Hannes Androsch: "So verspielt man die Zukunft"

Hannes Androsch: "So verspielt man die Zukunft"

Hannes Androsch spricht im trend-Interview über rückwärtsgewandte Bildungspolitik, sein Vertrauen in die designierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen - und die Chancen Österreichs.

trend: Der Forschungsrat macht sich Sorgen darüber, dass es nicht gelingt, Toptalente in Österreich zu halten bzw. anzuziehen. Warum funktioniert das Brain Management nicht?
Hannes Androsch: Leider wandern jährlich 8.000 kluge Köpfe ab, viele in die Schweiz, nach Deutschland oder in die USA. Das liegt vor allem an wenig konkurrenzfähigen Rahmenbedingungen in Österreich. Man muss hochqualifizierte Forscher deutlich besser bezahlen. Es genügt nicht, von einer Wertschätzung der Arbeit nur zu reden. Noch wichtiger ist, den Topleuten die infrastrukturellen und finanziellen Möglichkeiten zu geben, um mit ihren Instituten international mitspielen zu können.

Um ein prominentes Beispiel herauszugreifen: Sepp Hochreiter, der Künstliche-Intelligenz-Professor an der Uni Linz, scheint dort recht zufrieden zu sein.
Androsch: Ja, aber Linz wird ihm zu klein werden. Es wäre wünschenswert, Hochreiters Aktivitäten mit einem Standort an das Austrian Institute of Technology (AIT) anzudocken. Dazu brauchen wir aber noch Mittel vom Bund und von der Gemeinde Wien.

Welches Bildungssystem es braucht, um Talente überhaupt einmal zu entwickeln, haben Sie oft genug ausgeführt. Die Politik hat das wenig bekümmert, oder?
Androsch: Das Bildungsvolksbegehren, die Initiative "Neustart Schule" der Industriellenvereinigung, zahllose Publikationen von Experten und nicht zuletzt die Empfehlungen des Forschungsrates - alles wird ignoriert. Wir beschäftigen uns nur mit Schulorganisationsreformen, die die bestehenden Machtverhältnisse betonieren wollen. Für die Bildung der Kinder ist gar nichts geschehen. Es gibt nach wie vor kein Verständnis dafür, dass es frühkindliche Betreuungsplätze, vorschulische Bildungsangebote oder die verschränkte Ganztagsschule braucht, um international mithalten zu können. In Europa haben da beispielsweise die Niederlande mit einem sehr autonomen System einen überaus erfolgreichen Weg eingeschlagen, von Staaten wie Neuseeland oder Singapur ganz zu schweigen. Wenn man aber die Maßnahmen der jetzt abgewählten Regierung in den letzten eineinhalb Jahren bewertet, kommt man zum Schluss: Sie waren retrograd. Das wird im Übrigen auch in einer aktuellen Stellungnahme des Rates der Europäischen Union zum nationalen Reformprogramm Österreichs bestätigt. Vielleicht lag diese Rückwärtsorientierung in der Bildungspolitik der letzten Regierung daran, dass sie nicht so sehr die Angelegenheit des zuständigen Ministers war: Die eigentlichen Entscheidungen sind immer im Bundeskanzleramt gefallen - oftmals auch aufgrund des Drucks durch den Koalitionspartner.

Forschungspolitik scheint im Wahlkampf ebenfalls keine Rolle zu spielen.
Androsch: Es ist bestürzend, dass sich keine der großen Parteien - das gilt auch für meine Partei, die SPÖ - um Bildung und Forschung kümmert. Seit Jahren schieben wir das FTI (Forschung, Technologie und Innovation, Anm.) -Paket inklusive der Forschungsförderungsfinanzierung vor uns her, ohne zu konkreten, wirkungsvollen Umsetzungen zu kommen. Erst Anfang Mai ist ein entsprechender Gipfel abgesagt worden, auf dem einige zentrale Projekte wie etwa die Exzellenzinitiative präsentiert werden hätten sollen. Diese wurden seit Jahren diskutiert. Umsetzungskonzepte wurden ausgearbeitet, die nun wieder in den Schubladen verschwinden. Das ist eine unverantwortliche Zukunftsvergessenheit, genauso wie in der Bildung. Einzig Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger hat das Thema aufgegriffen. Dabei liegt doch auf der Hand, dass die jungen Leute in die Lage versetzt werden müssen, das digitale Zeitalter mit seinen Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen. Dazu gehört, dass man sich raschen Veränderungen anpassen kann. Nur so können wir ein digitales Prekariat oder Proletariat verhindern.


Die Zukunft der Weltordnung wird sich in Bereichen wie künstliche Intelligenz oder Robotik entscheiden.

