgabe 32-34/2018 vom 10. August 2018 entnommen.

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