Hannes Androsch: It’s the future, stupid!

Hannes Androsch gibt in seinem Essay einen Ausblick in das Jahr 2016 und weiter: Die neue industrielle Welle, kurz "Industrie 4.0“ und bald "Industrie 5. 0“, wird alle Lebensbereiche erfassen, unsere Arbeitswelt verändern und diese - so wie in der Vergangenheit - entgegen allen Unkenrufen bei steigender Beschäftigung erneut verbessern.

Hannes Androsch - Industrieller

Hannes Androsch, Industrieller, Ex-Finanzminister und früherer SPÖ-Vizekanzler

Vor fast vierzig Jahren, 1978, veröffentlichte "Der Spiegel“ einen längeren Beitrag über die Auswirkungen von Computern auf den Arbeitsmarkt. Der Titel: "Uns steht eine Katastrophe bevor“. Die Botschaft: Winzige elektronische Bausteine werden das Aus von Millionen von Arbeitsplätzen bedeuten.

Die angekündigte Katastrophe fand nicht statt. So wie auch vorher nicht, trotz aller Befürchtungen vor technologischen Neuerungen, die immer wieder bekämpft wurden und den Luddismus, die Bezeichnung für einen Aufstand der Weber in England, zu einem bis heute gebräuchlichen Synonym für Maschinenstürmer werden ließen.

Entgegen allen vorgebrachten Ängsten hat der Einsatz der Dampfmaschine, der Elektrizität und zuletzt des Computers nicht zu weniger, sondern zu mehr Beschäftigung und zu mehr Wohlstand geführt.

Vor 200 Jahren, zu Beginn der industriellen Entwicklung, lebten auf der Erde rund eine Milliarde Menschen, von denen 90 Prozent das Auskommen ihres zumeist von Armut und Not bestimmten und von Hunger bedrohten Lebens in der Landwirtschaft fanden. Heute sind in den entwickelten Ländern nur noch zwei Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig.


Mehr Beschäftigung, mehr Wohlstand

Ende der 1970er-Jahre, als der Vormarsch der Computerisierung und der Siegeszug der Elektronik einsetzten, betrug die Wirtschaftsleistung in Österreich 64 Milliarden Euro und 2,8 Millionen Menschen waren unselbstständig erwerbstätig. Heute weisen wir 3,4 Millionen Beschäftigte auf und die Wirtschaftsleistung erreicht 350 Milliarden Euro. Damals betrug die Weltbevölkerung 4,3 Milliarden Menschen, die eine Wirtschaftsleistung von 15 Billionen Dollar generierten. Derzeit leben auf unserem Planeten 7,3 Milliarden Menschen, die globale Wirtschaftsleistung erreicht 80 Billionen Dollar.

Viele Hunderte Millionen Menschen konnten aus tiefer Armut befreit werden, nachdem China wie auch die Länder des ehemaligen Sowjetimperiums oder Indien, insgesamt über 40 Prozent der Weltbevölkerung, nach Jahren von wirtschaftlicher Autarkie und Isolierung wieder auf die Bühne der Weltwirtschaft zurückgekehrt sind, obwohl damit zugleich eine Verdoppelung des globalen kompetitiven Arbeitsmarkts auf über drei Milliarden Menschen verbunden war.

Der immer rascher werdende technologische Wandel verändert inzwischen Wirtschaft, Arbeit und das soziale Leben in einer in der Menschheitsgeschichte noch nie da gewesenen Dynamik bei gleichzeitig globaler Dimension. Vor 20 Jahren gab es kaum noch Mobiltelefone, heute sind davon weltweit sieben Milliarden Stück im Gebrauch. Das Smartphone kam vor rund zehn Jahren auf den Markt und hat heute weltweit mehr als zwei Milliarden Nutzer.

Der technologische Wandel ist untrennbar mit einer Änderung der Berufsbilder und neuen und in der Regel höheren beruflichen Qualifikationserfordernissen verbunden. Mit Schufterei und Rackerei im Schweiße des Angesichts verbundene Arbeiten durch Muskelkraft haben als berufliches Selbstverständnis längst ausgedient. Zahlreiche Berufe mit oft langer Tradition - es sei nur als ein Beispiel unter vielen der in jedem Dorf ansässige Hufschmied angeführt - wurden überflüssig. Zugleich sind jedoch viele, auch gänzlich neue Berufsbilder entstanden.


