Helmut A. Gansterer: Europa braucht Unternehmerliebe

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Essay. Noch schützt uns eine ewige Kultur. Aber jetzt ist auch Erdung angesagt - Helmut A. Gansterer über fehlende Unternehmerliebe in Europa.

"Aus der Entfernung ist alles zu klein, aus nächster Nähe alles verschwommen. Etwas scharf zu sehen, ist schwierig."

Adam Bronstein


Die meisten Tage bleiben unerinnert. Doch dieser Tag im Hotel Wimberger blieb haften. Die Bar war gut temperiert. Der Wachauer Winzer Franz Xaver Pichler hatte eine Kiste Smaragd geliefert, "mit idealer Trinkreife", wie er sagte. Und der Mann, mit dem ich verabredet war, war eine namhafte Größe der Fernsehwelt.

Ein Mann hohen Geschmacks, wie sich zeigte. Erstens schmeckte ihm der Riesling, den ich bot. Zweitens sagte er, er wolle mich zu Wirtschaftskrimi-Drehbüchern überreden. "Sie würden zu den besten gehören", sagte er, "in heiterem Grundton, mit leichter österreichischer Hand geschrieben, witziger Biss im Dialog, schöne Ausflüge in die Welt der Musik und der bildenden Künste, sensibel erotisch und in allem Ökonomischen sachverständig."

"Du meine Güte", sagte ich, "zu viel Ehre und viel zu gefährlich für Sie." Meine Drehbücher würden, wie ich erklärte, alle Erfolgsingredienzien heutiger TV-Krimis missachten, sogar ins Gegenteil verkehren.

Mein Kommissar wäre ein hoch gebildeter, arroganter Ungustl, sein Vorgesetzter kein ängstlicher Bremser, der den Rücken nach oben rundet, sondern eine unerschrockene Stütze. Einer, der radikaler als sein Kommissar wäre. Es käme keine exzessive Gewalt in meinem Krimi vor, kaum Blut, keine entführten Kinder und Hunde, und die Pathologen, die derzeit pervers in den Mittelpunkt rücken, würden wieder auf ihr Maß reduziert. Kein unglücklicher Täter würde zum hundertsten Mal drohen, sich von Dachterrassen in die Tiefe zu stürzen. Und manche Dame der Handlung würde nicht zeitgemäß korrekt, also edel gezeichnet werden, sondern eher fies wie Medea und Hamlets Mutter. Mein Unternehmer hingegen, die Hauptperson, wäre nicht grundsätzlich der unethische Schurke eines jeden üblichen TV-Krimis, sondern (wie 90 Prozent seines Standes) ein fescher Erfolgs-Sucher, der mit Fantasie und Führungsqualität den Sieg seiner Produktidee anstrebt.

"Ein solches Drehbuch würde Sie lächerlich machen", sagte ich meinem hochherzigen Entdecker. Er wankte. Aber nur wegen der 14 Volumenprozent des "Fixpichler"-Rieslings. In der Sache selbst blieb er störrisch und positiv. Wir vereinbarten eine Denkpause, zumal ich mit einem Sachbuch im Verzug war.

Dies ist nun einige Zeit her. Der TV-Gentleman, der sich als begeisterter trend-Leser auswies, wird nun lesen, dass mir fad ist. Ich greife unser Gespräch wieder auf. Wenn etwas aus den Drehbüchern wird, nenne ich auch seinen Namen. Bisher ist dieser ja nur mit einer misslungenen Mission verbunden.

Es ist nicht so, dass negative Unternehmerbilder nur in der TV-Krimi-Welt verbreitet sind. Man liest und sieht sie auch überall sonst. Sie überlagern wie ein Seuchenteppich den europäischen Kontinent. Obgleich dieser Kontinent die Urheimat aller großen Geistesquellen und Unternehmer ist, die zu einer Entfesselung der Gesellschaft und letztlich zur Demokratie führten.

Langweilig, aber unerlässlich der Hinweis, dass die Briten mit der Dampfmaschine die Mobilität von Millionen Menschen zu Wasser und zu Land beförderten, die bis dahin in ihren ländlichen Nestern versumperten. Die Briten haben mit Philosophen wie David Hume, John Locke und Adam Smith auch einen Kapitalismus vorgezeichnet, der Bürgerlichen erlaubte, die gottgleichen Adeligen zu überwinden, die ihre schlichten Pfründe wie Äcker und Forste und Jagden so lange verteidigten, wie es ging, in Einzelfällen bis heute - Chapeau!


Mit dem Kopf in den Wolken verlor man den Bodenkontakt zur Ökonomie. Die Liebe zum Unternehmertum blieb lauwarm.

