Helmut A. Gansterer: Ein Dank den genialen Ahnen

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Essay. Die "Austrian School of Economics" schenkt uns seit bald 100 Jahren wissenschaftlichen Weltruhm, aber nicht daheim.


"Wenn ich heimkommen will, muss ich wegfahren"

Robert Menasse

"Wenn ich heimkommen will, muss ich wegfahren" - Diesen Satz notierte ich, als wir eine TV-Sendung vorbereiteten. Menasse ist eine Fundgrube an Hassliebe zu Österreich bei einer gleichzeitigen, unter Künstlern seltenen Europhilie. Diese schimmerte schon durch sein Buch "Der Europäische Landbote" (Verlag Hanser), dann wieder durchs Gewebe seines jüngsten Bestsellers, "Die Hauptstadt" (Verlag Suhrkamp), wenngleich eher als Hoffnung denn als Verheißung. Er gewann damit gleich den Deutschen Buchpreis.

Robert Menasse ist einer von vielen, die Österreich im Ausland Ehre einlegen. Und zugleich einer von wenigen, die daheim schon früh namhaft wurden. Wenn auch zunächst als Heimatkritiker, also, logisch, "Nestbeschmutzer". Erst später begriff man den rattenscharfen Essayisten auch als großen Romancier.

Österreich hat es seinen Glühbirnen nie leicht gemacht. "Da musst du erst sterben, ehe man dich hochleben lässt", klagte schon Peter Altenberg. Das mag besser geworden sein, doch steht das pädagogische Motto "Ned g'schimpft is g'lobt gnua" weiterhin hoch im Kurs.

Berufliche Weltreisende wie Unternehmer, Topmanager oder Publizisten haben oft das Gefühl, erst im Ausland ein Heimmatch zu spielen. Dort findet sich ein höheres Bewusstsein für österreichische Gegenwartskönner.


"Made in Austria" ist "Swiss Made" und "Made in Germany" längst ebenbürtig.

Über die EU-Kernländer hinaus bis nach Japan, China und USA stehen die Unternehmer hoch im Kurs. Man begreift sie als zuverlässige Partner oder unbequeme Konkurrenten. Man weiß zwar, dass moderne Riesen wie voestalpine in Österreich so selten sind wie gute Redner im Parlament, doch umso mehr Respekt erntet der Mittelstand: die 300.000 KMU, deren Flexibilität, Einfallsreichtum und Qualitätssinn geachtet werden.

Das Etikett "Made in Austria" ist dem "Swiss Made" und "Made in Germany" längst ebenbürtig. Eine umso höhere Leistung, als diese, wie man im Ausland weiß, in den ungünstigen Business Scales eines kleinen Landes erbracht wird.

Das hören wir Reisenden gern. Doch ist es nicht ungefährlich. Junge Führungskräfte, Forscher und Wissenschaftler treffen im Ausland oft Schulkollegen, die in fremdem Sold arbeiten, höher bezahlt und höher geachtet sind als in der Grantscherbenheimat Österreich, wo Neid kein Fremdwort ist. In manchen Tälern nähert man sich jedem höher gewachsenen Halm noch immer mit Sichel und Sense.

Oberösterreich, ein Vorbild: Passt!

Dies wird in den weltoffenen, jüngeren Generationen besser. Doch Oberösterreich wird noch lang ein Vorbild bleiben: Ein auch leistungsfrohes Völkchen, wie zuletzt wieder die Cover-Story "Die 300 besten Arbeitgeber Österreich" (siehe trend.13/2018) zeigte. Dort dominierte das Wirtschaftswunderbundesland ob der Enns. Man vermisste in der Umfrage sogar weitere klasse OÖ-Firmen in den vorderen Rängen.

Die klugen Leserinnen und schönen Leser kennen meine einschlägige Theorie: Der OÖ-Glanz wurzelt in einem einzigen Wort. Man sagt zwanzig Mal pro Tag "Passt!". Ein geniales, warmes, motivierendes Wort. Ein krasser Gegensatz zum weinerlichen Wienerwort "Wird schon recht sein" oder gar zum urskeptischen Motto der Steirer: "Mag alles sein, nur ich glaub's nicht". Wittgenstein würde meine Theorie loben. Er schuf ein heliozentrisches, philosophisches Weltbild, deren Sonne die Sprache war.

Extrem beglückend auf Reisen die Wertschätzung Österreichs als Urquelle schöner Wissenschaften und Künste. Darunter so eleganter wie Medizin, Psychologie, Technik und Wirtschaftswissenschaften sowie Literatur, bildender Kunst, Theater und der Weltmacht Musik, zuletzt dramatisch auch des Films in Schauspiel und Regie.

Ein Griesgram mag einwenden: Vieles davon sprudelte in der Zwischenkriegszeit oder noch früher im Fin de Siècle rund um 1900. Das ist nicht falsch. Diese Ausnahmeepochen gelten aber auch für andere Länder. Und Österreich hat sein Erbe leidlich gepflegt und weiterentwickelt, zumindest im Sinn des Kunsttourismus, der boomt.

