Österreich gehört gegschwandtnert

Österreich gehört gegschwandtnert

Essay von Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer: "Wir sollten Florian Gschwandtner klonen - oder wenigstens auf ihn hören."

Wie die klugen Leserinnen und schönen Leser wissen, ist dieser Essay zwei Sportarten nachgebildet, die es nie ins Olympiaprogramm schafften: Dem Ein-Meter-Lauf (für aktuelle Kommentare) und (für tiefere Themen) dem Weitsprung-mit-hundert-Meter-Anlauf.

Beim heutigen Aufsatz ist wieder der Weitsprung dran. Denn er handelt von einem jungen Unternehmer, der in schwereloser Manier Grenzen überspringt. Florian Gschwandtner ist selbst in Österreich, das mit glänzenden Unternehmern reich beschenkt ist, eine spezielle Erscheinung.

Die Frage, ob es Sinn macht, einen Einzelnen als Signal für eine helle Zukunft darzustellen, kann in seinem Fall bejaht werden. Es erfordert aber einen Ausflug in die Nationalökonomie und Politik - einen "Anlauf", für den wir um Geduld bitten.

Selbst die moderne Volkswirtschaftslehre , die schon Industrie, Kapital und Kapitalisten einschließt, hat 250 Jahre auf dem Buckel. Und doch gibt es unverändert den immergrünen Streit der Induktiven gegen die Deduktiven. Die einen Denker studieren das Detail und dessen Wirkung aufs Ganze, die anderen verfahren umgekehrt.

Auf die Frage dieses Essays zugespitzt heißt dies: Soll man die Unternehmer studieren und deren Wirkung auf den Erfolg einer Volks-Wirtschaft oder sich aus dem Bild einer Volks-Wirtschaft den idealen Unternehmer zurückrechnen?

Beide Denkrichtungen gelten als wissenschaftlich korrekt. Aber sind auch beide sinnvoll? Das hängt von der Fakultät ab. Es macht einen Unterschied, ob man Professor der Zoologie oder Professor einer Humanwissenschaft wie der Economics ist.

Der Zoologe darf sagen: "Das Wasser formt die Flosse." Die Flossenbüschel des Grottenolms mutieren im Einklang mit den Umweltveränderungen. Aber der Mensch ist kein Grottenolm.

Er ist von der Schöpfung als Nummer eins gedacht. Er ist Bewirker, kein Bewirkter. Er ändert die Welt, auch als Einzelner. Jeder Mann, jede Frau ist ein kleiner Schöpfungsgott. So ist auch jeder Fortschritt auf Einzelne zurückführbar. Stefan Zweig schrieb ein Buch darüber: "Sternstunden der Menschheit".

In Summe erfreulich auch alle Wirtschaftserfindungen. Es sei denn, man wünschte sich zurück ins Elend des Mittelalters. Auch hier traten solitäre Genies auf: Henry Ford (Fließband und hohe Löhne als Nachfragekraft), die Sears-&-Roebuck-Bosse (Marketing), Ernest Dichter (Motivation), Peter Drucker (Management), nationalökonomisch gestützt von den Gentlemen der "Wiener Schule", auch von Joseph A. Schumpeters Ermutigung zu "neuen Kombinationen" und "schöpferischer Zerstörung". Der hohe Anteil der Österreicher und Amerikaner soll hier nicht extra vertieft werden.

Die österreichischen Unternehmer als gleichzeitige "Denk-und Tat-Menschen" griffen alle Innovationen auf. Sie bescherten Wohlstand und damit die Grundlage für 70 Jahre sozialen Friedens. Die österreichische Politik, die im alten Jahrhundert durch eine weltweit bewunderte "Sozialpartnerschaft" ein Mit-Garant des Wohlstands gewesen war, versagte ab dem Millennium.

Man spuckte dem Visionär John Maynard Keynes ins Gesicht. Dieser hatte einst den simplen Eichkatzl-Tipp gegeben, im Sommer (der Hausse) Nüsse für den Winter (die Baisse) zu horten.

Diesen Ratschlag überhörte zwar schon Kreisky (im Gegensatz zu seinem Vizekanzler Androsch), doch blieben die Politiker dank seiner Persönlichkeit der Stand Nummer eins.


Die Wirtschaft war de facto immer die Arche Noah der Politiker: Jetzt verlässt das Schiff seine sinkenden Ratten

Heute nehmen die Unternehmer diesen Spitzenplatz ein. Sie sind die neue Nummer eins. Dies zeigt sich in höherem Selbstbewusstsein. Sie treten erstmals, ihre guten Manieren vergessend, den Politikern in die Eier. Sie verfluchen sie jetzt öffentlich als Verschwender und Staatsverfetter und Steuerblutsauger und bürokratische Bremser und peinigende Inspektoren-Kleingeister und also Arbeitsplatzvernichter und Rette-sich-wer-kann-Charaktere.

Die Wirtschaft war de facto immer die Arche Noah der Politiker. Nun verlässt das Schiff seine sinkenden Ratten. Ohne aber geistlose Freibeuter und Populisten als neue Passagiere zu wünschen. Man mag noch die Werte der Altparteien, schätzt auch vereinzelte Alte, verlangt aber eine drastische, wirtschaftskundige Verjüngung.

