Helmut A. Gansterer - Über Unternehmer und Literatur

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Essay. Warum Romane für Führungskräfte kein Luxus, sondern ein Erfolgsvitamin sind. Und welche man Anfängern empfehlen kann.

Ein Versuch, österreichische Geistesmenschen in ein Ranking zu stellen, wäre geschmacklos. Und ein Vergehen gegen die vielen stillen Genies im Land. Doch gesetzt den Fall, man reihte jene, die es vor den Vorhang schafften, so wäre Professor Konrad Paul Liessmann in die erste Reihe zu setzen.

Mit höchster geistiger und auch körperlicher Kondition, die der hagere Philosophie-Professor der Uni-Wien seiner Leidenschaft fürs Rennradfahren verdankt, überzog er das Land mit einem dichten Gespinst aus Büchern, Medienauftritten und Präsidentschaften in segensreichen Institutionen, beispielsweise der Internationalen Günther Anders - Gesellschaft und dem Philosophicum Lech, das er seit 21 Jahren treu lenkt.

Dass Konrad Paul Liessmann trotz seiner Präsenz nicht inflationär wurde, hat zwei Gründe. Der eine Grund ist Themenvielfalt. Er akzeptiert in Einladungen so gut wie jedes Thema, nicht nur die großen. Wie bei Goethe darf gesagt werden, dass er seine Mühlen auch in die kleinsten Bäche stellt.

Der zweite Grund liegt darin, dass er mit wachsender Prominenz die Tonalität seiner Texte und Reden schärfte und damit noch interessanter wurde. Manchmal zum Kummer von Freunden. In seiner Verkehrs- und Auto-Kritik gestattet er sich einen Denker-befremdlichen Hass. Und Andersdenkende, die er in frühen Jahren noch extra lobte, kriegen nun zuweilen seine Kanten zu spüren.

Der Werksqualität von Liessmann hat dies nicht geschadet. Dem Erfolg schon gar nicht. Auch sein jüngstes Buch, "Bildung als Provokation", wird ein Hit. Ein dichtes Terminnetz von begehrten Leseabenden in allen deutschsprachigen Ländern inklusive Liechtenstein lässt schon jetzt auf einen Bestseller schließen.

Ich verwende Liessmanns "Bildung als Provokation" (Verlag Zsolnay) als Anstoß für diesen Essay, und mit einigen Zitaten als Marmorsteinbruch. Das Buch kam gerade auf den Markt. Da ich, anders als Liessmann, ein bekennender Autoliebhaber bin (ein starker Zweisitzer bewegt mich gerade in Nizza), habe ich mein Rezensionsexemplar nicht zur Hand. Die folgenden Zitate sind einem Online-Vorabdruck entnommen. Liessmann schreibt:

  • "Nutzloses Wissen. Ja, dieses kennzeichnet den Gebildeten, und dieses ist von Übel. Dass Schüler Gedichte interpretieren können, aber beim Ausfüllen der Steuererklärung versagen - das ist offenbar der Albtraum jeder modernen Bildungsministerin."
  • "Auch kulturelle und ästhetische Traditionen dürfen nicht mehr gelehrt werden () Die Lust an alten Sprachen und an der Schönheit der Mathematik wird durch Praxisorientierung gehörig sabotiert, und die Lektüre von Texten, die nicht dem Erwerb problemlösungsorientierter Kompetenzen dienen, ist verpönt."
  • "Belesenheit war und ist ( ) eine Provokation. Sie verweist auf ein Privileg: dass es Menschen gibt, die die Zeit haben, sich intensiv mit literarischen Texten zu beschäftigen, ohne dass sie dadurch im Alltag oder in ihrem beruflichen Umfeld wesentlich gewönnen."

Zitatende, denn beim letzten Satz hakt der Essay ein. Dieser Satz berührt ein Vorurteil, das auch den klugen trend-Leserinnen und schönen trend-Lesern nicht fremd ist. Als unternehmerische Naturen sind sie gefährdet, in den schönen Künsten keinerlei Gewinn für Alltag und Beruf zu sehen, sondern allenfalls eine edle Freizeitbeschäftigung, wenn nicht Luxus.

Die Wahrheit sieht anders aus. Es gibt umgekehrt kein einziges episches, also erzählendes Werk, das keinen Gewinn brächte. Selbst Romane mittleren Ranges schenken zunächst eine kostbare, auch ärztlich gelobte Pause vom beruflichen Stress. Sie werfen die Leser selbstvergessen in fremde Schicksale, aus denen sie am Ende des Buchs wie aus einem Urlaub erwachen.

Über das Denken, Wollen und Fühlen

Die Wirkung geht aber tiefer. Romane beleben die rechte (emotionale) Gehirnhälfte, in der die soziale Kompetenz wohnt, die für eine erstklassige Führung von Mitarbeitern unerlässlich ist. Und sie füllen die Fantasie-Speicher auf, die jeder Unternehmer braucht, sofern er mit fortwährender Innovation zu den Langzeitsiegern zählen will.

