Homo deus im Silicon Valley

Homo deus im Silicon Valley

Andreas Salcher - Bestsellerautor, Bildungskritiker und regelmäßiger trend-Autor.

trend-Autor Andreas Salcher hat einen dreiwöchigen Trip in die Zukunft unternommen: Im kalifornischen Silicon Valley schaffen sie nämlich gerade das Sterben ab, lassen Gelähmte wieder gehen und programmieren das menschliche Gehirn neu.

Wenn Du Milliardär werden willst, dann verbessere das Leben von Milliarden von Menschen: "Be Exponential", wurde Anfang August in San Francisco beim Singularity University Global Summit von 1.400 Teilnehmern aus 64 Ländern gefordert. Die vom Leiter des Google-Entwicklungslabors und Technologie-Visionär Ray Kurzweil initiierte Uni unterstützt Projekte, die das Leben von mindestens einer Milliarde Menschen verbessern sollen.

Kleine Brötchen backen ist definitiv nicht das Ziel der Singularity University. Die Vision der Gründer ist, mit Hilfe des technologischen Fortschritts die großen Probleme der Menschheit zu lösen: Wie schaffen wir den Hunger ab? Wie können wir Milliarden von Kindern in unterentwickelten Regionen Bildung anbieten? Wie gehen wir mit den Folgen des Klimawandels um?

Das Vermögen in den Händen von superreichen Philanthropen wie Larry Page, Sergey Brin, Bill Gates, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos soll derart ehrgeizige Ziele erreichbar machen. Geld spielt dabei keine Rolle. Es geht um das richtige Mindset.

Exponentielles Denken gilt auch als das Erfolgsrezept der letzten wirklich erfolgreichen Start-ups Airbnb und Uber. Diese beiden bekannten Unternehmen sollen hier als Beispiel dafür dienen, welche Wirkungen exponentielles Denken haben kann.

Airbnb ist derzeit weltweit der zweitgrößte Anbieter von Übernachtungsmöglichkeiten am Sprung zur Nummer eins, ohne ein einziges Hotel zu besitzen. Uber bietet seinen Kunden Millionen von Fahrzeugen mit Fahrern an, verfügt selbst aber über kein einziges Auto. Im Silicon Valley und in San Francisco ist das Taxisterben absehbar. Redet man mit Uber-Fahrern, erzählen diese übereinstimmend, dass sie sechs Tage die Woche zwölf Stunden arbeiten.

Viele Städte in Europa versuchen, den Durchmarsch des für seine wenig zimperlichen Methoden bekannten Unternehmens mit bürokratischen und juristischen Methoden zu verhindern. Sie übersehen dabei, dass Googles Muttergesellschaft, Alphabet, bereits an einem noch revolutionäreren Konzept arbeitet und dieses zum Start mit 250 Millionen Dollar ausgestattet hat. In China, dem weltweit größten Markt für Taxi-Apps, haben die beiden führenden lokalen Anbieter, Didi Dache und Kuaidi Dache, zu Didi Kuaidi fusioniert. Sie verzeichnen mit täglich sechs Millionen Fahrten sechsmal mehr als Uber in China.

Die für manche unangenehme Wahrheit lautet: Man kann zwar einzelne digitale Unternehmen mit Gesetzen in ihrem Wachstum behindern oder sie vielleicht sogar zum Rückzug zwingen, aber die immer gewaltigeren disruptiven Umbrüche kann man nicht durch lokale administrative Maßnahmen stoppen. Und im Gegensatz zur Globalisierung, die Jahrzehnte lang gedauert hat, verläuft die digitale Revolution mit rasender Geschwindigkeit.

Die meisten österreichischen Topmanager haben das schon lange verstanden und versuchen, ihre Geschäftsmodelle daran auszurichten. Es gibt überraschend viele österreichische Mittelbetriebe, die sich in bestimmten Nischen im Silicon Valley einen Namen gemacht haben.

Die Politik beschäftigt sich leider lieber mit der akribischen Kartierung von Wien in Parkpickerlzonen als mit der Zukunft des Transportwesens, und sie klammert sich an Ladenöffnungszeiten statt sich mit den revolutionären Umbrüchen im Handel auseinanderzusetzen.

