Helmut A. Gansterer: Wie wir wurden, was wir sind

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Essay. Eine Aufklärung samt der Frage, ob Unternehmer Rudeltiere oder Solisten sind.


Den ganzen Tag lang hatte ich daran denken müssen, dass ich durchaus berechtigt war, mich für ein Original zu halten. Ein schöner Tag.

Paul Theroux Orlando oder die Liebe zur Fotografie


Einer meiner weisesten Brieffreunde war Kollege Robert Löffler. Man rief ihn auch "Telemax" oder lautmalerisch "Robert Le Fleur". Neben seinem zauberischen Schreibstil, den er auch in Briefen pflegte, hatte er einige "Einstiege" entwickelt, die Kolumnen sofort als die seinigen auswiesen. Als Zeichen ewigen Respekts stehle ich einen seiner Einstiege für diesen Essay, der also im Tonfall Löfflers wie folgt beginnt.

Es ist jetzt auch schon 13 Milliarden Jahre her, dass Materie, Energie, Raum und Zeit in einem Urknall zur Welt kamen. 300.000 Jahre danach verbanden sich Materie und Energie zu Atomen und diese zu Molekülen. Doch erst vor vier Milliarden Jahren schichteten sich die Moleküle zu komplexen Strukturen, die wir Organismen nennen. Und vor 70.000 Jahren, praktisch gestern, entwickelte sich einer dieser Organismen sensationell. Die Rede ist von uns.

Nur die Wahrheitsliebe übertrifft unsere Bescheidenheit. Daher nennen wir diesen Organismus Homo sapiens, den weisen Menschen. Und glauben, dass er im grenzenlosen Universum unübertroffen ist.

Der Homo sapiens konnte erstmals aus einer dumpfen Materie den Funken des Geistes schlagen. Bis heute ist mysteriös, wie er das Tierische übersteigen konnte. Eine neue Beschaffenheit des Gehirns und eine Art Sprache befähigten ihn zu Höherem. Vor allem zur Kooperation und damit zur Schaffung sogenannter Kulturen. Diese formten in ständiger Veredelung die heutige Menschheit.

Wobei in der Darstellung des Historikers Yuval Noah Harari (Hebrew University of Jerusalem) drei Revolutionen den Prozess beschleunigten und in höhere Ebenen führten.

  1. Die kognitive Revolution (vor 70.000 Jahren), im Wesentlichen die Fähigkeit, aus wiederkehrenden Erlebnissen einen Goldschatz von Erfahrungen zu sieben, der Schritt für Schritt das Leben leichter machte.
  2. Die landwirtschaftliche Revolution (vor 12.000 Jahren). Diese drängte das Nomadenleben zurück. SieD schenkte in guten Erntejahren eine stabile Ernährung, eine Vorratshaltung und winterfeste Wohnstätten.
  3. Die noch taufrische wissenschaftliche Revolution (vor 500 Jahren). Die zugleich faszinierendste und gefährlichste Stufe, da sie die Option der Selbstvernichtung der Menschheit einschließt, falls diese den Zauberlehrling "Technik" nicht bändigen kann.

Zunächst brachte die Wissenschaft ab dem 16. Jahrhundert die Kirche Roms ins Wanken, aber nicht um. Man überlebte Luther (1483-1546), die Reformation, grausame Glaubenskriege und schließlich auch diesen Charles Darwin (1809-1882), der gegen den Schöpfungsplan Gottes die Mutation der Organismen in Stellung brachte.

Vatikan-Korrespondenten der Medien beobachten derzeit wieder eine Zuversicht der vatikanischen "Krisen-Aussitzer". Deren Theorie lautet:

  • Es gab schon größere Krisen als heute. Auch wenn die Verelendung der kleinen Kirchen auf dem flachen Land und das Versiegen des Ordensnachwuchses bekümmern. Dies wird sich von selbst wieder geben. Bis dahin ist der menschliche und bescheidene, bei den Purpur-Kardinälen schlecht gelittene Franziskus ein passabler Übergangspapst, der den Deckel auf dem Topf hält.
  • Bald aber wird die Kirchen-Krise einem ungeahnten Frühling weichen. Die Kälte des Ursache-Wirkung-Denkens der Wissenschaftler und die groteske Fortschrittsgeschwindigkeit der Digital-Techniker drängen schon jetzt wieder viele in die warme Bildwelt des Katholizismus zurück.

Ah, wie einfach war das Leben, als der Anfang des Menschen noch nicht im Homo sapiens gesucht wurde. Sondern in einem Paradies mit Obstbäumen und einer Schlange, die so heimtückisch war wie die Schlange Kaa in Rudyard Kiplings "Dschungelbuch". Und mit zwei Nackerten, die die Ursünde auf sich zogen. Man erwägt auch wieder die Rückkehr der lateinischen Sprache in die Liturgie. Die Nationalsprache war ein ketzerischer Irrweg, ihre Verständlichkeit störte das Mystische der Religion.

In den letzten 2.000 Jahren war es nie klug, die Kirche zu unterschätzen. Sie verdient auch künftig Interesse. Das nun dem Homo sapiens namens Unternehmer gilt.

Wir wissen über die Unternehmer-Anfänge wenig.

Die Unwissenheit über die Unternehmer-Anfänge nützen die Wichtigmacher. Sie schildern ihn als frühen, asozialen Egozentriker. Grotesker Unsinn. Jahrtausende lang konnte man nur in Stammesgemeinschaft überleben.

