Hans Bürger: 24/7-Kapitalismus

Hans Bürger: 24/7-Kapitalismus

Gastkommentar von Hans Bürger

Gastkommentar. Zerbricht der Kapitalismus an der Überforderung des Menschen? Noch nicht, aber irgendwann wird er auch an seine "humane" Grenzen stoßen.

Stell dir vor, es ist Kapitalismus, und keiner kann mehr mit. Wem nützt es, wenn alles rundherum wächst und wächst, die meisten aber kein Geld und die anderen weder Kraft noch Zeit haben, am gewachsenen Wohlstand teilzuhaben? Kapitalismuskritiker denken seit Jahren an zwei Arten der Begrenzung: die finanztechnische (Casino-Kapitalismus ohne Regeln und Moral) und die ökologische. Mehr als eine Erde können wir nicht verbrauchen; wir machen es aber.

Erst in jüngerer Zeit treten auch die Tempowarner als Kapitalismus-Pessimisten auf den Plan. Was sollen wir, die von der Güterproduktion auf Gebrauch und Verbrauch programmierten Nutzer, denn noch alles in 24/7 unterbringen, schaffen, verarbeiten und irgendwie auch noch unbeschwert genießen?

Meine Lieblingsfrage der insgesamt 96 Fragen an meinen früheren Ökonomieprofessor Kurt Rothschild, der ein Jahr nach Erscheinen unseres gemeinsamen Buches "Wie Wirtschaft die Welt bewegt" kurz nach seinem 96. Geburtstag verstorben ist: Werden die Menschen also letztlich nie genug haben? Genug im Sinne von: dass es ihnen reicht, dass sie nicht mehr mitkönnen und können. Und haben im Sinne von Gütern, Dingen, Dienstleistungen und und und. Nein, werden sie nicht. Aber eben nicht nur aus einer wirtschaftlichen Steigerungslogik heraus, auch aus gefühlter Ausweglosigkeit im aufreibenden Statuswettkampf.

Rothschild hatte recht. Wie mit fast all seinen Thesen, die sich vor allem mit Ungleichheit und Verteilung, aber immer wieder auch mit dem Menschenbild in der Ökonomie beschäftigt haben. Zerbricht der Kapitalismus an der Überforderung des Menschen?

Noch nicht. Aber irgendwann wird er nach den ökologischen auch an "humane" Grenzen stoßen. Gleichzeitig wissen wir: Kapitalismus ohne Wachstum ist nicht Kapitalismus, sondern ein anderes Wirtschaftssystem. Über das verfügen wir aber noch nicht. Und während die Politik -und zwar im gesamten Parteienspektrum (auch Grüne reden vom Wachstum, halt von einem grünen) - noch immer über den zu verteilenden, immer langsamer wachsenden Wohlstandskuchen spricht, reden Soziologen, Zeitforscher und Philosophen und einige Ökonomen über den Systemwechsel.

Seit einigen Jahren denken sie aneinander vorbei. Für den Menschen wird das Mithalten jedenfalls immer schwieriger, denn wähnt er sich beim Kauf eines Produkts in der Gegenwart, hat längst die Vergangenheit begonnen. Das Neue ist schon wieder alt, die Zukunft noch weiter weg. Dazu kommt, dass wir, weil wir offenbar immer weniger spüren, dem Genuss immer schneller nachlaufen. Mehr als die Hälfte der deutschen Jugendlichen geben an, nicht mehr genießen zu können. Denn Konsum kostet nicht nur Geld, Konsum kostet auch Zeit. Wer sich dem erworbenen Produkt nicht widmet, hat den Zuwachs an Wohlbefinden bereits verloren, noch ehe er sich eingestellt hat. Wenn wir wissen, dass Ereignisse Zeit, weil Kenntnis, Erkenntnis und Erfahrung, brauchen, dann lässt sich das ebenso auf den Konsum umlegen.

Nicht nur unsere Kleinsten sind nach Kindergeburtstagen oft überfordert, gestresst, manchmal sogar traurig. Alles ist ihnen im wirklichen Sinne zu viel geworden. Keinem der vielen Präsente kann die Aufmerksamkeit gewidmet werden, die man gerne dafür geschenkt hätte. Und weil sich die Produkte dann auch zu Hause türmen, bleiben manche Dinge im Kasten der unfreiwilligen Ignoranz liegen. Manchmal monatelang und noch immer verpackt.

Ergeht es uns Erwachsenen anders? Auch wenn ausgepackt, ein Minimum an Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen auch Dinge. Sonst verfehlen sie ihr - wir erinnern uns -mikroökonomisches Nutzenziel. Kapitalismus braucht also Zeit. Ohne Zeit keine Beschäftigung mit dem gekauften Ding. Ohne Beschäftigung keine Freude. Ohne Freude kein Nutzen. Ohne gewonnenen Nutzen keine Bereitschaft, weiter zu konsumieren, weitere Produkte zu erwerben. Ohne Gebrauchszeit kein Kapitalismus.

Und, um ökonomisch zu bleiben: Zeit ist Mangelware. Das, woran Mangel besteht, muss teurer werden. Zeit ist also tatsächlich Geld. Womit Benjamin Franklin mit seinen "Ratschlägen für junge Kaufleute", erschienen 1748, noch immer recht hätte. Zeit ist nicht vermehrbar. Aber wie hat es schon der frühere Doyen der keynesianischen Nationalökonomie in Österreich, Professor Rothschild, formuliert?"Es ist besser, wichtige Fragen zu stellen, als unwichtige zu beantworten."


Hans Bürger , 53, absolvierte das Volkswirtschaftsstudium an der Johannes Kepler Universität in Linz als letzter Schüler Kurt W. Rothschilds. Er ist seit 1987 beim ORF, seit 1998 Ressortleiter Innenpolitik und EU der "ZiB".


Hans Bürger: "Wir werden nie genug davon haben"; 150.S.; Braumüller

trend. Ausgabe 11/2016 - 18. März 2016

Kommentar
Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) in Wien

Standpunkte

Koalition mit der FPÖ: Gelegenheit und Gefahr zugleich

Kommentar

Standpunkte

Alon Shklarek: Die Eskalation in Katalonien

Franz C. Bauer, trend-Redakteur

Standpunkte

Franz C. Bauer: ÖVP und FPÖ - logische Partner?