Ausgehend von einer drei Wochen langen Studienreise im Silicon Valley erlaube ich mir, vier subjektive Thesen und einige provokante Fragen anzubieten. Diese werden weder im österreichischen noch im deutschen Wahlkampf eine Rolle spielen, aber unser aller Leben in den nächsten fünf Jahren spürbar und in den nächsten 15 Jahren radikal verändern.

1. Warum Artificial Intelligence (AI) kein Modetrend, sondern eine Revolution wie das Internet ist.

Im Jahr 2016 beherrschte Alexa, das digital sprachgesteuerte Gerät von Amazon, 135 Fähigkeiten, heute sind es schon 15.000. Der von der Wissenschaftlerin Noriko Arai entwickelte Todai-Roboter lag bei der extrem selektiven Aufnahmeprüfung für die Universität von Tokio in Mathematik im besten einem Prozent der Bewerber und schrieb in Englisch sogar den besten Essay.

Kein anderes Thema polarisiert derzeit das Silicon Valley so wie AI. So warnte ausgerechnet der Technologievisionär Elon Musk vor künstlicher Intelligenz als der "größten Bedrohung, der wir als Zivilisation gegenüber stehen". Facebook-Gründer Mark Zuckerberg widersprach sofort heftig: "Das ist wirklich negativ, und in mancher Hinsicht, denke ich, ist es auch unverantwortlich."


Sobald künstliche Intelligenz die menschliche überholt, könnte sie die Menschheit ganz einfach auslöschen.

In Wahrheit steckt eine unbeantwortbare Frage hinter dieser Diskussion: Kann es einen Punkt in der Entwicklung von AI geben, an dem sich die Computer so miteinander vernetzen, dass wir Menschen sie nicht mehr kontrollieren können?

Vordenker wie Nick Bostrom warnen davor, dass die Menschheit diese Degradierung vermutlich gar nicht bewusst wahrnehmen würde. Denn sobald die künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz überholt, könnte sie die Menschheit ganz einfach auslöschen, getrieben von der Angst, die Menschen würden im letzten Augenblick den Stecker ziehen.

In absehbarer Zeit wird das wohl kaum passieren, sondern es gibt die Hoffnung, dass wir alle durch AI entscheidende Verbesserungen in unserem Leben erfahren werden: Kranführer können statt in gefährlicher Höhe von bequemen Arbeitsplätzen am Boden ihre Kräne exakt steuern, Windkraftwerke können aufgrund exakter Prognosen effizienter genutzt werden, selbstfahrende Autos reduzieren die Zahl der 1,25 Millionen jährlichen Verkehrstoten entscheidend. Brainports in der Zunge ermöglichen es Blinden, wieder sehen zu können, die Muskeln von Gelähmten können neu gebildet werden, Schlaganfallpatienten können vollständig wiederhergestellt werden, die Parkinson-Krankheit wird direkt im Gehirn gestoppt. Idealerweise werden wir unser Kurzzeitgedächtnis von vielen Aufgaben entlasten, die AI weit besser für uns leisten kann, und dafür die kreativen Teile unseres Gehirns intensiver nutzen.

Einen neuen Aspekt bringt der AI-Experte De Kai ein: AI - dazu zählt für ihn jedes Smartpohne - lerne wie jedes Kind durch Anpassung an seine Umwelt. Wenn wir daher unsere Smartphones und andere Anwendungen ständig für Dinge wie verletzende Postings verwenden, dann "sozialisieren" wir sie in eine falsche Richtung. So gebe es noch keinen Button für "Das ist nicht respektvoll". Kai plädiert dafür, dass wir die Entwicklung von AI nicht nur Programmierern überlassen, sondern selbst Verantwortung dafür übernehmen.

Die Konsequenzen von AI für traditionelle Jobs dürfen jedenfalls nicht schöngeredet werden. Von den 600 Mitarbeitern bei der niederländischen ING-Bank, die Dokumente bearbeitet haben, sind nach dem Einsatz eines AI-Programmes noch 20 übrig geblieben. Andererseits gibt es heute Millionen von Jobs, die vor zehn Jahren noch nicht existiert haben.

