Ian Stewart: Der steinige Weg zum Post-Corona-Boom

Ian Stewart, Partner und Chief Economist Deloitte UK analysiert, was der bevorstehende Investitionsboom für die Produktivität heißt - und welche Narben die Pandemie zu hinterlassen droht.

Ian Stewart: Der steinige Weg zum Post-Corona-Boom

Ian Stewart, Partner und Chief Economist Deloitte UK

Im Laufe der Geschichte wurden Volkswirtschaften immer wieder durch globale Ereignisse herausgefordert. Durch die Coronakrise und das Streben nach Klimaneutralität haben innovative Technologien und neue Formen der Zusammenarbeit einen gehörigen Schub bekommen.

Die Verschiebung des sektoralen Gleichgewichts, der Wandel der benötigten Kompetenzen sowie die Umschichtung von Kapital werden Gewinner und Verlierer hervorbringen. Diese Entwicklungen führen dazu, Organisationen völlig neu zu denken, neue Investitionen zu tätigen und neue Potenziale für Produktivitätssteigerungen zu heben.

Nach dem Hochfahren der Wirtschaft in Europa entlädt sich nun der pandemiebedingte Nachfragestau auf Systeme, die während der Krise stark heruntergefahren worden waren. Daher zieht die Inflation an, es kommt vielerorts zu Engpässen. Gleichzeitig entstehen Anreize für Investitionen: Große Unternehmen verfügen aktuell über hohe Kassenbestände, das Kapital ist billig. Einige Beispiele: Die globale Knappheit bei Halbleitern hat eine Flut von Ankündigungen zur Errichtung neuer Fabriken zur Folge. Die Automobilhersteller stellen sich auf die steigende Nachfrage nach Elektrofahrzeugen ein und errichten neue Batteriewerke. Steigende Frachtraten führen zu einem Anstieg der Aufträge für Containerschiffe. Die Umstellung auf hybrides Arbeiten und die Zunahme des Onlineshoppings erfordern eine Redimensionierung von Büroräumlichkeiten und Lagerkapazitäten.

Die Erholung nach der Pandemie wird völlig anders aussehen als jene nach der globalen Finanzkrise.

Auch die Arbeitskosten spielen bei zukünftigen Investitionsentscheidungen eine gewichtige Rolle. In der Industrie und im Baugewerbe beobachten wir einen zunehmenden Arbeitskräftemangel. Angesichts knapper werdender Arbeitskräfte steigen die Anreize, in produktivitätssteigernde Anlagen und Skills zu investieren. So könnten Maschinen zukünftig zunehmend menschliche Arbeitskräfte ersetzen.

Höhere Investitionsausgaben des Privatsektors dürften mit steigenden öffentlichen Infrastrukturinvestitionen einhergehen - vor allem im Zusammenhang mit "grünen" Projekten. Die Erholung nach der Pandemie wird jedoch völlig anders aussehen als jene nach der globalen Finanzkrise. Laut Analysen von Morgan Stanley werden die weltweiten Investitionen Ende 2022 um 20 Prozent über dem Niveau vor der Pandemie liegen - eine bemerkenswerte Erholung gegenüber dem historischen Tiefpunkt im Jahr 2020. Dieser Investitionsschub könnte dazu beitragen, die Produktivität zu steigern, vor allem wenn er von organisatorischen Veränderungen und neuer Technologie begleitet wird.

In Großbritannien haben wir gesehen, wie der Einsatz von Technologie die Produktivität in traditionell arbeitsintensiven Sektoren erhöht hat. Der Einzelhandel und administrative Dienstleistungen verzeichneten in den letzten zehn Jahren nach langer Stagnation ein starkes Produktivitätswachstum. Onlineshopping, Self-Service-Systeme und die Digitalisierung der Verwaltung spielten dabei eine Rolle. In nächster Zeit könnten das Gesundheits- und das Bildungswesen ähnliche Produktivitätszuwächse erzielen.

Der größte Strukturwandel seit der Elektrifizierung und der Großen Depression in der Zwischenkriegszeit.

Aber: Der Weg dorthin wird steinig. Noch ist nicht klar, wie stark sich beispielsweise die Zunahme von Heimarbeit auf die Produktivität auswirken wird - ein Mehr an benötigter Kommunikation und Koordination könnte hier kontraproduktiv sein.

Zudem steigen die Investitionen nicht in allen Sektoren. Unternehmen im Bereich fossiler Energien und Fluggesellschaften kürzen jetzt ihre Ausgaben, da sie eine dauerhaft schwächere Nachfrage erwarten. Durch strukturelle wirtschaftliche Verschiebungen könnte ein Missverhältnis zwischen Arbeitskräfteangebot und -nachfrage entstehen. Die pandemiebedingten Schließungen der Schulen und die steigende Arbeitslosigkeit könnten zudem bleibende Narben in der Gesellschaft hinterlassen.

Die Pandemie und die Energiewende stellen den größten Strukturwandel seit den Zeiten der Elektrifizierung und der Großen Depression in der Zwischenkriegszeit dar. Die Frage ist nun: Wie können diese Veränderungen genutzt werden, um eine bessere Zukunft zu schaffen? Die Jahre nach der Finanzkrise waren von schwachem Investitions-, Produktivitäts- und Lohnwachstum gekennzeichnet. Europa sollte es dieses Mal besser machen.

Zur Person


Ian Stewart ist Partner und Chief Economist von Deloitte UK. Er schreibt einen populären wöchentlichen Wirtschaftsblog, das Monday Briefing. Stewarts deutscher Kollege Alexander Börsch spricht am Europäischen Forum Alpbach am 30. August um zehn Uhr zum Thema "Business in a Post-Covid World", Ort: Hotel Alphof.

Simon Arne Manner

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