Ich bin's, dein Hausverstand 4.0

Ich bin's, dein Hausverstand 4.0

Richard Straub - Gründer und Präsident vom Global Peter Drucker Forum

Gastkommentar. Zur Zukunft der Arbeit in der digitalen Gesellschaft und der Gefahr, dass wir die Fortschritte des Westens nicht halten werden können.

Wenn wir uns heute zu Recht Sorgen um die Zukunft der Arbeit machen, so geht es dabei um eine Grundfrage der conditio humana: Im Blickpunkt steht nicht nur der Broterwerb, sondern die sinnstiftende und identitätsbildende Dimension von Arbeit. Hier lauert tatsächlich die große Gefahr: Denn wenn Menschen keine sinnvolle Rolle in der Gesellschaft mehr finden, schafft dies den Nährboden für totalitäre Strömungen.

Auf die Konsequenzen dieser "Verzweiflung der Massen" hat bereits der große österreichstämmige Gesellschafts- und Management-Vordenker Peter Drucker in seinem ersten Buch "The End of Economic Man" (1939) hingewiesen. Was heute am Spiel steht, ist daher nicht nur ein Hygienefaktor in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, sondern der Zusammenhalt der Gesellschaft an sich.

Vieles deutet auf eine Zeitenwende hin: Nach dem gewaltigen Anstieg von Wohlstand und sozialer Sicherheit in der westlichen Welt in den vergangenen 250 Jahren sehen wir uns derzeit mit der Frage konfrontiert, ob wir diese Errungenschaften auf Regionen der Welt ausweiten können, die bisher nicht davon profitieren konnten. In Wahrheit jedoch besteht die Gefahr, dass wir die erzielten Fortschritte selbst im Westen nicht werden halten können.

Nichts Gutes ist es, was sich über unseren Köpfen zusammenbraut: Zahlreiche europäische Länder leiden unter hartnäckiger Arbeitslosigkeit verschärft durch den Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit. Besonders hart trifft es die Jugend. Selbst in Schwellenländern, die eine nominell geringe Arbeitslosigkeit haben, liegt der Anteil der prekären Arbeitsverhältnisse bei 50 Prozent und in den Entwicklungsländern sind vier von fünf Arbeitenden davon betroffen, wie die International Labor Organisation (ILO) in ihrem jüngsten "World Employment and Social Outlook 2017" hervorhebt.

Gleichzeitig treibt die technologische Entwicklung die Bezahlung für gering qualifizierte Arbeit auch im Westen nach unten. Viele manuelle Tätigkeiten sind bereits automatisiert, und hoch entwickelte kognitive Software dringt zunehmend in Bereiche der Wissensarbeit vor. Gute und zugleich sichere Jobs sind weltweit Mangelware.

Die Frage, die wir uns stellen müssen: Weshalb hat uns die digitale Revolution keinen Aufschwung mit Jobwachstum gebracht, wie es den Technologierevolutionen der letzten 200 Jahre gelungen ist - Dampfmaschine, Elektrotechnik, Automobil, Petrochemie?

Schon Peter Drucker hat die Produktivität von Wissensarbeit als die wichtigste Herausforderung für das Management des 21. Jahrhundert überhaupt bezeichnet. Hätten wir heute nicht endlich alle Mittel in der Hand, die es braucht, um die Produktivität von Wissensarbeit gewaltig zu steigern?

Derzeit sorgen wir uns primär um die mit digitaler Technologie verbundenen Jobverluste. Die bevorstehende Revolution von Wissensarbeit ist jedoch kein technologisches Problem, sondern ein zutiefst menschliches. Keine Maschine kann Vernunft, Intuition, Kreativität und gesunden Menschenverstand ersetzen. Und der Glaube, dass Algorithmen und Big Data die Zukunft vorhersagen können, ist nicht nur utopisch, sondern nachgerade unverantwortlich.

Wer die Verantwortung an Maschinen abwälzt, riskiert desaströse Entscheidungen, die auf unzulänglichen Modellen der Realität beruhen. Wer unsere Zukunft in die Hände von GAFA (Google, Amazon, Facebook, Apple) und NATU (Netflix, Airbnb, Tesla, Uber) legen will, sollte das zweimal überlegen.