2. Das Innovations-Dilemma, oder: Wie man das Immunsystem großer Organisationen austrickst.

Clayton Christensen, Professor an der Harvard Business School, hat in seinen Studien herausgefunden, warum etablierte Unternehmen den Wettbewerb um bahnbrechende Innovationen verlieren. So hatte Kodak die Digitalkamera bereits im Jahr 1975 fertig entwickelt, aber viel zu spät auf den Markt gebracht. Marktführer stecken im Dilemma, dass sie lange Zeit profitabel ihre Kunden mit einem erfolgreichen Produkt bedienen, dieses zwar ständig optimieren, dabei aber verabsäumen, etwas wirklich Neues zu schaffen.

Wirklich innovative Produkte sind am Anfang ihres Zyklus immer sehr teuer, und Kinderkrankheiten schrecken die Konsumenten ab. Sind diese behoben, dann steigert sich der Kundennutzen exponentiell, das führt zu einem Absturz des etablierten Marktführers, der nicht mehr rechtzeitig reagieren kann, so wie das Nokia mit den Smartphones passiert ist.

Selbst wenn ein visionärer CEO das Problem erkennt, schafft er es meist nicht, die Organisation schnell genug zu transformieren, weil sich dessen Immunsystem zu stark dagegen wehrt. Daher scheitern 70 bis 80 Prozent aller Top-down-Transformationsstrategien.

Der Leiter des Deloitte-Innovationszentrums, John Hagel, lebt seit 35 Jahren im Silicon Valley und bringt das Problem sarkastisch auf den Punkt: Zwar haben mittlerweile fast alle relevanten Unternehmen der Welt ein Innovations-Lab im Silicon Valley, allerdings mit einem klaren Auftrag: Wir geben euch Ressourcen und alle Freiheiten, damit ihr dort experimentieren könnt. Aber bitte bleibt dort und kommt ja nie zurück - ihr bringt sonst in unserer Organisation alles durcheinander.

Die Transformation von großen Organisationen ist immer politisch, von Emotionen getrieben und nicht rational und faktenbasiert. Daher ist es notwendig, sich auf die Menschen und deren Emotionen zu konzentrieren und nicht auf empirisch-rationale Strategien zu setzen.

Ein Ausweg sind "Scaling the Edge"-Strategien. Man probiert Innovationen am Rande der Organisation und skaliert diese, wenn sie erfolgreich sind. Daraus entwickelt sich dann die neue Kernorganisation.

Digitalisierung heißt eben nicht, alles weiterhin so zu machen wie bisher, nur billiger und schneller, das sei keine Transformation. John Hagel empfiehlt eine "Zoom-out, Zoom-in"- Strategie. Zuerst soll man mit einer Perspektive von 20 Jahren in die Zukunft zoomen: Welche Organisation brauchen wir dann, um die Kundenwünsche zu befriedigen? Wie wird sich der Markt verändert haben? Welche Mitarbeiter brauchen wir dafür? Dann erfolgt der "Zoom-in": Welche zwei Initiativen sollen gestartet werden, die das Unternehmen innerhalb von sechs bis zwölf Monaten in dieses Richtung bringen. Wenn diese dann erfolgreich sind, dann werden sie gehebelt und bilden die Basis für die neue Organisation.

3. Augmented Reality verändert die Art, wie wir arbeiten und konsumieren.

Unter Augmented Reality versteht man die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung auf allen sinnlichen Ebenen. Wer jemals eine hochwertige Augmented-Reality- Erfahrung gemacht hat, der weiß, dass das eine völlig andere Dimension als die mit einer Virtual-Reality-Brille ist.


Wird es möglich sein, 500 Jahre alt zu werden? Bill Maris, CEO von Google Ventures, sagt schlicht: "Ja."

Die Anwendungsmöglichkeiten sind heute bestenfalls zu erahnen: Kinder werden sich mit ihrer Fantasie virtuelle Spielgefährten schaffen, zu denen sie Beziehungen aufbauen und die auch als Mentoren für sie wirken. Wenn wir eine Konzertkarte kaufen, können wir die Perspektive im Saal vom gewählten Sitzplatz aus erleben. Im Supermarkt werden nur noch jene Produkte eingeblendet, die wir tatsächlich suchen. Wir werden Wettervorhersagen und Börsenkurse mit allen Sinnen spüren.

