Gegen uns geht nichts, mit uns auch nicht

Gegen uns geht nichts, mit uns auch nicht

Andreas Salcher - Bildungsexperte und Bestsellerautor

Essay. Gäbe es eine eigene PISA-Kategorie im "Ankündigen von Bildungsreformen", wären wir darin Weltmeister. Was ist von den ambitionierten Reformplänen der Regierung im September 2014 jetzt eigentlich übrig geblieben?

Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als eine grundlegende Bildungsreform durch die befestigten Mauern der Bundesländer und der Lehrergewerkschaft. So haben die Länder durchgesetzt, dass sich Österreich mit seinen 8,7 Millionen Einwohnern weiterhin neun Schulverwaltungen leistet. Dafür bleibt das riesige Bildungsministerium unangetastet.

Wenig beneidenswerte Bildungsdirektoren müssen in Zukunft das Machtspiel zwischen der Bildungsministerin und den Landeshauptleuten ausbalancieren. Die 2.000 Klein- und Kleinstschulen werden erhalten, können aber zu Clustern zusammengelegt werden. Die Lehrergewerkschaft kämpft noch für ihr generelles Vetorecht gegen jeden Cluster.

Zumindest werden in Zukunft alle Lehrer über das Finanzministerium abgerechnet. Damit wird das erste Mal das Geheimnis gelüftet, welche Lehrer in welchen Klassenzimmern tatsächlich unterrichten.

Die 50-Minuten-Stunde darf unter sehr restriktiven Auflagen aufgelöst werden. Die Klassenschülerhöchstzahl von 25 kann endlich geändert werden, weil sie sich als extrem teuer, dafür pädagogisch wirkungslos erwiesen hat. Das Recht des Direktors, sich Lehrer auszusuchen, wird erweitert. Dagegen gibt es weiterhin keine reale Möglichkeit, sich von einem Lehrer zu trennen. Diese heilige Kuh bleibt unangetastet. Damit prolongiert man das menschenunwürdige System, mit dem ungeeignete Lehrer von Schule zu Schule als "Wanderpokale" weitergereicht werden.

Liest man die umfangreichen Gesetzes entwürfe, gewinnt man den Eindruck die Führung einer Schule ist ähnlich gefährlich wie die eines Atomkraftwerkes. Die Anzahl der neuen Paragrafen übertrifft eher die Anzahl der abgeschafften. Mit der Schulautonomie ist es wie mit der Demokratie - ein bisschen funktioniert nicht. Ist nur die viel gescholtene Lehrergewerkschaft schuld?

Die Lehrergewerkschaft verteidigt eisern die De-facto-Unkündbarkeit von Lehrern und ein Besoldungsrecht, das Lehrer wie Fabrikarbeiter nach abgearbeiteten Stunden honoriert. Jene Lehrer, die ihre Überstunden maximieren und nebenbei Nachhilfe geben, sind die Kriegsgewinner. Die Mehrheit der engagierten Lehrer, die sich um ihre Schüler kümmern, sind die Dummen. Dass dieses System nicht nur die Bedürfnisse der Schüler und Eltern ignoriert, sondern die Hauptleidtragenden die Lehrer selbst sind, will die Lehrergewerkschaft nicht wahrhaben.

Alle Studien zum Stresslevel in unterschiedlichen Berufen kommen zum Ergebnis, dass der subjektiv empfundene Stress nicht etwa bei der Justizwache, der Polizei, der Feuerwehr oder der in Sozialarbeit, sondern bei Lehrern am stärksten ist, was zu den hohen Burnout-Raten führt. Diese Tatsache erinnert an das "Stockholm-Syndrom", bei dem sich ab einem bestimmten Zeitpunkt die Entführungsopfer mit ihren Entführern solidarisieren.


Liest man die Entwürfe zur Schulreform, gewinnt man den Eindruck, die Führung einer Schule ist ähnlich gefährlich wie die eines Atomkraftwerks.

Die Lehrergewerkschaft hätte jedenfalls genug Gründe, für Verbesserungen wie zeitgemäße Arbeitsplätze, sinnvolle Weiterbildung in bester Qualität oder das Recht auf Supervision zu kämpfen. Es ist aber ihr unbestrittenes demokratisches Recht, ein sinnbefreites Schulsystem zu verteidigen, dafür zu demonstrieren und zu streiken. Zur Ehrenrettung der Lehrergewerkschaft muss man festhalten: Sie ist nicht das wirkliche Problem, sondern Regierungen, die ihr ein Vetorecht gegen alle dringend notwendigen Reformen einräumen.

Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts lassen sich weder wegstreiken noch wegverhandeln. Alleine das Wort "Verhandlungen" löst bei Lehrergewerkschaftern offenbar erotische Gefühle aus. 33 Verhandlungsrunden zum Lehrerdienstrecht haben mit einem Nein geendet. Nach jetzt 15 Verhandlungsrunden zur Schulautonomie gab es ein Nein zum Paket und die Forderung nach weiteren Verhandlungen. Motto: "Gegen uns geht nichts, und mit uns geht auch nichts" (© Hannes Androsch).

Die Lösung liegt in unserer weisen Bundesverfassung. Dort steht im 1. Artikel nicht "Alles Recht geht von den Interessenvertretungen aus" und auch nicht "Alles Recht geht von der Gewohnheit aus" (© Robert Menasse). Sondern: "Alles Recht geht vom Volk aus."

Dringend notwendige Reformen bei den Pensionen, im Föderalismus, im Gesundheitsbereich und im Sozialstaat können nur mit Mehrheit im Parlament beschlossen werden - oder sie werden nie passieren. Die Post, die ÖBB oder die Voest sind beste Beispiele dafür, wie staatsnahe Betriebe sehr wohl den Sprung ins 21. Jahrhundert schaffen können. Im Gegensatz zum Schulsystem ist diese Transformation allerdings vor allem deshalb gelungen, weil sie ihre Monopolstellung verloren haben. Auch die Schulen verlieren immer stärker ihr Monopol.

Seit Jahren warne ich vor einer "Amerikanisierung" unseres Schulsystems. In den USA gibt die Mehrzahl der Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder in Privatschulen. Besonders in Brennpunktgebieten werden dadurch die öffentlichen Schulen zu sozialen Restschulen. Dieser Trend ist auch in Österreich unübersehbar.

Wer reich und gebildet ist, schickt seine Kinder auf internationale Privatschulen. Aber auch die Mittelschicht verliert zunehmend ihr Vertrauen ins öffentliche Schulsystem. In Wien besucht bereits jeder fünfte Schüler eine Privatschule! Ich bin durchaus für Privatschulen, weil sie den Eltern mehr Wahlmöglichkeiten bieten und den Veränderungsdruck erhöhen. Aber die Zukunft für ein kleines Land kann nur in einem öffentlichen Schulsystem liegen, das die Lebenschancen von Kindern nicht systematisch zerstört, nur weil sie am "falschen" Ort geboren wurden.

Wie würde Autonomie wirklich aussehen? Schüler lernen am besten von Lehrern, die sie mögen und von denen sie inspiriert werden. Schüler freuen sich nicht auf Gegenstände, sondern auf Menschen, die für sie Vorbilder sind. Die Reduktion der bisher zwölf bis 24 Fächer auf deutlich weniger, aber größere Lernfelder nimmt ungemein viel Stress von den Lehrern und Schülern. Der Gesamtstundenplan einer lebendigen Schule sieht nicht mehr so kompliziert wie der Aufbau eines Atomkraftwerkes aus, weil er nicht die Bauchnabelsicht von unzähligen Gegenständen berücksichtigen muss. Lernen braucht Gemeinschaft.

Lehrer erbringen die besten Leistungen in Teams. Das bedeutet einen hohen Kommunikationsaufwand. Zu glauben, dass man den Kulturwandel von der überregulierten Belehrungsschule zu einer lebendigen autonomen Schule ohne intensive Prozessbegleitung an den 6.000 Schulen erreichen kann, ist eine Illusion. Dafür sind derzeit aber keine Geldmittel vorgesehen. Die Transformation soll offenbar von unsichtbarer Zauberhand geleitet werden.

Fazit: Jeder fünfte 15-Jährige kann nach neun Jahren Schule nicht sinnerfassend lesen. Jeder zweite Wiener Volksschüler spricht nicht Deutsch als Umgangssprache. Torheit ist die Weigerung, aus dem Offenkundigen Schlüsse zu ziehen. Hoffnung ist keine Strategie.

Daher eine Provokation zum Schluss. Warum honorieren wir die Leistungen von Spitzenmanagern exorbitant und jene von Weltklasseschuldirektoren erbärmlich? Eine schlechte Schule zu retten, sollte den gleichen Stellenwert haben wie ein Unternehmen exzellent zu führen. Ich schlage daher vor, die 500 besten Direktoren des Landes an die 500 härtesten Brennpunktschulen zu schicken. Ihr Gehalt wird verdoppelt, und sie erhalten die volle Entscheidungsfreiheit an ihrer Schule.


Zur Person

Andreas Salcher Der Bildungsexperte, Bestsellerautor und Unternehmensberater ist regelmäßiger trend-Autor.

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