Die Deutschen in ihren heillos zerstrittenen Fürstentümern entwickelten derweil ein Tüchtigkeits-Gen, das Gutenbergs Erfindung der beweglichen Drucklettern zur entscheidenden Geistesrevolution machte. Ob die Neuzeit mit Kolumbus (1492) oder Gutenberg (1450) anfing, ist belanglos, aber jedenfalls europäisch zu beantworten. Und insofern lächerlich, als die geografische Expansion dank Kolumbus nur die Goldgier und Grausamkeit der alten Europäer förderte, während Gutenberg über immer billigere Texte und Bücher auf lange Sicht den Geist aller europäischen Menschen aus ihren aristokratischen und katholischprotestantischen Kerkern befreite.

Die Europäer, befeuert auch durch die italienische Renaissance und Wiens Exzellenz in Kunst und Wissenschaft um das Fin de Siècle (rd. 1890-1914), glauben sich bis heute im Besitz der höchsten Kultur. Wahrscheinlich mit Recht, speziell mit Einrechnung der Musik.

Doch mit dem Kopf in den Wolken verlor man den Bodenkontakt zur Ökonomie. Die Liebe zum Unternehmertum blieb lauwarm. Im Gegensatz zu den USA, wo diese ihren höchsten Standard erreichte und bis heute über viele Primitivitäten hinweghalf. Und im Gegensatz zu China, das gerade das Kunststück versucht, trotz kommunistischer Führung das Unternehmerische zu pölzen. Die Österreicher sind, vielleicht auch wegen einer jahrzehntelangen Sickerwirkung des Wirtschaftsmagazins trend, nicht ganz so lahmarschig in Unternehmerliebe wie der Rest Europas. Aber enttäuschend gleichwohl.

In depressiven Tagen erkenne ich kaum einen Unterschied zwischen heute und den Achtzigerjahren im Schwarzatal. Man erlebte dort eine Welt von Gestern. Die regionalen Medien nahmen die Geburt des IBM-PCs (1981) nicht wahr. Die Bauern in den Hängen des Schwarzatals sahen schon die Industrien in der Talfurche als Teufelszeug, das göttliche Ordnungen störte. Denn ihre Mägde und Knechte fanden bei Semperit-Wimpassing und Schoeller-Bleckmann in Ternitz und dem ersten Handelshaus GÖC schöne Arbeitsplätze mit Sonntagsruhe.

Diese Firmen waren beliebt. Ihr Prinzip, "Anschaffen & Gehorchen", war keine Beleidigung, sondern ein Fortschritt zu bäuerlicher Willkür. Wer die gottgleichen Firmen-Oberen waren, interessierte nicht. Im Prinzip gilt dies noch heute für viele Arbeiter. Sie machen keine Unterschiede zwischen Eigentümern, Unternehmern und Managern. Sie wurden darin nie geschult, vielleicht mit Duldung der Gewerkschafter, die damit ihre Wissenshoheit festigen.

War auch kein Beinbruch, so lange es den sozialen Frieden nicht störte, der immer der wichtigste Pluspunkt des Wirtschaftswunderlandes Österreich war. Das in allen Nischen Weltmeister hervorbrachte, in der Wirtschaft wie im Sport.

Warum dann aber, bei all dieser genetischen Power, so wenig Feuer und Hilfe für junge Österreicher, die ihren Freunden aus USA und China zeigen wollen, wo der Hammer namens "Made in Austria" hängt? Und die aus San Francisco und Schanghai immer heftiger bedrängt werden?

Ich weiß es nicht. Glaube aber, dass wir derzeit den letzten Rest eines uralten bäuerlichen Geizes erleben. Jetzt aber ist der Moment für eine motivierende Milliarden-Werbekampagne der Regierung gekommen, falls sie ihr Prädikat "jung" verdienen will. Und falls sie nicht hören möchte, dass Red Bull und KTM diese Pflicht übernehmen.

Aus meiner Werbetexter-Zeit kenne ich Agenturen, die immer mehr brachten, als sie kosteten. Sie hätten heute leichtes Spiel. Denn die Vorzüge Österreichs sind uferlos. Es fängt mit den wenigsten Streik-Minuten pro Arbeitsjahr an. Geht dann über einen Fleiß, der selbst Deutsche beschämt, und eine Genauigkeit, die unsere Freunde im Westen erst recht erschüttert, weshalb selbst zickige Weltfirmen wie BMW wichtige Ausbildungen und Assemblings hierher verlagern und Magna hier sein glückliches Zentrum fand.

Aus der Vogelschau gesehen wird Österreich -ausgenommen vielleicht von den Österreichern - als klasses Gegengewicht zu Asien &USA gesehen.


Der Essay ist der trend-Ausgabe 17/2018 vom 27. April 2018 entnommen.

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