Deloitte-UK-Chefökonom: Mehr Frauen in Vollzeit!

Ian Stewart, Chefökonom von Deloitte UK

Ian Stewart, Chefökonom von Deloitte UK

Der Chefökonom von Deloitte UK, Ian Stewart, sieht im Arbeitsmarkt die Hauptursache für das schlechte Abschneiden Österreichs im globalen Standort-Ranking.

Ein starkes und stabiles Wachstum ist für den Wohlstand eines Landes unerlässlich -darüber herrscht bei Experten weitgehend Einigkeit. Doch wie können wir all die Faktoren, die die Basis für Wachstum bilden, überhaupt erfassen?

Internationale Rankings zur Wettbewerbsfähigkeit der Standorte, in die enorme Mengen aggregierter mikroökonomischer Daten einfließen, liefern ein recht gutes Bild. Sie ermöglichen Vergleiche zwischen den Volkswirtschaften. Die regelmäßig veröffentlichten Rankings erzählen uns viel über die Entwicklung der einzelnen Standorte.

Die Geschichte ist reich an Beispielen für Länder, die ihre Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt haben. Man denke nur an den krassen Gegensatz zwischen der Dynamik und dem Wohlstand Argentiniens zu Beginn des 20. Jahrhunderts und den Erfahrungen der letzten drei Jahrzehnte. Auch die Wachstumsraten Italiens gehen nach wirtschaftlich erfolgreichen Jahren seit den 1980ern drastisch zurück, was vor allem regulatorischen und institutionellen Schwächen anzulasten ist.

Es gibt aber auch Erfolgsgeschichten. Die Reformen Margaret Thatchers in den 1980er-Jahren stärkten die britische Wirtschaft und führten zu deutlich besseren Kennzahlen bei Arbeitslosigkeit, Auslandsinvestitionen und Inflation. Zu Beginn des neuen Jahrtausends bescherten die Hartz-Reformen Deutschland eine der niedrigsten Arbeitslosenraten Europas.

Tiefgreifende Strukturreformen sind jedoch politisch meist umstritten. Schließlich erfordern sie die Aufgabe etablierter Handlungsmuster und bringen in der Hoffnung auf bessere Wachstumsaussichten das Risiko massiver Verwerfungen mit sich. Beleg für die politischen Gefahren solcher Eingriffe sind die heftigen Reaktionen auf die Reformagenda des französischen Präsidenten Macron.


Mehr Frauen in Vollzeitarbeit zu bringen, würde ein höheres Wachstumspotenzial bedeuten.

Es ist wohl kein Zufall, dass zumeist jene Länder die Rankings der Wettbewerbsfähigkeit anführen, in denen ein gewisses Maß an Kohärenz und Konsens über die allgemeinen wirtschaftspolitischen Ziele herrscht. Erfolgreiche Strukturreformen erfordern zunächst eine gewisse Unterstützung innerhalb eines Landes.

Österreich liegt im WEF Global Competitiveness Index der OECD auf dem keineswegs berauschenden Platz 22. Für uns Londoner Ökonomen mit Fokus auf die Weltwirtschaft ist es erstaunlich, dass Österreich deutlich hinter Ländern wie der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden rangiert, mit denen die Alpenrepublik doch viel gemeinsam hat.

Natürlich lässt sich der Abstand mit diversen Faktoren erklären, Hauptursache ist aber wohl der Arbeitsmarkt. Der hohen Erwerbstätigkeit der Frauen in Österreich steht ein deutlich höherer Anteil der Teilzeitarbeit als in vielen anderen EU-Ländern gegenüber. Mehr Frauen in Vollzeitarbeit zu bringen, würde also ein höheres Wachstumspotenzial bedeuten. Auch Steuern haben -wenngleich sie natürlich politisch entschieden werden - weitreichende Auswirkungen auf das wirtschaftliche Wachstum. In Österreich sind die Steuern auf Arbeit um rund ein Drittel höher als im OECD-Durchschnitt. Darüber sollte man nachdenken.

Rankings der Wettbewerbsfähigkeit und des Wohlstandes bieten wertvolle Hinweise auf die Wirtschaft und Sozialpolitik eines Landes. Allerdings erzählen sie nicht die ganze Geschichte. Es gibt noch drei weitere Indikatoren, die das Bild vervollständigen -und auch die Stärken Österreichs betonen.

Mit der Produktivität pro Stunde, einer bei Ökonomen besonders beliebten Output-Kennzahl, liegt Österreich unter den OECD-Ländern auf dem ausgezeichneten Platz sechs. Davon können etwa die politischen Entscheidungsträger des Vereinigten Königreichs nur träumen. Betrachtet man das Pro-Kopf-BIP, schneidet Österreich ähnlich wie Dänemark und Deutschland mit dem neunten Platz ebenfalls stark ab. Und Wien steht als lebenswerteste Stadt der Welt mit dem Höchstwert in vier von fünf Kategorien auf Platz eins des Global Liveability Index 2018.

Allerdings wird sich das Wachstum in Österreich heuer voraussichtlich verlangsamen. Die EU-Kommission prognostiziert für 2019 ein Wachstum von 1,6 Prozent gegenüber 2,7 Prozent im Vorjahr. Sollte das Wachstum auch bei den wichtigen Handelspartnern in der Eurozone nachlassen oder der zunehmende Protektionismus zu einem globalen Handelskrieg führen, könnte es turbulent werden. Österreich kann diese kurzfristigen Faktoren nicht beeinflussen, aber es kann langfristig ein Umfeld für starkes und stabiles Wachstum schaffen.

Es gibt bereits jede Menge Gründe, die österreichische Wirtschaft und ihre Leistungen zu bewundern. Wie in praktisch allen reichen Volkswirtschaften gilt allerdings auch für Österreich: Es gibt noch Luft nach oben.

Zur Person

Ian Stewart ist Partner und Chefökonom bei Deloitte UK. Er berät Behörden und Unternehmen bei makroökonomischen Fragestellungen. Zuvor war Stewart zwölf Jahre lang als Chefökonom für Europa bei der US-Investmentbank Merrill Lynch in London tätig.


Der Gastkommentar ist der trend-Ausgabe 14/2019 vom 5. April 2019 entnommen.

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