Good Luck, Boss!

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Essay von Helmut A. Gansterer: Auch Unternehmer verdienen ein Leben vor dem Tod.


Das Glück ist ein Vogerl, ein scheues, und ein bissl blöd ist es auch.

Schauspieler Ernst Waldbrunn im trend-Gespräch in der Eden Bar

Das Gespräch ist lang her. Ich war knapp zwanzig. Meine Lizenz zum Trinken war noch frisch. Erst seit Kurzem hatte ich die teure Eden Bar als ideales Wasserloch für ehrgeizige Wirtschaftsjournalisten begriffen. Dort lernte ich viel von Unternehmern, die einen guten Teil der Gäste stellten, auch viel über sie selbst. Am meisten lernte ich vom berühmten Ernst Waldbrunn, der im Sacher wohnte und in der Eden Bar trank.

Beispielsweise, dass ich meinen Unternehmerbegriff ausweiten musste. Dass auch darstellende Künstler wie Schauspieler und Sänger wichtige Unternehmer sind, obwohl sie keine Schlote zum Rauchen bringen und nur wenige Mitarbeiter haben. Wie Handelsherren suchen sie neue Märkte für ihre immaterielle Ware: ihre Stimme, ihr Aussehen und ihr mimetisches Talent. Als freie Unternehmer verdienen sie mit Vortragstourneen oft mehr Geld denn als "Lohnabhängige" eines Theaterensembles. Speziell gilt dies für Österreichs Kabarettisten, deren Programme neben Musik und Maschinenbau die stabilsten Export-Hits Österreichs sind - begünstigt durch die Importkraft von Deutschland und Schweiz, wo man noch auf der Suche nach eigenem Humor ist.

Waldbrunn lehrte weiters: Künstlerrolle und Innenleben müssen keine Einheit sein. Er spielte auf Bühnen den tollpatschigen Deppen, war aber hochintelligent. Wohl glänzte er auch in ernsten Rollen, doch wurde er als bewährter Komiker damit so selten betraut wie ein Louis de Funès. Das verstärkte die persönliche Melancholie des vermeintlich "Heiteren", darin Karl Farkas gleichend, seinem Doppelconférence-Partner im Simpl.

Das ist nicht ungewöhnlich. Seit jeher glaubt man, dass Schwermütige die besten Clowns sind. Auch Michael Niavarani, Farkas' Nach-Nachfolger als Simpl-Chef, als übermütiger Bühnenstar vom Publikum geliebt, schaut, wenn er im Café Engländer sitzt, so drein wie Schopenhauer beim skeptischen Blick aufs Ganze.

Waldbrunn, letzte Klappe: Der "friedliche Dicke" wurde, begünstigt vom Alkohol, aggressiv. Entsetzlich in Erinnerung, wie ein namhafter Papier-Industrieller ein herzliches Kompliment vortrug: "Es ist mir eine Ehre, den gleichen Geschmack wie Sie zu haben. Dort, wo Sie selbst vor Lachen auf der Bühne kaum weitersprechen können, fand auch ich den Text am lustigsten." Da sprang dieser auf und rief: "Bin ich denn von lauter Idioten umgeben? Dieses Selberlachen ist doch gespielt!"

Seit diesem Abend ging ich, wenn er kam. Umso besser gefielen mir jetzt die "normalen Unternehmer" unter den Gästen: hochrangige Manager, Werbebosse, Großindustrielle, KMU-Kometen, Forst-Adelige, Wirtschaftsanwälte. Deren Beitrag zum Wohlstand gefiel mir als trend-Volontär sowieso, sonst hätte ich ja Pfarrer werden können. Auch wusste ich sie als Einzelne sympathisch. Sie genossen ihre Ausflüge in die Eden als winzige Urlaube von sieben mal 14 Stunden langen Arbeitswochen. Gewürzt mit einigen Vorteilen, die selbst ein Jahresurlaub mit der Familie nicht bieten konnte.

Man freute sich auf die zentrale, aber dunkle Liliengasse in Downtown Vienna als Versteck, in dem man nicht sichtbar war. Man freute sich, das erworbene Geld auch mal ins Leben zu investieren. Man musste nicht wie bei Kundenbesuchen weit weg parken, um keinen Neid zu provozieren. Die doppelten Barpreise und den damaligen (heute zeitgemäß gelockerten) Krawattenzwang nahm man gern als Garantie in Kauf, unter erfolgreichen, höflichen und gut gekleideten Gleichsinnigen zu sein. Man tanzte drei Lieder der italienischen Musik zum Gesang von Franco Andolfo -zuweilen, Skandal, mit fremden Frauen -und fand sich zur Sperrstunde doch wieder mit fremden Barflys beisammen, die über nichts lieber sprachen als über die Arbeit. Weshalb teure Barnächte oft zu billigen Netzwerk-Gewinnen wurden. Ein väterlicher Freund und Schönbrunn-Film-Chef sagte: "Die besten Kontrakte sind nie in Büros entstanden, immer in der Eden, wo trinkende, rauchende und kreative Menschen die Nacht zum Tag machten."

Die Frage nach einem glücklichen Leben vor dem Tod ist für erfolgreiche Unternehmer überflüssig. Die Antwort liegt in der Arbeit selbst. Für Bibelforscher ist sie schon in Psalm 90 festgelegt:"Wenn das Leben gut war, so ist's Arbeit und Mühsal gewesen."

So bescheiden sind wir Heutigen nimmer. Wir sind eher säkular als sakral. Von Freunden, die nahe dem Ruhestand sind, hörte ich zwei Zusatzwünsche. Erstens: "Die Firma soll gut fortgeführt werden, idealerweise vom Sohn oder der Tochter." Dies braucht auch Glück. Zweitens: "Ich will in der Zielgeraden des Lebens noch Neues kennenlernen." Dafür braucht es kein Glück, nur Schopenhauer. Dieser nennt die Kunst als einzige Tröstung im Inferno. Weshalb man schnell die erste Radierung kaufen und selber die Kaltnadel ergreifen sollte.

Jeder heutige Ruheständler hat noch 30 Jahre vor sich. Zeit genug, der beste Radierer nach Dürer, der beste Schreiber nach Faulkner, der beste Fotograf nach Cartier-Bresson, der beste Cartoonist neben Haderer zu werden.

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