Hannes Androsch: Die Welt nach Afghanistan [ESSAY]

Der US-Abzug aus dem Land am Hindukusch ist der Tiefpunkt amerikanischer Weltgeltung. Er verschiebt die geopolitischen Gewichte von West nach Ost.

Hannes Androsch: Die Welt nach Afghanistan [ESSAY]

Hannes Androsch ist Industrieller, ehemaliger SPÖ-Finanzminister sowie Vizekanzler der Ära Kreisky.

Im Oktober 2002, nur ein Jahr nach dem Einmarsch der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan als Reaktion auf die Terroranschläge von 9/11, warnte der US-Diplomat George Kennan hellsichtig: "Jeder Krieg hat ein eigenes Momentum, und dies führt einen weg von all jenen wohlerwogenen Absichten, mit denen man ihn begonnen hat."

Ein Krieg, der nicht gewonnen werden konnte

Hätten es die westlichen Alliierten bei der Terrorbekämpfung belassen und sich mit der militärischen Ausschaltung von al-Qaida begnügt, hätten sie schon 2003 wieder abziehen können. Im Gegenteil, sie eröffneten einen weiteren Krieg im Irak mit verheerenden Folgen auch in Syrien. Doch wie meist, wenn die USA (und früher auch europäische Mächte) eingreifen, tun sie es mit missionarischen Zwangsbeglückungsvorstellungen, obwohl es eigentlich um Macht und Einfluss geht.

Und so wurde die Terrorbekämpfung durch das Ziel des Nation Building abgelöst, das, obwohl ohnehin nur halbherzig durchgeführt, für viele Afghanen, darunter die im Untergrund verbliebenen Taliban, provokant genug war, dass die alliierten Truppen schließlich nur noch mit der Bekämpfung von Aufständen beschäftigt waren. Denn je mehr Verantwortung die alliierten Truppen in Afghanistan übernahmen, umso mehr untergruben sie einerseits die Glaubwürdigkeit der afghanischen Regierung und weckten andererseits den Widerstand der verschiedenen Stämme, allen voran der Paschtunen, die auch in Pakistan beheimatet sind, aber als Folge der Durand-Linie in zwei Staaten leben. Beides gab den Taliban die Möglichkeit, sich wieder als Kämpfer gegen die fremdländische Okkupation zu präsentieren.

In der Folge war bereits nach einem Jahrzehnt Krieg am Hindukusch klar, dass die Alliierten gescheitert waren. Am 24. Oktober 2011 titelte das US-amerikanische "Time Magazine":"Why the U.S. Will Never Save Afghanistan". Dennoch wurde der Einsatz weitere zehn Jahre fortgeführt -nur um schließlich tatsächlich zu scheitern.

Die Gründe dafür waren vielfältig. Neben eklatanten Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen wurden vor allem die geopolitischen Rahmenbedingungen der Region zu wenig beachtet. So kann der Konflikt in und um Afghanistan nicht ohne die Rolle Pakistans, vor allem aber auch Indiens, Chinas und Russlands sowie der Nachbarstaaten betrachtet werden. Pakistan betrachtet Afghanistan als strategisches Hinterland für den Fall eines Konflikts mit seinem Erzrivalen Indien, mit dem es noch immer den ungelösten Kaschmir-Konflikt offen hat.

Das im Himalaya-Gebirge gelegene Kaschmir ist seit der Gründung von Indien und Pakistan im Jahr 1947 zwischen beiden Staaten umstritten und war bereits Gegenstand von vier Kriegen. Doch nicht nur diese Grenze ist eine offene Frage, auch jene zwischen Indien und China ist hier ungeklärt. Somit stehen in dieser Region einander drei Mächte feindlich gegenüber, die zusammen nicht nur rund drei Milliarden Einwohner haben - das ist mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung! -, sondern von denen auch jede im Besitz von Atomwaffen ist. Kein Wunder, dass der "Economist" diese umstrittene Grenze 2011 als "the world's most dangerous border" bezeichnete.

Mit dem Projekt einer "liberalen Weltordnung" hat sich der Westen überhoben

Die geopolitische Lage knüpft hier wie auch anderswo (zum Beispiel am Balkan) an jene Konfliktlinien an, die im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Wurzeln haben. Darüber hinaus aber hält Afghanistan eine weitere Lehre für uns bereit: Demokratie und Liberalismus lassen sich nicht militärisch erzwingen.

Wir werden unsere Werte und zivilisatorischen Vorstellungen, die das Ergebnis unserer Geschichte und Kultur sind, nicht in der ganzen Welt durchsetzen können - so sehr wir auch von ihrer Richtigkeit überzeugt sind. Wichtiger ist, dass wir selbst nach diesen Werten leben und handeln und sie verteidigen, wenn sie angegriffen werden. Daher war die Strafaktion gegen al-Qaida als Reaktion auf 9/11 noch verständlich, nicht aber der Versuch, den Stämmen Afghanistans eine Gesellschaftsform aufzudrängen, die nicht ihren Vorstellungen entspricht. Dies wird auch anderswo nicht möglich sein.

