"Profis statt Postenschacher" [Kommentar]

"Profis statt Postenschacher" [Kommentar]

Gastkommentar von Hans Jorda, "Jorda & Partners HR Consulting": Angesichts der katastrophalen Vorgänge in der Politik ist professionelle Hilfe bei wichtigen Stellenbesetzungen - auch in den Parteien selbst - zu empfehlen.

In unserem ganz hervorragenden Radiosender Ö1 gibt es viele tolle Sendungen, beispielsweise "Punkt eins", unlängst mit dem Thema "Eh alle korrupt?". Man diskutierte unter anderem die als objektiv bezeichneten Stellenbesetzungen in Unternehmen, insbesondere in staatsnahen Firmen.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich vom Vorsitzenden des Aufsichtsrates eines der größten Unternehmen Österreichs mit Staatsbeteiligung angerufen wurde, ob ich ein Hearing mit den Endkandidaten (es waren ausschließlich männliche Personen, was schon für sich eine Schande war) für eine Vorstandsposition machen möchte.

Ob der spannenden Aufgabe bejahte ich zunächst die Frage und wollte dann das weitere Prozedere besprechen. Zu meiner großen Überraschung sagte man mir im Laufe des Telefonates, dass ich sowieso nicht viel zu tun hätte, weil der Endkandidat ohnehin bereits feststehe. Man brauche lediglich einen bekannten Namen, der die Objektivität der Auswahl zu bestätigen hätte. Als ich sehr überrascht über diese "Arbeitserleichterung" den Auftrag ablehnte und sagte, dass ich etwas Derartiges sicher nicht mache - entweder ein wirkliches objektives Auswahlverfahren ohne Präjudizien oder gar nicht - spürte ich die große Verwunderung meines Gesprächspartners deutlich: Ob ich denn sicher sei, diesen Auftrag nicht annehmen zu wollen? Es gäbe dafür ein sehr hohes Honorar!

Das ist nur ein Beispiel für viele. Als halber Wiener habe ich immer gelernt, "der Balkan beginne am Rennweg" - meine Vorarlberger Freunde sagen, dass diese Grenze schon viel weiter westlich anfängt.

Objektivität und Freunderlwirtschaft

Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, seit wie vielen Jahren wir von unterschiedlichen Politikerinnen und Politikern, vornehmlich wenn sie in Opposition sind, hören, es müsse endlich mehr Objektivität bei Stellenbesetzungen geschaffen werden. Kaum sind sie selbst an der Macht, hat man diese guten Vorsätze sofort vergessen, und es wird rasch das "Old Boy Network" herangezogen, und politische "Freunderlwirtschaft" hält Einzug.

Sehr wichtig ist mir, hier nicht missverstanden zu werden: Es gibt durchaus auch hervorragende Persönlichkeiten mit Parteibuch! Aber selbst diese gingen - gäbe es bei wichtigen Stellenbesetzungen ein vorgeschriebenes, professionelles Auswahlverfahren -letztlich sogar gestärkt aus einem solchen Auswahlprozess hervor, wenn sie die Beste oder der Beste sind.

Professionelle Hilfe bei Stellenbesetzungen

Persönlich habe ich mich immer bewusst dafür entschieden, meine politische Überzeugung als Privatsache zu betrachten und meine berufliche Tätigkeit ausnahmslos neutral auszuüben. Eine Haltung, die ich in annähernd 40 Jahren in der Wirtschaft nie bereut habe. Ältere Semester unter uns können sich sicher noch an den sogenannten Intertrading-Skandal erinnern, der fast die ganze Voest in den Abgrund zu ziehen drohte. Die Auswahl des neuen Generaldirektors wurde damals erstmals von einem renommierten Headhunter vorgenommen. Aus heutiger Sicht hat diese Vorgangsweise die Voest meiner Meinung nach gerettet.

Angesichts der aktuellen, katastrophalen Vorgänge in unserer Politik halte ich es für eine gute Empfehlung an alle unsere politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger, bei wichtigen Stellenbesetzungen - durchaus auch in einer Partei - zwingend professionelle Hilfe bei der Suche und Auswahl zu Rate zu ziehen.

In die wichtigsten Positionen gehören die besten Köpfe, und nicht jene, die über das richtige Parteibuch oder Beziehungsnetzwerk verfügen. Wir würden alle davon profitieren. Übrigens auch die Besetzten selbst.


Zur Person

Hans Jorda ist Personalberater und Gründer des Unternehmens "Jorda & Partners HR Consulting". Er ist spezialisiert auf "Executive Search".


Die Gastkommentar ist der trend-Ausgabe 35/2019 vom 30. August 2019 entnommen.

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