China ist erwacht: Mit Hochtechnologie und Innovation zur Supermacht

Hannes Androsch - Industrieller

Hannes Androsch

Essay von Hannes Androsch: China ändert gerade sein Wirtschaftsmodell: Hochtechnologische und vor allem im eigenen Land entwickelte Innovationen sollen China den Weg zur wirtschaftlichen Supermacht Nummer eins ebnen.

"Wenn China erwacht, wird es die Welt erschüttern" - diese Einschätzung wird Napoleon zugeschrieben. Ende des 18. Jahrhunderts war sich das Reich der Mitte in Selbstisolation jedoch selbst genug. Der chinesische Kaiser dekretierte 1794 einer von Lord George Macartney geführten Gesandtschaft des englischen Königs Georg III., die angebotenen englischen Industriewaren nicht zu benötigen. "Raffinierte Gegenstände" habe man nie sonderlich geschätzt und bedürfe in keiner Weise der Erzeugnisse Englands.

Der Westen und vornehmlich England waren aber zunehmend erpicht, aus China Tee, Seide und Porzellan zu beziehen. Diese Importe mussten sie mangels Gegenlieferungen in Silber, der damaligen Währung, bezahlen. Um diesen Silberabfluss einzudämmen, begann England Opium zu liefern. Der verständliche chinesische Widerstand dagegen führte schließlich 1838 zum Beginn der Opiumkriege. Bei diesen unterlag das erstarrte und hinter der industriellen Revolution zurückgebliebene China. So musste es mit den "ungleichen Verträgen" eine demütigende Unterwerfung hinnehmen und bis 1997 Hongkong England überlassen.

Auch nach der Gründung der Volksrepublik verfolgte Mao Zedong eine Politik der Abschottung und Autarkie. Seine Kraftakte vom "großen Sprung vorwärts" bis zur "Kulturrevolution" hatten desaströse Folgen und kosteten Millionen das Leben. Erst sein Nachfolger Deng Xiaoping ändert 1978 mit Öffnung und Reformen nach dem Vorbild Singapurs den Kurs, womit er einen historisch beispiellosen ökonomischen Aufholprozess entfesselte. Damals betrug die chinesische Wirtschaftsleistung 150 Milliarden USD. Heute sind es über 11.000 Milliarden USD geworden, das ist etwa das Achtzehnfache. In atemberaubendem Tempo ist China in die Weltwirtschaft zurückgekehrt. Das Land ist inzwischen hinter den USA die zweitgrößte Ökonomie und wird diese in Kürze überholt haben.


Der wirtschaftliche Wiederaufstieg Chinas hat auch die weltpolitische Bedeutung.

Als Ergebnis dieser Entwicklung wurden 700 Millionen aus der Armut befreit; 594 schafften es zu Milliardären, so viele wie in keinem anderen Land. 100 davon sind Mitglieder des 3.000-köpfigen Nationalen Volkskongresses, weitere 100 gehören der 2.000 Menschen umfassenden Nationalen Konsultationskonferenz an.

Der wirtschaftliche Wiederaufstieg Chinas hat auch die weltpolitische Bedeutung vor allem in Fernost, aber auch im Kontext des Mächte-Dreiecks USA-China-Russland erhöht. Es könnte durch Trump noch größer werden - der russische Außenminister Lawrow meinte kürzlich, schon von einem "postwestlichen Zeitalter" sprechen zu können. Dies mag bei dem wirtschaftlichen Gewicht Russlands mit 1.500 Milliarden Wirtschaftsleistung vielleicht etwas übertrieben sein, sicher aber sind die Spannungen in der fernöstlichen Region im Ost-und Südchinesischen Meer mit den Anrainern, und damit den USA -vor allem aber in Hinblick auf Taiwan und Korea -, ein nicht zu unterschätzender Gefahrenherd.

Dieser könnte sich allzu leicht als eine Thukydides-Falle erweisen: So wie antike Großmachtrivalitäten wie jene zwischen Athen und Sparta zum Peloponnesischen Krieg geführt haben oder jene zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich zum Ersten Weltkrieg beigetragen haben, könnte ein sorgloser Umgang mit den aktuellen Spannungen zu einem Krieg zwischen USA und China führen.


Kaufkraftbezogen hat sich die Wirtschaftsleistung in China seit 2000 gut verfünffacht.

Kaufkraftbezogen hat sich die Wirtschaftsleistung in China seit 2000 gut verfünffacht und allein in den letzten acht Jahren verdoppelt. Um die Gefahr einer "Middle Income Trap" zu vermeiden, ist es notwendig, das bisherige Wirtschaftsmodell zu ändern, um zu den Hocheinkommensländern aufschließen zu können.

Das bisherige Modell war von Exportorientierung getragen, die Exporte basierten überwiegend auf ausländischen Direktinvestitionen und damit verbundenem Know-how in Verbindung mit niedrigen Löhnen, billigen Grundstücken und geringer Regulierungsdichte. Das Modell war ressourcen-und energieaufwändig und hat zur Verunreinigung der Luft und der Verschmutzung der Gewässer geführt. Diese Umstände führen zunehmend zu Unmut in der Bevölkerung.

Dennoch sind die zweistelligen Wachstumsraten deutlich zurückgegangen, sie haben sich nahezu halbiert. Zunehmend konnten selbst diese nur noch durch massive staatliche Ausgaben in die Infrastruktur erreicht werden. Allerdings mit abnehmendem Grenznutzen: Konnte 2005 mit einem zusätzlichen Yuan noch ein Yuan zusätzlicher Wirtschaftsleistung erzielt werden, ist inzwischen die Wirkung auf 0,4 Yuan zurückgegangen.


