Helmut A. Gansterer:
Gaudeamus igitur

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Über lehrreiche Dispute mit Studenten der Wirtschaftsuniversität.

Für Erwachsene in der hohen Reife der Jahre gibt es zwei Möglichkeiten einer spontanen Verjüngung.

Erstens: man setzt sich mit den Uralten aufs Hausbankerl; gleich fühlt man sich - by contrast - wie ein Kind. Zweitens: Man plaudert mit einem Rudel Studenten, also Twens, die je nach Fleiß und Begabung zwischen 20 und 30 Jahre alt sind.

Ich ziehe die zweite Methode vor. Sie garantiert den gewünschten Erfolg aus mehreren Gründen. Man erfährt viel Neues, was das Hirn belebt. Außerdem sind diese Gespräche ein Vampirismus. Es kommt im Wege der geistigen Osmose zu einem Blutaustausch. Am Ende ist der Alte erfrischt und blitzt wieder aus dem "frechen Aug' der Jugend" (Schnitzler), während die Jungen ein bisserl alt ausschauen.

Ich habe diesen Effekt oft mit Freude erlebt, bei Disputen im Anschluss an Univorträge und Plenumsdiskussionen oder nach Vorlesungen, die ich fürs Publizistik-Institut halten durfte.

Die diesmalige Gesprächsrunde war besonders fruchtbar. Denn sie fand nicht auf nüchternem Hochschulboden statt, sondern im legendären Ringstraßen-Café "Landtmann". Die beteiligten Studenten kamen nicht von der Wiener Uni vis-à-vis; diese ziehen die billigeren Wirtshäuser im Rathausviertel vor. Im Café Landtmann, dem man viel Gutes nachsagen kann, aber nicht, dass es eine Niedrigpreis-Schwemme sei, saßen Wirtschaftsstudenten, die oft aus Unternehmerfamilien kommen und in der Regel über ein behagliches Studiengeld verfügen.

Demgemäß wurde in dieser Geburtstagsrunde der Wein nicht glasweise bestellt, sondern in hohen Flaschen, deren Etiketten sie von Weitem als Wachauer Federspiele und Smaragde auswiesen. So hing bald - virtuell, denn im "Landtmann" singt man nicht - das "Gaudeamus igitur" ("Lasst uns also fröhlich sein") in der Luft, die Titelzeile des auch in Japan und USA berühmten Studentenlieds "De brevitate vitae" ("Über die Kürze des Lebens").

Die Stimmung war ergo erfreulich. Wie auch die ersten Gesprächsrunden. Da stellte ich lerngierig die Ohren auf. Wieder einmal begriff ich die Ernsthaftigkeit heutiger Studenten. Diese spiegelt eine sorgenvollere Zeit als jene Zeiten, die Studenten des zwanzigsten Jahrhunderts erleben durften.

Man erzählte einander die Erlebnisse des Sommers. Obwohl jeder sein eigenes Auto besaß - vom 2CV bis zum 911, wie ich erfuhr -, hatten etliche per preiswertem Inter-Rail die europäischen Hauptstädte bereist und vor Ort neue, ökonomische Modelle wie Car-Sharing und Couch-Sharing getestet. Zwei übten sich gar in Sozialdiensten, obwohl sie nach dem Studium mit einem sicheren Sitz im Familienunternehmen rechnen können - offenbar gut erzogen von Unternehmer- Eltern, die das Prinzip "Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen" beherzigen.

All dies wurde von den Kommilitonen als normal angesehen. Als Senior der Runde nach meinem eigenen Sommer befragt, musste ich lügen. Ich wagte nicht, zu bekennen, dass ich in einem offenen Test-Bentley der eleganten "Autorevue" über die Côte d'Azur flaniert war. "Ich habe", sagte ich, "im Wienerwald britische Lyrik studiert - Keats, Shelley, Pound, Auden." Das war für eine kurze Woche sogar die Wahrheit. Und es gefiel. Zwei Studenten machten sich heimlich Notizen.

Fazit: Unendlich imponierende Gesprächsrunde. Aber irgendwann zu fromm. Mir war nach Unfug zumute. Ich hatte zwölf seriöse trend-Essays hinter mir und brauchte Abwechslung. Also streute ich Pfeffer ins Festmahl. Als Journalist habe ich Provokation gelernt. Das hilft bei Interviews -und half auch im "Café Landtmann". Hier eine sinngemäße Nacherzählung.

Ich fragte also, unschuldig am Riesling nippend: "Warum braucht Ihr eigentlich so lang, die simple Wirtschaft zu studieren?"