Der Berliner Philosoph Peter Bieri, der unter dem Pseudonym Pascal Mercier auch wunderbare Romane schrieb ("Nachtzug nach Lissabon", mit Jeremy Irons und Martina Gedeck verfilmt), sagt: "Der Leser von Literatur lernt noch etwas anderes: wie man über das Denken, Wollen und Fühlen von Menschen sprechen kann. Er lernt die Sprache der Seele. Er lernt, dass man derselben Sache gegenüber anders empfinden kann, als er es gewohnt ist. Andere Liebe, anderer Hass. Er lernt neue Wörter und Metaphern für seelisches Geschehen. Er kann, weil sein Wortschatz größer geworden ist, nun nuancierter über sein Erleben reden, und das wiederum ermöglicht ihm, differenzierter zu empfinden."

Für zwölf Euro (Taschenbuch) und 29 Euro (Hardcover) kein übles Geschäft.

Wer gute Romane liest, lebt tausend Leben" ist ein Satz, den alle Manager und Unternehmer schon einmal gehört haben. Ein richtiger, aber gefährlicher Satz. Er enthält die Floskel "guter Roman". Das schreckt ab. Denn GUT wird unausrottbar mit SCHWIERIG übersetzt, und schwierig mit MÜHSAM. Und Mühe ist das Letzte, was man nach einem 14-Stunden-Unternehmertag am Abend brauchen kann.

Auch hier liegt ein Missverständnis vor, das Aufklärung verlangt. Schwierig sind nur die schlechten Werke. Die Erstklassigen sind leicht zu lesen. In jeder Kunstart, auch in Bildhauerei, Malerei, Fotografie und Film, kommt die Meisterschaft des Künstlers über den Dreisprung primitiv - kompliziert - einfach.

Infolgedessen versteht jeder einen Roman von Orwell, eine Novelle von Fontane, eine Short Story von Hemingway. Niemand schrieb klarer als Voltaire und Kafka. Auch vermeintlich unlesbare Philosophen wie Schopenhauer und Nietzsche schrieben mit gläserner Feder. Man muss sich nur trauen - um dann für immer gefesselt zu sein.

Dass all dies heute unbekannt ist, liegt an einer Reihe unseliger Unterrichts- und Bildungsminister. Sie taten, was noch Helmut Zilk in diesem Amt verachtet hätte. Sie machten sich der mächtigen Wirtschaft lieb und erwiesen ihr einen Bärendienst. Sie wollten "nützlichere Schüler" produzieren. Das hatte seinen Sinn bei verkümmerten Zivilisationsfähigkeiten (grüßen, verständlich sprechen, zuhören und kopfrechnen). Doch gerade dieses Ziel wurde verfehlt. Den Anfang machte Elisabeth Gehrer. Sie war - und blieb - stolz darauf, den Deutschunterricht, die Wiege aller Zivilisationstechniken, zu kürzen, zugunsten eines Unterrichts in Textverarbeitung, die sich jeder smarte Teenager von heute an einem Wochenende selbst beibringen kann.

Reicht das bisher Geschriebene, um Führungskräfte nachhaltig in die nützliche Welt der Literatur zu locken?

Gewiss nicht ganz. Man muss bei Romanempfehlungen für Anfänger vorsichtig sein. Es hat keinen Sinn, gleich mit Cesare Paveses Tagebüchern oder Fernando Pessoas "Buch der Unruhe" zu beginnen, der eine düster, der andere melancholisch. Man soll Romane mit Unternehmer-Flair empfehlen, um ein vertrautes Ambiente beim Lesen zu bieten. Hier meine drei Favoriten.

Erstens: "Homo faber" von Max Frisch. Handelt von Walter Faber, einem kühl-pragmatischen, viereckigen Unesco-Ingenieur, der spät das Runde wie Liebe und Zufall kennenlernt. Von Schlöndorff mit Sam Shepard und Julie Delpy verfilmt. In den wenigen adäquaten Romanverfilmungen (u. a. "Der Leopard", "Tod in Venedig") sind beide Kunstformen einander Stütze und Empfehlung.

Zweitens: Thomas Mann, "Buddenbrooks". Mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, zeigt der Wälzer das komplette Gefühlspanoptikum einer generationsübergreifenden Kaufmannsdynastie.

Drittens: Goethes "Faust". Auch für heutige Aufstrebende immergrün. Eigentlich angesagter denn je. Der Faust ist modern-transzendent, die normalen Sinne übersteigend. Und bietet wunderbare Sätze für Unternehmer, die zugleich Ethik und Erfolg suchen. Beispiel eins: "Der Mensch in seinem dunklen Drang ist sich des rechten Weges wohl bewusst." Beispiel zwei: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen."

Noch wartet an der Ecke ein Buchhändler. Ein Tipp: Bücher in Buchform wirken tiefer und länger nach als E-Books. Wir wissen nur nicht, warum.

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