Unsinn ist auch, die Aristokraten alter Monarchien als Unternehmer zu verstehen. Dafür fehlte die Konkurrenz. Sie befahlen über alle Produktionsmittel, also Wald, Flur, Tier und Mensch. Ambitionierte Untertanen wurden erschossen und namenlos verscharrt.

Das besserte sich erst, als die industrielle Revolution einsetzte und Philosophen wie Hume, Locke und Adam Smith gehört wurden. Die Bürgerlichen stiegen als neue Klasse auf. Sie waren den Aristos als Unternehmer und Steuerzahler überlegen.

Eine Frage blieb immer offen: Sind Unternehmer in den Kategorien Darwins eher Art, Familie und Gattung, oder sind sie radikale Individualisten?

Wahrscheinlich beides. Wahrscheinlich fühlt man Sympathie zu Gleichartigen. Aber keine warme Nähe wie bei Arbeitern. Es gilt die volle Konzentration aufs eigene Programm, schon aus Zeitnot. Das gemeinsame Unternehmerische wird eher ausgelagert in Interessenvertretungen. Firmenintern ist man um zwei Brennpunkte bemüht: einerseits die Motivation der Mitstreiter, anderseits die Bewahrung schneller, autoritärer Entscheidungen.


Keiner der Unternehmer kann sich vorstellen, einen über sich zu haben, dem er noch mehr Fehler zutraut als sich selbst.

Auch die Gründe, warum man Unternehmer wurde, schaffen wenig Gemeinsames. Der eine will die eigene Familienfirma retten. Der andere will sein Patent selbst vermarkten, obwohl er mit den Lizenzgebühren lebenslang im Nizza- Negresco wohnen und in Kunst und im Meer der Côte d'Azur baden könnte.

Die wesentliche Gemeinsamkeit liegt vielleicht darin, dass sich keiner der Unternehmer mehr vorstellen kann, einen über sich zu haben, dem er noch mehr Fehler zutraut als sich selbst.

Es ist kein Bild reinen Glücks, aber doch eines der schönsten, seit die Bürgerlichen freie Hand haben, ungebremst von einst "gottgewollten" Machtstrukturen. Und jene Unternehmer, die noch Sinn für Geschichte haben, werden aus diesem Privileg viel Kraft und Freude ziehen. Was im Übrigen keine Frage des Alters ist, sondern nur eine Frage der Bildung, die man sich aufbürdet.

Wohl dem, der weiß, woher er kommt. Auch wenn er damit noch lang nicht weiß, wohin er gehen wird.

Nachschlag

Dieses Kapitel ist ein Nachschlag, ein zusätzlicher Schuss österreichischen Gins (der mittlerweile viele Traditionsmarken übertrifft) ins Tonic, dazu noch einen Eiswürfel, um alles frisch zu halten. Ich serviere ihn jenen, die auf ständige Optimierung aus sind.

Unsere Zeit ist hungrig nach Rezepten. Man möchte gern wissen, wie es die Sieger machen. Das ist keineswegs unklug. Es macht durchaus Sinn, von fremden Ideen belebt und von fremden Fehlern abgeschreckt zu werden. Diesbezüglich sind gründliche Porträts im trend oft eine Fundgrube, die sich verzinst. Man zahlt einen Cent fürs Heft und vermeidet einen fremden Fehler, der 100.000 Euro gekostet hätte. Oder zieht aus einer fremden Idee einen Gewinn.

Dies darf aber, wenn ich mir einen Tipp erlauben darf, nur ein zusätzlicher Gewinn zu jenem sein, den man selbst schafft. Mir ist kein einziger Fall bekannt, wo allein die Nachahmung eines Erfolgreichen einen zweiten Erfolgreichen hervorbrachte. Denn jeder Unternehmer ist singulär und jedes Unternehmen ein Unikat. Eine direkte Vergleichbarkeit ist niemals gegeben.

Man muss dies so deutlich sagen, um Unglücksfälle zu vermeiden, die es gab. Der Markanteste liegt lang zurück. Lee Iacocca war der einzige Boss, der durch persönliches Auftreten in Werbespots seine Firma (Chrysler) rettete. Nachahmer gingen daran zugrunde. Sie übersahen eine Kleinigkeit. Sie selbst waren nicht Iacocca. Und ihre Firma war nicht die Chrysler-Company, der halb Amerika ein Überleben gönnte.

Ein Unternehmer muss zunächst von sich selbst und seinem Produkt überzeugt sein. Und ständig seine Leidenschaft dafür überprüfen. Das ist so banal, dass es schon beim Schreiben wehtut. Aber es ist halt auch wahr.

Früher, als ich noch Pressekonferenzen besuchte, in denen neue Produkte vorgestellt wurden, konnte ich unfehlbar sagen, welche ein Erfolg werden würden. Es waren jene, wo der Boss selbst sich die Ehre gab und mit Leidenschaft über sein Kind sprach.


1) Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit. Pantheon, München 2015


Der Essay ist der trend-Ausgabe 43/2017 vom 27. Oktober 2017 entnommen.

Kommentar
Thomas Becker

Standpunkte

Warum die Autobranche an neuen Provisionssystemen feilt

Kommentar
Franz Ferdinand Wolf

Standpunkte

Krankenhaus Wien-Nord: Das Geld ist im Brunnen

Kommentar
Heinrich Schaller, Generaldirektor der Raiffeisen Landesbank Oberösterreich

Standpunkte

Genossenschaften - eine moderne Idee mit leicht verstaubtem Image