Wenn man die weit verbreitete Besessenheit mit Smartphones beobachtet, scheint doch die Aufgeschlossenheit für Digitales enorm zu sein.
Androsch: Die Massenanwendung ist viel weiter als die Fähigkeit und das Verständnis, mit den zugrundeliegenden Technologien umzugehen. Alexa ist für die meisten ein Spielzeug zum Herumblödeln - wem man sich da mit seinen persönlichen Daten ausliefert, ist aber den wenigsten bewusst. Da geht es uns wie Goethes Zauberlehrling. Das Ganze hat aber auch eine globalpolitische Dimension. China und Russland haben ihr Internet schon souveränisiert. Europa ist sowohl bei der Cloud als auch bei GPS noch von den Amerikanern abhängig, solange das Galileo-System nicht funktioniert oder eigene Clouds eingerichtet werden.

Kann das neue europäische Führungspersonal den Kontinent strategisch besser in die Zukunft führen?
Androsch: Es ist schon einmal erfreulich, dass bei den EU-Wahlen im Mai die europaorientierte Mitte gegen die Orbáns, Salvinis, Le Pens etc. gehalten hat. Das hat dazu geführt, dass man sich auf eine sinnvolle Besetzung der europäischen Posten einigen hat können. Alles, was man von der designierten Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bisher gehört hat, klingt programmatisch vernünftig. Sie hat die relevanten Themen erkannt und ist in hohem Maße geeignet, diese auf europäischer Ebene umzusetzen. Ich hätte, anders als meine Partei das getan hat, für sie gestimmt. Aber auch von der designierten EZB-Chefin Christine Lagarde ist ein vernünftiger Kurs zu erwarten.

Hat England ohne die EU oder die EU ohne England nun, da Boris Johnson britischer Premier ist, die besseren Karten?
Androsch: Die EU hat bisher sehr erfolgreich und klar verhandelt. Johnson ist immerhin wechselfähig in seinen Ansichten, das gibt Anlass zur Hoffnung. Sicher ist, dass ein No-Deal-Brexit für Europa schlecht ist und ein Desaster für England darstellt. Durch die Festlegung auf das Brexit-Datum 31. Oktober sitzt Johnson am kürzeren Ast, auch weil er kein richtiges Druckmittel hat. Er kommt über die irische Frage nicht hinweg, die Sezessionsbestrebungen in Schottland würden durch einen harten Brexit zusätzlich verstärkt. Im Extremfall bleibt von Great Britain nur ein Little England übrig. Und die alten Kolonien warten ja nicht gerade auf Handelsabkommen mit dem ehemaligen Mutterland. Johnson übersieht in seinem Wahnwitz, Churchill zu imitieren, dass es das Empire nicht mehr gibt.

Die EU unter Von der Leyen hat also trotz Versäumnissen der Vergangenheit und auch ohne England die Chance, global mitzuspielen?
Androsch: Das ist meine Hoffnung. In dem stattfindenden Großmachtspiel zwischen den USA und China, aber auch Russland und mit einigem Abstand Indien geht es nicht mehr um die Auseinandersetzung auf dem Schlachtfeld - sieht man einmal von Stellvertreterkriegen wie in der Ostukraine oder Syrien ab -, sondern darum, wer die technologischen Fragen am besten beantwortet. Die Zukunft der Weltordnung wird sich in Bereichen wie künstliche Intelligenz oder Robotik entscheiden. Diesbezüglich besteht in Europa noch großer Aufholbedarf. Die EU muss danach trachten, gemeinsam die technologische Unabhängigkeit und Souveränität zu bewahren. Die Fähigkeiten sind da, woran es den Europäern jedoch immer wieder mangelt, ist die Umsetzung dieser Fähigkeiten. Beim Airbus ist es gelungen, in vielen anderen Bereichen aber fehlt es noch an der Zusammenarbeit.

Was bedeutet das für ein kleines Land wie Österreich?
Androsch: Wir müssen uns ebenso wie die Schweden, die Schweizer oder die Niederländer erfolgreich, aber wirksam in Nischen platzieren. Natürlich können wir nicht alles machen, weil wir nicht Abermilliarden zur Verfügung haben. Aber wir hätten kraft unserer Wirtschaftsleistung genügend Möglichkeiten, die wir nicht nutzen. Und damit bin ich einmal mehr bei der Forschungspolitik. Ich hoffe, dass uns die Technologiegespräche in Alpbach in diesem Bereich ein Stück weiterbringen. Vor einem Jahr hat man das Blaue vom Himmel versprochen, aber ohne Finanzierung, also eine prächtige Bonbonschachtel ohne Bonbons. Ein Jahr später gibt es die Bonbons immer noch nicht, und es ist zu fürchten, dass es sie auch nächstes Jahr noch nicht geben wird. Auf diese Weise verspielt man die Zukunft.


Zur Person

Der Industrielle und frühere Finanzminister und Vizekanzler Hannes Androsch ist seit 2010 Präsident des Rats für Forschung und Technologieentwicklung. Beim Europäischen Forum Alpbach präsentierte der Rat die neue Publikation "Digitaler Wandel & Ethik".


Das Interview ist dem trend-SPEZIAL zum EUROPÄISCHEN FORUM ALPBACH vom 14. August 2019 entnommen.

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