"Weil", sagte ein ernster Jüngling, "die Wirtschaft nicht simpel, sondern komplex und im Einzelnen sogar extrem anspruchsvoll ist."

Ich bin ja selbst dieser Meinung, bemühte mich aber um ein skeptisches, spöttisches G'schau: "Ist das wirklich wahr?"

Das riss eine teuer gekleidete Jungfrau der Runde aus der Reserve:"Was soll das heißen? Wie lange würden wohl Sie, der Herr Professor Überg'scheit, als Uni-Professor brauchen, um die komplette Wirtschaftswissenschaft vorzutragen?" Sie riss gleich andere mit. Man rief "Ja, genau" und "eine konkrete Antwort, bitte" und "Da bin ich jetzt ehrlich neugierig" und dazwischen Rufe zugunsten der österreichischen Weinwirtschaft wie "Noch einen Prager" und "Noch einen Pichler" und "Mir einen Birnenbrand vom Prandtauerhof, aber gleich ein Achtel". Gaudeamus igitur.

Ich ließ mir Zeit. Nicht alle Fragen sind leicht zu beantworten. Fürsorglich füllten die Studenten meine Wasserkaraffe, und ein neues, nun bauchiges Glas mit Krutzlers Cuvée Perwolff. Mit dem wachen Instinkt der Jugend hatten sie begriffen, dass nun meine Stunde gekommen war, um zum Ernst der Dinge vorzudringen, also zum Rotwein.


Der Unternehmer ist das Alpha und Omega der Wirtschaft. Und damit des Wohlstands, der wiederum der einzige Garant für Frieden aller Art ist.

Dann zog ich in die Schlacht: "Das ist, meine Teure, eine sehr interessante, aber, Pardon!, auch bescheuerte Frage. Niemand, der seine Sinne beisammen hat, würde mir eine Lehrkanzel anvertrauen. Wenn aber doch und gesetzt den Fall, würde ich für die Darstellung dessen, was man wesentlich über die Wirtschaft wissen muss, also ihres Kerns, ihrer Ursubstanz, ihres Magmas -zirka zwei Minuten und dreißig Sekunden brauchen."

Ich hob die Hand, um den drohenden Aufschrei gleich zu ersticken, und fuhr fort: "Diese Ursubstanz lässt sich in ein Bild fassen. Wir stellen uns einen einsamen Mann -gern auch eine einsame Frau - vor, den wir Unternehmer nennen. Er steht aufrecht und hält beide Arme vorgestreckt in ein unberechenbares Universum namens Markt. In der linken Hand hält er sein Produkt, seine Dienstleistung. Die rechte Hand ist geöffnet, um das Geld zu ergreifen, das ihm der Markt gibt - oder nicht.

In diesem ersten Moment seiner Werdung ist der Unternehmer eine Bühnenfigur namens RISIKO, die alle Fantasierollen wie Hamlet, Lear und Faust übersteigt. Weshalb wir, die Wissenden des "Café Landtmann", jetzt unser Glas auf den Unternehmer (die Unternehmerin) heben sollten. Er ist das Alpha und Omega der Wirtschaft. Und damit des Wohlstands, der wiederum, wie die Geschichte zeigt, der einzige Garant für Frieden aller Art ist."

Schnitt. Eine Stunde später. Sperrstunde. Alle normalen Gäste sind weg. Schlafende Studenten in den Logen-Bänken und Sesseln. Ihre jungen Gesichter noch tränenzerflossen. Der "Landtmann"-Boss signalisiert: noch 30 Minuten. Also schnell noch den Dom Pérignon. Dessen delikate Perlen sollen bei geschundenen Stimmbändern Wunder wirken. Ich muss ihn allein trinken. Der letzte überlebende Student, ein Bauernsohn, dessen Vorbild Lee Iacocca ist, hatte letzte Fragen gestellt, ehe auch er abging. "Wer bringt uns den Rest bei?", hatte er gefragt.

"Ein trend-Abo das Frische, und das Ewige natürlich die WU Wien. Sie hatte schon einen glänzenden Ruf, als ich da studierte. Ich war damals Chefredakteur ihrer Zeitung ,Hermes'."

"Warum Hermes?"

"Gott der Kaufleute und Diebe."

Finale: Der Ober trägt den Champagner ab. Er reinigt meine Wange: "Sie sind in einen teuren Lippenstift gerannt." Ich entrichte den weltbesten Oberkellnern meinen respektvollen Obolus und schreite in die Nacht hinaus. Aufrecht wie ein Gerechter, der seine Alltagsarbeit für trend geleistet weiß.

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