2022 - das Jahr der großen Umverteilung

Die stark gestiegene Kluft zwischen Zinsen und Inflation wird 2022 die gefährliche Vernichtung von angespartem Vermögen beschleunigen.

trend Chefredakteur Andreas Lampl

trend Chefredakteur Andreas Lampl

Mit den neuen Mietzinsvorschreibungen, die Erhöhungen um die sechs Prozent enthalten, und den an die Haushalte verschickten Vorwarnungen der Energieversorger, die Preissteigerungen im sehr deutlich zweistelligen Bereich ankündigen, ist die Inflation jetzt zu Jahresende endgültig in den Köpfen der Menschen angekommen. Und sie wird ein beherrschendes wirtschaftspolitisches Thema im Jahr 2022 bleiben.

Die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB), die uns monatelang weismachen wollten, dass es sich bei der auf fast fünf Prozent explodierten Inflation um ein rasch vorübergehendes Phänomen handle, sind sich nicht mehr sicher. Andere Experten, die keine Rücksichten auf Politik nehmen müssen, haben längst erkannt, dass das so nicht stimmt. Robert Holzmann, Gouverneur der heimischen Nationalbank und ein früher Warner vor zu lockerer Geldpolitik, spricht vorsichtig von "sicher nicht unter zwei Prozent" für 2022. Die Prognosen der Forscher für die Eurozone liegen zwischen 2,5 und 3,3 Prozent. Und Banker wie etwa Oberbank-Chef Franz Gasselsberger gehen auch auf mittlere Sicht von einem Niveau um die drei Prozent aus - die Jahr für Jahr auf die aktuellen Preiserhöhungen oben draufkommen.

Notenbanken als Währungshüter

Angesichts der sozialen Implikationen wäre es also hoch an der Zeit, sich daran zu erinnern, dass EZB und Notenbanken ausschließlich die Aufgabe haben, geldpolitisch für Preisstabilität zu sorgen, und eigentlich nichts in der Staatsfinanzierung und der Finanzpolitik zu tun haben. Dieser Weg wurde mit beharrlicher Nullzins-Strategie und massiver Erhöhung der Geldmenge schon lange vor Corona verlassen, weil Staaten billiges Geld wünschten, um sich unangenehme Sanierungen in ihren Haushalten zu ersparen. Aufgrund der Pandemie wurden die Programme dann noch erweitert.

Für die Politiker der Mitgliedsstaaten ist es halt bequemer, ihre Probleme bei der EZB in Frankfurt zu parken. Vor allem für die aus Südeuropa, aber nicht nur. Auch im österreichischen Finanzministerium wurde einem gerne erklärt, dass Staatsschulden ziemlich egal sind, weil sie durch die Inflation sowieso automatisch schmelzen, solange keine oder gar negative Zinsen anfallen.

Und solange die Inflation niedrig lag, hat das auch niemanden groß aufgeregt. Jetzt, wo eingetreten ist, was vorauszusehen war, aber immer verdrängt wurde, dass nämlich die Liquiditätsschwemme irgendwann preistreibend wirken muss, wird die Lage prekär.

Die Crux des billigen Geldes

Die EZB sitzt in der Falle. Denn der Zeitpunkt vor einem sehr wahrscheinlich neuerlichen Aufflammen der Pandemie durch die Omikron-Variante mit ungewissen Auswirkungen auf die Wirtschaft ist tatsächlich ein ungünstiger, um die Zügel plötzlich zu straffen. Aber sie müsste klare Signale senden, dass sie willens ist, die Inflation zu bekämpfen. Bei ihrer jüngsten Sitzung ist sie aber wieder unverbindlich geblieben. Die amerikanische Fed und die britische Notenbank haben deutlichere Ansagen gemacht.

Die drastisch gestiegene Inflation bei gleichzeitig abgeschafften Zinsen beschleunigt die Umverteilung des Geldvermögens der Sparer in die öffentlichen Haushalte und in Sektoren, die vom billigen Geld profitieren. Der Mechanismus spielt Politikern in die Hände - weil viel intransparenter und damit mit weniger Widerstand verbunden als zum Beispiel Steuererhöhungen. Aber er trifft Geringverdiener und den gesamten Mittelstand massiv: eine Umverteilung von unten nach oben.

Es klingt ja gut, wenn Banken ihre Kunden auffordern, ihr Geld über Fonds am Kapitalmarkt zu investieren. Und es ist natürlich auch sinnvoll, weil am Sparbuch - bei drei Prozent Inflation - nach sechs Jahren ein Fünftel davon weg ist. Aber nicht jeder kann oder will seinen Sicherheitspolster einem Risiko aussetzen, das er nicht vollständig versteht. Oder kann einen Teil seiner Ersparnisse "mittelfristig entbehren", wie es so schön heißt.

"Die Inflation trifft immer die breite Masse. Sie ist nicht auf die Preissteigerungen vorbereitet", wusste schon der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser. Die Profis würden hingegen ihr Geld rechtzeitig in Sicherheit bringen. Dass Inflation die Armen ärmer und Reiche - schon weil die Werte ihrer Immobilien, Aktien oder Kunstwerke steigen - tendenziell reicher macht, ist eine Binsenweisheit.

Die Wirtschaft durch sehr niedrige Zinsen zu stützen, ist zuweilen notwendig, darf aber nicht auf Dauer die persönliche Vorsorge der Menschen vernichten. 2022 wird die noch weiter aufgegangene Kluft zwischen Zinsen und Teuerung den Realwertverlust beim angesparten Vermögen zu einem rekordverdächtigen machen. Das ist gefährlich.


Der Kommentar ist ursprünglich als Leitartikel in der trend. EDITION, Dezember 2021 erschienen.

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