In den Unternehmerfamilien und Start-up-Tümpeln wächst derweil eine sprungbereite Frog-Generation von Unternehmern heran.

Unübertroffen darin Florian Gschwandtner , 32, Boss von Runtastic, unser aktueller "Mann des Jahres" (siehe trend 1/16) . Er hat den großen Frog-Jump hinter sich. Adidas kaufte Runtastic um 220 Millionen - der nächste Beitrag Österreichs zur Entwicklungshilfe für Deutschland.

Als voralpiner Bergkristall zeigt Gschwandtner naturgeschliffene Facetten. Diese werfen nicht nur ein schönes Licht auf ihn selbst zurück, sondern auch auf seine Partner und Produkte - und auf die österreichischen Unternehmer im Ganzen.

Denn ein Studium der tausend trend- Unternehmer-Porträts seit 1970 zeigt: Österreichs Companys wandelten immer an der Spitze der Entwicklung.

Dies gilt selbst für unseren atypischen Vorzeigegiganten voestalpine, der heute unter Wolfgang Eder (MdJ 2011) ein Anbieter komplexer Leichtstahlmodule und in Umweltsauberkeit eine Konditorei ist. Es gilt für eine Million kreativer Einzelkämpfer in alten und digital-neuen Dienstleistungsnischen. Vor allem gilt es für die 200.000 KMU (Klein-und Mittelunternehmer). Sie waren und blieben "Österreichs schützendes Ritterhemd aus beweglichen Titangliedern" (Copyright: trend).

Die unternehmerischen Fortschritte werden speziell im langfristigen Vergleich von Florian Gschwandtner (fortan: FG) mit den Unternehmer-Veteranen (fortan: UV) kenntlich, die Österreich aus dem Nachkriegselend führten.

Die UV waren alt und namhaft. Sie hatten familiären Background. FG ist jung und der erste Promi-Gschwandtner. Der erste, der nach Burgtheater-Regeln keinen Vornamen braucht. Die Wessely war logisch die Paula Wessely, der Gschwandtner wird fortan als Florian verstanden.

Die UV waren dick, weil dies nach den Hungerjahren ein Statussymbol war, wie bei den Häuptlingen auf Hawaii. FG ist schlank wie eine Stricknadel. Nicht nur, weil er sonst als Runtastic-Botschafter lächerlich wäre. Es entspricht auch einer Tendenz. Heute sind eher die Arbeiter die Molligen.

Die UV waren erpicht auf Alleinherrschaft im Unternehmen. FG spricht immer vom Team. Vor allem von seinen tatsächlich gleichwertigen Gründungsfreuden Alfred Luger, Christian Kaar und Rene Giretzlehner. Diese überließen ihm gern die Galionsrolle. Erstens, um in Ruhe genial bleiben zu dürfen. Zweitens, weil FG die Bürde der Bühne leichtfällt. Er ist ein begnadeter Extrovertierter.

Die UV verwiesen bei Spezialfragen eitel auf ihre "Spezialisten". Man war stolz darauf, als Boss keine Details zu wissen. FG hingegen braucht keine Hilfen. Manche Fragen beantwortet er körperlich. Als er dem adidas-CEO Herbert Hainer eine neue Runtastic-Liegestütz-App präsentierte, warf er sich selbst auf die Isomatte und stellte einen eigenen Rekord auf: 91.

Die UV trugen eisern ihre Geschäftsuniform: gedeckter Dreiteiler, Hemd und Krawatte. FG ist flexibel. Mit seinem Freund Kai Diekmann ("Bild"-Chef) trägt er Weiß-Blau-Karo auf dem Münchner Oktoberfest. An der Grenze Formal- Casual macht er gerade neue Mode: Knitter-Leinen-Jacket (notfalls Kaschmir), T-Shirt, Jeans, adidas-Sneakers. Weiter sollte er seine Sportlichkeit nicht treiben. Sonst käme er in die Gasse von Karl Lagerfeld:"Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren."

Die UV waren standorttreu. Von FG glaubt man dies auch. Er werde Runtastic in Österreich belassen. Erstens wegen seiner Partner-Genies, die hier wohnen. Zweitens wegen des Hardware Partners (Uhren und Armbänder kommen von Georg Krippl), den er daheim suchte. Drittens, weil dort die Bergfexe als brutalste Tester daheim sind. Die täglich 15.000 Schritte bergauf gehen (FG: 8.500) und nach hundert Liegestützen erst mit dem Zählen anfangen.

Kann ich persönlich was zu FG beitragen? Vielleicht eine Kleinigkeit. Ich gratulierte ihm spät zum "Mann des Jahres". Zwölf Minuten später erreichte mich sein Mail aus einem Businessjet nach irgendwo - frisch, fröhlich, klug, begeistert, mit hohem schreiberischem Talent, in wenigen Zeilen persönliche Nähe herzustellen.

Es wird für Konkurrenten schwierig sein, ihm auf den Fersen zu bleiben. Und junge Politiker neuer Art, die ihn gewinnen wollen, sollten vorher seine politischen Ratschläge im Mann-des-Jahres-Porträt des trend lesen.

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