David Ungar-Klein: Gründen wir "Silicon Austria"

David Ungar-Klein, Gründer der Agentur Create Connections

David Ungar-Klein, Gründer der Agentur Create Connections

Gastkommentar von David Ungar-Klein: Österreich fehlt eine klare Strategie für die Infrastruktur des Standortes. Vor allem bei Informations- und Kommunikationstechnologien fallen wir zurück. Eine Vision, was zu tun wäre.

Kein Konzept, keine Strategie, keinen Plan -so könnte man die Standortpolitik Österreichs zusammenfassen. Mehr als zehn Jahre sind vergangen, seitdem ich das erste Mal den "Österreichischen Infrastrukturreport" der Initiative Future Business Austria herausgegeben habe. In dieser Zeit sind einige Regierungen an- und abgetreten, zahlreiche Minister gekommen und gegangen. Was aber immer gefehlt hat, war ein klarer Blick in die Zukunft. Ein übergeordnetes Ziel, das von allen Beteiligten entschlossen verfolgt wurde. Österreich mangelt es an etwas, das es heute mehr denn je zuvor braucht: eine Vision.

Die Handlungsbereitschaft bei den einzelnen Entscheidungsträgern ist vorhanden, viele der Bemühungen fruchten auch. So lässt sich aus den Erhebungen im diesjährigen Infrastrukturreport schließen, dass Österreichs Führungskräfte die gut ausgebauten Straßen, das modernisierte Schienennetz, die Fortschritte im Energiesektor und die nach wie vor bedeutende Luftfahrt zu schätzen wissen. Doch das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Das wird deutlich, wenn man dieselben Manager nach ihrer Meinung zur Wettbewerbsfähigkeit Österreichs befragt: Bloß zwei Prozent der Befragten gaben an, die derzeitigen Maßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit seien "voll und ganz ausreichend".


Es fehlt das Vertrauen, es braucht einen Plan.

Jeder, der nur ein bisschen etwas von Wirtschaft versteht, weiß genau, dass eine gut ausgebaute Infrastruktur die Basis dafür ist, um konkurrenzfähig zu sein. Was fehlt, ist das Vertrauen in die Politik, diese Basis langfristig sicherzustellen. Was es braucht, ist ein übergeordneter Plan, eine klare Perspektive.

Es ist höchste Zeit für eine ressortübergreifende Infrastrukturstrategie, etwa nach dem Schweizer Vorbild. Ohne umfassendes Monitoring und Koordinierung der Standortpolitik zwischen Bund, Ländern und Gemeinden sind alle Bemühungen vergebens. Ein für die Infrastruktur zuständiger, unabhängiger Standortanwalt könnte das große Ganze im Auge behalten und beispielsweise in Genehmigungsverfahren wirtschaftliche und gesellschaftliche Vorteile von Projekten aufzeigen.

Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung in einem Infrastrukturbereich, der für eine moderne Entwicklung des Standortes kaum essenzieller sein könnte: die Informations-und Kommunikationstechnologie, kurz IKT. Während die österreichischen Manager die klassische Infrastruktur wie Straße, Schiene und Luftfahrt vergleichsweise positiv wahrnehmen, verliert der digitale Standort kontinuierlich an Boden. Übrigens meinen rund 70 Prozent der befragten Entscheidungsträger, dass die Digitalisierung der einzelnen Infrastrukturbereiche "sehr oder eher wichtig" sei.


Österreich kann es sich nicht leisten, zurückzufallen.

Der Jahresbericht des Telekomregulators RTR zeigt, dass hierzulande Ende 2015 nur 19,5 Prozent aller festen Breitbandanschlüsse schneller als 30 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) waren. Die EU hat als Ziel vorgegeben, dass die Hälfte aller Anschlüsse eine Internetgeschwindigkeit von 100 Mbit/s haben soll. Im Schnitt gibt es nur in vier anderen EU-Staaten langsamere Internetanschlüsse als in Österreich. Als eines der reichsten Länder der Welt kann es sich Österreich nicht leisten, in der digitalen Entwicklung zurückzufallen.

IKT ist die Zukunft, aus diesem Bereich stammen die erfolgreichsten Unternehmen der Welt wie Google, Apple oder Amazon. Es ist jener Wirtschaftszweig in den weltweit kräftig investiert wird. Technologische Quantensprünge passieren dort, wo entsprechende Voraussetzungen gegeben sind. Die sind in Österreich aktuell nicht vorhanden. Die Digitalisierung wird -künftig noch stärker, als es bereits heute der Fall ist -all die klassische Infrastruktur wie Telekommunikation, Energie, Straße, Schiene und Luftfahrt dominieren und revolutionieren.

Genau das braucht Österreich jetzt: eine Revolution im Denken, eine Abkehr von der Politik der kleinen Schritte. "Think big" ist das Motto all der aufstrebenden Tech-Start-ups im kalifornischen Silicon Valley, der Ideenschmiede der modernen Welt. Diese Herangehensweise muss die Politik für die Standortpolitik adaptieren, den Mut haben, in größeren Mustern zu denken.

Das umfasst nicht nur Investitionen in Bildung, Innovation und Breitband. Das erfordert ein umfassendes Konzept vom Kindergarten bis hin zur technologischen Eliteuniversität. Österreich braucht für den Standort eine Vision, ein "Silicon Austria", auf das alle Beteiligten mit vereinten Kräften zusteuern können.


Zur Person

DAVID UNGAR-KLEIN ist Gründer der Agentur Create Connections. Seit elf Jahren gibt Ungar-Klein den "Österreichischen Infrastrukturreport" heraus, der den Wirtschaftsstandort in allen Facetten analysiert. Infos unter: fba.create-connections.com

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