Der vom Silicon Valley vorexerzierte beinahe grenzenlose Hype von künstlicher Intelligenz (KI), Singularität und Transhumanismus bedarf einer entschlossenen Antwort: Wir müssen uns ebenso begeistert und engagiert mit der menschlichen Natur und den menschlichen Fähigkeiten auseinandersetzen, wie es derzeit im Bereich der Technologie selbstverständlich ist. Als Referenzpunkte dienen uns immerhin einige tausend Jahre Kultur, Wissenschaft, Philosophie und Zivilisation.

Die Herausforderung und Chance besteht darin, das Zusammenspiel von Wissenstechnologie und Mensch neu zu definieren. Dies wird nur gelingen, wenn wir die Perspektive grundlegend ändern und den Menschen ins Zentrum rücken.

Ein Unternehmen, ein Spital oder eine Behörde sind primär menschliche Gemeinschaften -keine Maschinen. Programme können zwischenmenschliche Beziehungen, Vertrauen, Gruppendynamik, Machtverhältnisse und politisches Verhalten niemals abbilden - und schon gar nicht ersetzen. Die wahre Produktivität des Wissens ist nicht nur Kosteneffizienz oder Erhöhung des Outputs, sondern vor allem die schöpferische "Innovationsproduktivität" - also die Fähigkeit, Wissen neu zu kombinieren und kreative Lösungen zu generieren.

Wie das aussehen kann, davon erzählt etwa Vordenkerin Arati Prabhakar, bis vor Kurzem Leiterin der US Defence Advanced Research Projects Agency (DARPA), einer der erfolgreichsten Forschungsinstitutionen der Welt. Prabhakar spricht von der Verschmelzung von Maschinenintelligenz mit dem menschlichen Verstand: Forscher, die eine Lösung für komplexe Probleme suchen, testen ihre Ideen mit dem KI-System, das die Hypothesen unter Nutzung gewaltiger Datenbestände bereichert. Die dabei stattfindenden Wissensiterationen werden immer vom Menschen kontrolliert und gestaltet - von "Big Data" zu "Big Insights". Idealerweise liefert die Verquickung von menschlicher Intelligenz, Kreativität und Intuition mit der Rechenanalyse- und spezifischen Lernfähigkeit von Maschinen Impulse für neue Kreativitätsschübe und Innovationen.

Dass Ähnliches auch bereits bei globalen gesundheitlichen Bedrohungen zu beobachten ist, zeigt Markus Müller auf, Rektor der Med-Uni Wien: Mit der weltweiten Vernetzung der hellsten Köpfe, verbunden mit dem Zugriff auf lokale und globale Datenbestände, wurde die Antwort auf Ebola und die jüngsten Ausbrüche der Vogelgrippe wesentlich beschleunigt.

"Moonshots" wie diese zeigen den Weg. Quasi die Formel 1 für die neue Form der Wissensarbeit, die über kurz oder lang auch in den Unternehmensalltag Eingang finden wird. Mehr noch: Der Innovationsschub, den wir erwarten dürfen, hat das Potenzial, neue Wirtschaftszweige hervorzubringen und die Neuorganisation der Gesellschaft zu beschleunigen.

Was feststeht: Die Zukunft unserer Gesellschaft ist auf das Engste mit der Zukunft der Arbeit verknüpft. Hier ist auch die Politik gefordert, die dafür zu sorgen hat, dass die Rahmenbedingungen stimmen - vom Schulsystem bis hin zu einer Kultur des lebensbegleitenden Lernens. Schwierige Übergänge müssen begleitet und abgefedert werden.

Menschen, die gelernt haben, kritisch zu denken und Maschinen als sinnvolle "Verstärkung" ihrer Intelligenz einzusetzen, werden nicht nur ihr kreatives Potenzial anzapfen können, sondern sind auch weniger anfällig für Einheitsmeinung und populistische Rattenfängerei.

Und die Vernunft und Intuition? Hat nicht ausgedient. Im Gegenteil: Wer in der Lage ist, die technischen Möglichkeiten mit den eigenen kreativen Ressourcen zu verknüpfen, hilft dabei, den Hausverstand 4.0 zu etablieren. Und sorgt dafür, dass er nicht nur im Slogan einer Supermarktkette überlebt.


Zum Autor

Richard Straub ist Gründer und Präsident des jährlich in Wien stattfindenden Global Peter Drucker Forum; www.druckerforum.eu . Am 30. August diskutiert er bei den Alpbacher Wirtschaftsgesprächenüber die Zukunft der Arbeit; www.alpbach.org .


Der Gastkommentar ist im trend. PREMIUM Ausgabe 21/2017 vom 26. Mai 2017 erschienen.
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