Einen schärferen Blick auf die Künste ungern beiseite schiebend, konzentrieren wir uns im trend-Essay auf die Wissenschaften. Österreichs Beiträge fehlen in keinem Vorlesungsverzeichnis ausländischer Unis. In Medizin und Psychoanalyse sowieso. Auch in der Technik hat man die Pioniertaten von Österreichern nicht vergessen, im Flugwesen, im Pumpenund Turbinenbau, in der Computerentwicklung und im Automobilbau. Die Wertschätzung leuchtet bis in die Gegenwart. Denn selbst in Ländern, die heute in Teilbereichen der Medizin und Technik weiter sein mögen als wir, sind Tausende Schlüsselstellen mit Österreichern besetzt. Vielleicht hätten wir nicht so viele Glühbirnen vergraulen sollen. Wer anderseits hätte dann diese Entwicklungshilfe geleistet?

Porsche, ein von Deutschen geputzter österreichischer Schuh.

Mein Kollege Philipp Waldeck von der autorevue sieht das nicht so gelassen. Er befestigt Österreich -sicherheitshalber - als Urnation des Autos. Erstens wirft er unbeirrt die Frage auf, ob nicht doch Marcus statt Benz das Auto erfunden habe. Zweitens weist er darauf hin, dass der extrarobuste Mercedes G, der gerade in sein siebentes Leben tritt, vom hiesigen Puch G abstammt. Drittens schreibt er einmal pro Jahr wie Cato der Ältere (234-149 v. Chr.) ein Ceterum censeo: "Im Übrigen bin ich der Meinung, dass der Porsche ein österreichischer Schuh blieb, den die deutschen Freunde über Jahrzehnte brav geputzt haben."

Einen Anlass für maßvollen Patriotismus bieten die Wirtschaftswissenschaften. So weit sie für Unternehmer interessant sind, teile ich sie grob in drei Fächer. Erstens die Volkswirtschaftslehre (VWL). Zweitens die Betriebswirtschaftslehre (BWL). Drittens die Managementlehre (ML), die mit rund 50 Jahren blutjung ist.

Gleichwohl legte sie Österreich schon Ehre ein. Berühmte ML-Ikonen waren Peter Drucker und Ernest Dichter, beide gebürtige Österreicher im US-Exil. Der beste ML-Instruktor, den ich näher kennenlernte, ist Edmund Malik (ein Gsiberger) vom gleichnamigen Managementinstitut St. Gallen. Es war mir eine Ehre, ihm in Zürich als Co-Referent zu dienen. Daher auch die Freude, in der trend-Bestsellerliste seine "Gefährlichen Managementwörter" in frischer Form wiederzufinden. Highly recommended. So viel zu ML.

BWL ist die wissenschaftliche Werkzeugbox für Unternehmer. Sie umfasst vermeintlich fade Sujets wie Buchhaltung, Bilanzierung und Kalkulation. Ein krasses Vorurteil. Dennoch schieben wir die BWL zur Seite. Denn darin sind die Italiener Weltmeister. Sie erfanden nicht nur die doppelte Buchhaltung (Luca Pacioli, Franziskanermönch), auch die dreifache mit Einschluss des Schwarzgelds.

Die Königsdisziplin heißt VWL vulgo Volkswirtschaftslehre oder Nationalökonomie. Selbst 90 von 100 Akademikern wissen nicht, dass Österreich der VWL die größte Ehre in den angelsächsischen Ländern verdankt, vor allem in den USA. Dort entdeckte man die "Wiener Schule" oder "Österreichische Schule" oder "Austrian Economics" gleich zweimal. Einmal zur Zeit ihres Gründerpioniers Carl Menger (1840-1921) mit seiner Grenznutzenlehre. Ein zweites Mal vor Friedrich Hayeks Nobelpreis 1974. Dazwischen wunderbare Verästelungen. Beispielsweise von Böhm-Bawerk, der den Zins erstmals personenbezogen erklärte. So wie die Wiener Schule generell das Individuum "Unternehmer" einbezog. Und die vorher statischen "Gleichgewichte" der VWL in eine lebensnahe Dynamik erlöste.

Wikipedia, die Enzyklopädie, die keiner kennt und jeder nützt.

An dieser Stelle steigt jeder gesunde Leser aus. Ich verspreche aber Erlösung. Und verbinde sie mit einem Kompliment für WIKIPEDIA. Das ist eine elektronische Enzyklopädie, die keiner kennt und jeder nützt. Verblüffend detailliert und korrekt erklärt Wikipedia auch die Wiener Schule. Und wenn darin ein Wort wie Grenznutzen fremdelt, ist die Erklärung nur zwei Mausklicks entfernt.

Per Wikipedia habe ich in zwei Stunden mehr über Österreichs größtes VWL-Vermächtnis gelernt als einst in zwei Semestern an der WU, die noch "Hochschule für Welthandel" hieß. Der alte Bau war zwar romantischer als die neuen Glas-Stahl-Paläste. Aber die alten Professoren waren inferior. Sie waren borniert und fremden- & frauenfeindlich.

Zur Ehre der heutigen, klassen Professoren ein Beispiel von damals. Ein indischer Kommilitone erklärte den Grenznutzen so: "Erstes Stück Kuchen - gut. Zweitens Stück Kuchen - weniger gut. Drittes Stück ". Hier unterbrach der Professor wie ein Kolonialoffizier: "Hören's doch auf. Sonst speib ich mich an. Und lernens Deitsch!"

Damals zerbrach etwas. Ich lernte noch, die Welthandel-Zeitschrift "Hermes" zu führen. Dann floh ich das alte Haus zum neuen trend. Dieser war als erstes österreichisches Magazin modernen Zuschnitts gegründet worden und zeigte höfliches Interesse. Ich habe diesen Schritt nie bereut.


Der Essay ist der trend-Ausgabe 30+31/2018 vom 27. Juli 2018 entnommen.

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