Ein Zitat von Apple-CEO Tim Cook zeigt die Richtung: "Augmented Reality wird im großen Stil kommen, und wenn sie das tut, werden wir uns fragen, wie wir jemals ohne sie gelebt haben."

4. Der Homo Deus erhebt sich über den Homo sapiens und schafft das Sterben ab.

Transhumanismus ist die ehrgeizigste, manche meinen, auch die gefährlichste Idee, an der im Silicon Valley mit Hochdruck gearbeitet wird. Die Lebenserwartung des Menschen soll dabei durch Verschmelzung mit Computerintelligenz so weit ausgedehnt werden, dass irgendwann das Sterben obsolet wird.

Ray Kurzweil ist davon überzeugt, dass wir unser menschliches Bewusstsein in 15 Jahren mit der Cloud verbinden können. Das entspräche dann jenem Zuwachs an Intelligenz, den die Evolution der Menschheit durch die Ausprägung des Frontallappens des Gehirns schenkte.

Der Homo Deus würde sich über den Homo sapiens erheben, wie das der israelische Historiker Yuval Harari in seinem gleichnamigen Bestseller prognostiziert.

Alles nur die Spinnereien? Mit Bill Maris hat Google im Jahr 2015 einen Unsterblichkeitsgläubigen zum CEO des Investmentfonds Google Ventures gemacht: "Wenn Sie mich heute fragen, ob es möglich ist, 500 Jahre alt zu werden, so lautet die Antwort: Ja!"

Maris untermauert seine These mit dem Faktum, dass Google Ventures 36 Prozent seiner zwei Milliarden Dollar in Start-up-Unternehmen aus dem Bereich Biowissenschaften/Life Sciences investiert, darunter einige Projekte zur Lebensverlängerung. Den Kampf gegen den Tod sieht Marvis sportlich:"Wir versuchen nicht, ein paar Meter gutzumachen. Wir versuchen, das Spiel zu gewinnen. Weil leben besser ist als sterben."

5. Fragen, die mich manchmal nachts nicht schlafen lassen.

Was ist, wenn unsere Annahmen über die Zukunft falsch sind? Was ist, wenn Computer Jobs schaffen, statt sie zu vernichten? Was ist, wenn unser Smartphone bald smarter ist als wir? Was ist, wenn unser Bildungssystem komplett falsch ist, weil das Wissen, das es unseren Kindern in zwölf Jahren vermittelt, zu 98 Prozent veraltet sein wird, wenn sie es brauchen?

Was mache ich, wenn AI-Programme bessere Bücher schreiben als ich? Was wird aus uns Menschen, wenn hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst? Das ist weniger schwierig, als es vielleicht klingt, wenn man bedenkt, dass sich die meisten Menschen selbst nicht besonders gut kennen. Was wäre, wenn das größte Problem wir selbst sind?

Inside Silicon Valley

Wenn Sie mehr über das Silicon Valley erfahren wollen: Die Singulartiy University bietet zusätzlich zum jährlichen Summit in San Francisco hochwertige Executive-Programme an: www.su.org. In Österreich gibt es ein Chapter, das von Markus Heingärtner geleitet wird: www.singularityuvienna.com.

Niki Ernst ist im Silicon Valley bestens vernetzt. Er organisiert mit seiner Firma Touren für Einzelpersonen und Unternehmen: www.siliconvalleyinspirationtours.com.

Das Buch "Das Silicon-Valley-Mindset: Was wir vom Innovationsweltmeister lernen und mit unseren Stärken verbinden können" von Mario Herger ist eine hervorragende Einführung. Als Türöffner für österreichische Unternehmen ins Silicon Valley haben das Außenministerium und die WKO Open Austria gegründet. www.open-austria.com.

Der Autor

Andreas Salcher ist Bestsellerautor, Bildungskritiker und regelmäßiger trend-Autor. Gemeinsam mit Primas Consulting berät er Unternehmen dabei, die Herausforderungen der digitalen Transformation zu bewältigen.


Das Essay ist im trend 36/2017 erschienen

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