Die Hälfte der 150.000 Staatskonzerne schreibt Verluste.

Weiters wurden die angekündigten Reformen nur unvollständig umgesetzt. Dies betrifft vor allem die 150.000 Staatskonzerne, von denen die Hälfte Verluste schreibt. In vielen Bereichen wie Stahl, Zement, Aluminium oder Solarzellen sind riesige Überkapazitäten entstanden. Diese Politik hat einen Anstieg der Verschuldung auf 260 Prozent des BIPs zur Folge.

Diesen Zielsetzungen musste sich das Bankwesen - vor allem die vier größten in Staatsbesitz befindlichen Banken -unterordnen. Dabei blieb wenig Raum für die Finanzierung anderer Wirtschaftsaktivitäten, sodass ein gewaltiger Bereich von Schattenbanken entstanden ist. Mit einer Finanzreform will man hier eine Bereinigung herbeiführen. Diese Umstände hindern aber die chinesische Landeswährung, eine Welthandels- und -reservewährung zu werden.

Daran kann auch die Aufnahme in den Währungskorb des IMF nichts ändern, auch wenn die Währungsreserven Chinas bis vor Kurzem auf 4.000 Milliarden USD angewachsen waren, aber inzwischen auf wieder 1.000 Milliarden USD abgeflossen sind, obwohl es keinen Kapitalverkehr gibt.

Die chinesische Führung, die mit Xi Jinping 2012 an die Schalthebel des Riesenreiches gelangte, ist sich der Herausforderungen bewusst. Sie hat sich auch zahlreiche Reformen vorgenommen, konnte sie jedoch in ihrer ersten Amtszeit, die mit dem Parteikongress im November dieses Jahres zu Ende geht, nur zu einem geringen Teil umsetzen. Ungeachtet dessen hat sie ambitionierte Ziele. Zu diesen gehören insbesondere die Errichtung der neuen Seidenstraßen zu Lande und zu See, bis zum Hafen von Piräus und bis nach Duisburg.

Hauptanliegen jedoch ist die Änderung des Wirtschaftsmodells. Dies läuft unter dem Motto "Made in China 2025". Mit diesem will man eine hochtechnologische, von Innovationen getragene wirtschaftliche Supermacht mit Weltmarktführern werden. Vorbild hierfür ist das Modell Industrie 4.0, geht aber weit über dieses hinaus. Beispiele für solche Firmen gibt es schon heute: Baidu, Huawei, ZTE, Tencent, Alibaba oder die Drohnenfirma DJI. Vorbilder dafür sind US-Firmen wie Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft und Intel.


China ist auf dem Weg von der Imitation zur Innovation.

Beim bisherigen Modell als "Werkstatt der Welt" hat China hohe Weltmarktanteile erreicht, etwa bei Stahl 50 Prozent, bei Mobiltelefonen 90 Prozent, bei Computern 80 Prozent. Nun aber will man von der Imitation zur Innovation als Schlüssel für die Zukunft gelangen.

Dabei sollen zum einen hochentwickelte Technologien global eingekauft und im eigenen Land zu hochwertigen, international wettbewerbsfähigen Massenprodukten weiterentwickelt und zum anderen mit großem Aufwand eine eigene Innovationsdynamik mit dem gleichen Ziel herbeigeführt werden. Dafür sind zehn industrielle Schwerpunktbereiche ausgesucht worden. Zu diesen gehören die nächste IT-Generation, Elektrofahrzeuge, Landwirtschaftsmaschinen, Biopharmazeutika etc. Bei der Umsetzung sollen chinesische Firmen gegenüber ausländischen Vorrang haben. Dies aber ist Ausdruck von ökonomischem Nationalismus und würde mehr dem Trump'schen "America first" entsprechen, somit den Erklärungen von Präsident Xi Jinping in Davos widersprechen.

Die Erfahrungen der letzten 70 Jahre weltweit und Chinas in den letzten 40 Jahren haben im Unterschied zur Zwischenkriegszeit jedoch gezeigt, dass nur offene Weltmärkte und Multilateralismus in Verbindung mit Marktorientierung und gleichbehandelnder Rechtssicherheit das Erfolgsrezept sind -also Globalisierung statt Abschottung und Protektionismus.

Österreich hat sich bislang auf die bisherige chinesische Entwicklung erfolgreich eingestellt und diese zum Vorteil beider Seiten diese genutzt. Dazu gehören Firmen wie AVL, Lenzing, Miba, Andritz, Doppelmayr, AT&S und zahlreiche andere. Nunmehr müssen wir uns auf die neue Ausrichtung ebenso wie auf die digitale Wende im Bereich der Cyberphysik einstellen. Handlungsbedarf gibt es so oder so nicht nur für Österreich, sondern für ganz Europa. Es muss daher heißen: "Europa erwache!" Das kann nicht mit Kleinstaaterei geschehen, sondern bedarf der europäischen Zusammenarbeit. Nur dann und nur gemeinsam kann Europa stark sein.


HANNES ANDROSCH ist Industrieller und ehemaliger SPÖ-Finanzminister sowie Vizekanzler der Ära Kreisky. In den 80er-Jahren war Androsch Generaldirektor der Creditanstalt. Heute ist der Industrielle u. a. Hauptaktionär des Leiterplattenherstellers AT&S, Eigentümer zweier Gesundheitshotels und vielfacher Buchautor zu historischen und zeitgenössischen Themen.


Der Essay ist ursprünglich erschienen in der trend-Ausgabe 11/2017 vom 17.3.2017
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