Qualifikation, der neue Schweiß

Zudem hat sich die Gesamtbeschäftigung insgesamt erhöht. Der technologische Fortschritt hat die Halbierung der Jahresarbeitszeit ermöglicht und zur Zunahme der Lebensqualität der Menschen beigetragen, die wiederum mit ein nicht unwesentlicher Grund für eine steigende Lebenserwartung ist. Diese hat sich in Österreich im statistischen Durchschnitt seit 1900 verdoppelt.

Nunmehr stehen wir mit Big Data, algorithmischer Verknüpfung, Digitalisierung, Roboterisierung samt dem Internet of Things vor einem neuen technologischen Sprung, sozusagen am Beginn der zweiten Hälfte des Schachbrettes mit einer sich neu eröffnenden schier unendlichen Vielfalt von neuen Möglichkeiten und neuen experimentellen Entwicklungen. Dieses allegorische Bild ist dem Gleichnis für die Vielfalt des Schachspiels entlehnt. Dessen Erfinder soll sich ein Schachbrett voller Reis, ein Korn auf das erste Feld, zwei auf das zweite und so fort zur Belohnung erbeten haben. Die Summe ergibt ein Füllhorn mit einer Trillionen-Summe.

Die neue industrielle Welle, kurz "Industrie 4.0“ und bald "Industrie 5. 0“, wird alle Lebensbereiche erfassen, unsere Arbeitswelt grundlegend verändern und diese - so wie in der Vergangenheit - entgegen allen Unkenrufen bei steigender Beschäftigung erneut verbessern. Es wird nicht weniger, aber andere Arbeitsplätze geben, mit neuen Anforderungsprofilen und höheren Qualifikationserfordernissen.

Mit Industrie 4.0 stehen wir an der Schwelle einer neuen Phase der industriellen Produktion. Sie ist charakterisiert durch umfassende digitale Vernetzung sowie zunehmende Selbststeuerung und -optimierung von industriellen Fertigungsprozessen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Die technische Basis dafür liefert der kombinierte Einsatz neuer Technologien im Rahmen sogenannter "Cyber-physischer Systeme“ (CPS) als Verschmelzung von materiellen und digitalen Elementen. Die Konsequenzen dieser Entwicklung reichen von Kostenreduktion beim Ressourceneinsatz über Effizienz- und Produktivitätssteigerung bis hin zu Qualitätsverbesserung und der Individualisierbarkeit von Produkten und damit insgesamt hin zu einer Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Produktionslinien sollen sich selbstständig organisieren, an Nachfrageschwankungen anpassen und kundenspezifische Maßanfertigung ermöglichen, sodass auch bei kleiner Losgröße und hoher Variabilität rentabler als bisher produziert werden kann. Zugleich entstehen Potenziale für neue, datengetriebene Geschäftsmodelle und Dienstleistungen.


Es wird nicht weniger, aber andere Arbeitsplätze geben

Nachdem in der Vergangenheit vor allem Routinetätigkeiten von Maschinen ersetzt wurden, wird die Automatisierung nunmehr vermehrt auch im Dienstleistungssektor und in der Administration im Industriesektor zu Veränderungen führen. In allen wirtschaftlichen Sektoren werden Routinearbeiten zunehmend von Maschinen übernommen werden. Der Trend zur Automatisierung wird auch in Dienstleistungsunternehmen wie Hotels einziehen, im Logistikbereich wird der Einsatz von Drohnen immer bedeutsamer, in der Produktion werden Industrieroboter vermehrt monotone und gefährliche Arbeiten übernehmen. Im Gesundheits- und Pflegebereich, wo bereits ein Mangel an Fachkräften herrscht, der sich aufgrund der zunehmenden Alterung der Gesellschaft rapid verschärft, werden neue Roboter für unterstützende Tätigkeiten entwickelt. An der ETH Zürich etwa wird an einem roboterisierten Pflegebett gearbeitet.

Da Maschinen zunehmend mit künstlicher Intelligenz ausgestattet und lernfähig sein werden, werden sich auch im Zusammenwirken mit dem Menschen ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Selbstständige Rasenmäher und Staubsauger sowie intelligente Steuerungssysteme für eine effiziente Energieversorgung sind die Vorboten eines weiteren Automatisierungsschubes für die in einem Haushalt anfallenden Tätigkeiten. Das selbstfahrende Google-Auto wird nicht nur den einzelnen Autofahrer entlasten, sondern auch den Verkehr sicherer und den Verkehrsfluss effizienter gestalten.