Wenn wir diese Lektion nicht lernen, könnte uns der aus westlicher Überheblichkeit geborene Irrglaube, dass sich mit dem Ende des Kalten Krieges weltweit Liberalismus, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft sowie Anerkennung der Menschenrechte, wie wir sie verstehen, durchsetzen würden, noch teuer zu stehen kommen. Die Grundlagen, auf denen diese aufbauen, liegen nämlich im Modell des Nationalstaats - und gerade dieses ist in den meisten Regionen der Welt ein importierter Fremdkörper.

So richten sich in Afghanistan und den umliegenden Ländern die traditionellen Identitäten und Loyalitäten an der Stammesgemeinschaft, an ethnischen und sprachlichen Gemeinsamkeiten und nicht zuletzt an der Religionszugehörigkeit aus. Wir wären also gut beraten, unsere Werte zu schützen und danach zu leben, nicht aber anderen Zivilisationen, die ihre eigene historische Entwicklung durchlaufen haben, diese Werte aufzuzwingen.

Gleichzeitig aber sollten wir all jene - egal aus welchem Land, von welcher Herkunft oder mit welcher Religion -unterstützen, die sich zu unseren Werten bekennen und nach diesen ihr Leben gestalten wollen.

Mindestmaß an Kooperation ist erstrebenswert

Das Ende des Kalten Krieges war der "unipolare Moment" der USA und damit die kurze Phase, in der sie die alleinige Supermacht war. Der Abzug aus Afghanistan beendet diese Periode nicht nur, sondern stellt auch den Tiefpunkt amerikanischer Weltgeltung dar und zeigt deren Bedeutungsverlust. Zudem ist China inzwischen zur Weltmacht aufgestiegen und wird weiter an Bedeutung gewinnen.

Daraus ergibt sich eine deutliche Verschiebung der geopolitischen Gewichte von West nach Ost, auch wenn die USA ökonomisch, finanziell, technologisch und politisch auf absehbare Zeit die führende Weltmacht bleiben werden. Allerdings werden sie bei der Auseinandersetzung mit China die Unterstützung Europas benötigen. Besonders China verlangt für sich Respekt. Diesen Anspruch haben alle anderen auch und er erfordert Reziprozität.


Demokratie und Liberalismus lassen sich nicht militärisch erzwingen. Wir werden unsere Werte und Vorstellungen, Ergebnis unserer Geschichte und Kultur, nicht in der ganzen Welt durchsetzen können.

Klar muss sein, dass die zunehmend feindselige Rivalität zwischen Amerika und China nicht zu einem Krieg führen darf. Man kann zwar davon ausgehen, dass beide Seiten einen solchen vermeiden wollen, doch besteht immer die Gefahr, dass man schlafwandlerisch in eine (Thukydides-)Falle tappt. Allerdings ist auch ein Containment wie seinerzeit gegenüber der Sowjetunion wegen der inzwischen viel größeren wechselseitigen Abhängigkeiten als Folge der Globalisierung und der globalen Herausforderungen und Aufgaben nicht realisierbar - ebenso wenig wie auch ein Decoupling, also eine Entkoppelung und Isolierung eine realistische Option sein kann.

Es macht daher nur Sinn, auch bei Systemkonkurrenz ein Mindestmaß an Kooperation im Rahmen einer internationalen Ordnung anzustreben. Dafür wird man ein Mindestverständnis im Quintett von USA, China, Europa, Russland und Indien, ohne auf andere Regionen wie Afrika oder Südamerika zu vergessen, erreichen müssen, um Deeskalation und Multipolarität herbeizuführen.

Europa muss die dafür nötige Einheit sicherstellen, um für diese Rolle gerüstet zu sein. Diese ist zudem auch deshalb nötig, um zu einem vernünftigen Verhältnis mit Russland, diesem schwachen, aber aggressiven Riesen, zu kommen. Schon Egon Bahr meinte: "Es gibt keine Stabilität in Europa ohne die Beteiligung und Einbindung Russlands." Das heißt aber auch Rücksichtnahme auf dessen Interessensphären. Dies muss aber auch für die Interessen der Betroffenen in diesen Regionen gelten. Es führt damit zunehmend zu einer Bedeutungsverschiebung in der globalen Machtstruktur.

Als vorläufige Bilanz bleibt vorerst nur die Feststellung, dass der vor 20 Jahren ausgerufene War on Terror nicht nur zum Einmarsch in Afghanistan und im Irak führte, sondern auch zum Entstehen des IS, dem Drama in Syrien und zur Verbreitung der vom Iran gestützten Milizen quer über den Mittleren Osten. Das Ergebnis ist eine dramatische Destabilisierung der ganzen Region mit entsetzlichen Folgen und großen Problemen auch für Europa aufgrund der dadurch ausgelösten Flüchtlingswellen.

Zur Person

Hannes Androsch ist Industrieller, ehemaliger SPÖ- Finanzminister sowie Vizekanzler der Ära Kreisky. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher.
Neu: "Digitalisierung verstehen", Brandstätter Verlag (vom 27. September).



Simon Arne Manner

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