Die intelligente Automation wird in unser aller Leben zur Alltäglichkeit werden. Die Förderung dieser Entwicklung ist auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit, wenn wir weiterhin in der ersten Liga der Industrienationen mitspielen wollen. Dafür braucht es daher den raschen Aufbau eines flächendeckenden Breitbandnetzes sowie eines digitalen europäischen Binnenmarkts samt Cloud Computing und größtmöglicher Cyber-Sicherheit.


Intuition, Kreativität und Sozialkompetenz

Trotz der Entwicklung zur umfassenden Automatisierung wird der Arbeitsgesellschaft die Arbeit weiterhin nicht ausgehen. Allerdings werden die Anforderungsprofile auf anspruchsvollere und qualitativ hochwertige Tätigkeiten ausgerichtet sein. Auch Roboter müssen designt, produziert, programmiert, instand gehalten und kontrolliert werden. Der Bedarf an einschlägigen Berufen, wie Big-Data-Spezialisten, wird steigen. Einzelne Berufsbilder, wie etwa eintönige Verwaltungsarbeiten, werden verschwinden, ganz neuartige Berufe, von denen wir uns heute noch kein Bild machen können, entstehen. Der Arbeitsalltag wird anspruchsvoller und sich auf die Lösung komplizierter und vielschichtiger Sachverhalte konzentrieren. Generell werden vor allem jenen Berufszweigen Zukunftschancen eingeräumt, die Intuition, Kreativität und Sozialkompetenz erfordern.

Daher muss in unserem Bildungs- und Ausbildungssystem die Schwerpunktsetzung über die Vermittlung von breitem Wissen sowie fachlicher und sozialer Kompetenzen hinaus auch verstärkt selbstständiges Denken, kritisches Hinterfragen und Mut zum Risiko einschließen. Ständige Weiterbildung ist in der neuen Arbeitswelt ein wichtiges Gebot, um mit den raschen technologischen Veränderungen Schritt halten zu können. Daher muss die Blockadepolitik, mit der in Österreich von einigen wenigen Machtpolitikern aus einzelnen Bundesländern und einzelnen Gewerkschaftsfunktionären ein zeitgemäßes, auf die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts ausgerichtetes Bildungssystem verhindert wird, im Interesse der Zukunft unserer Jugend und damit unseres Landes durch vermehrten öffentlichen Druck endlich zu Fall gebracht werden!


Zu den Besten gehören

Österreich muss die Chancen, die mit der von der Digitalisierung ausgelösten industriellen Schubwelle verbunden sind, verstärkt nutzen, wenn unser Land aus Zukunftsvergessenheit nicht weiter ins Abseits geraten will. Daher bedarf es eines neuen Aufbruchs mit dem gemeinsamen Willen, zu den Besten aufzuschließen.

Daher muss der Förderung von Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovationen endlich höchste Priorität eingeräumt werden, der überzogene und strangulierende Vorschriftendschungel durchforstet, die Regulierungswut eingedämmt und vernünftige gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dazu gehören auch die Bekämpfung von Cyber-Crime sowie die Abklärung, welche Rechte und Pflichten künftig ein Roboter haben darf. Im Zuge der Automatisierung wird auch eine Maschinensteuer wieder zum Thema werden. Diese Debatte muss mit großem Augenmaß und im allgemeinen Verständnis geführt werden, die industrielle Basis unseres Landes, die sich im globalen Wettbewerb behaupten muss, nicht zu schwächen oder gar zu vertreiben. Da wir ohnehin zu den Staaten mit der höchsten Steuerbelastung weltweit zählen, sind neue Steuern auf die Wertschöpfung und den Konsum kein zielführender Weg. Viel mehr gilt es, die von Rechnungshof und Wifo aufgezeigten Einsparungsmaßnahmen - vor allem über Entbürokratisierungen mit einem Potenzial von bis zu 20 Milliarden Euro - in die Tat umzusetzen.

Zusammengefasst: Österreich muss die Hausaufgaben für den Eintritt in das Zeitalter der Digitalisierung und Industrie 4.0 erfüllen. Und zwar dringend. Nur dann werden wir den erfolgreichen österreichischen Weg fortsetzen können und wieder wirtschaftliches Wachstum samt hoher Beschäftigung als grundlegende Voraussetzung für Wohlstand, Wohlfahrt sowie Umwelt- und Lebensqualität erreichen.

Essay aus FORMAT Nr. 51/52 2015
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