Antonella Mei-Pochtler: Mehr Mensch durch mehr Maschine

Gastkommentar. Die digitale Revolution bietet die große Chance, Arbeit und Gesellschaft neu zu definieren.

Antonella Mei-Pochtler: Mehr Mensch durch mehr Maschine

Antonella Mei-Pochtler, Senior-Partnerin The Boston Consulting Group (BCG)

Jorge Luis Borges beschreibt in seiner 1946 erschienenen Kurzgeschichte "Del rigor en la ciencia“ ein Reich mit so vollkommenen Landkarten, dass "die Karte einer einzigen Provinz den Raum einer Stadt einnahm und die Karte des Reiches den einer Provinz“. Als diese nicht mehr ausreichten, wurde eine Karte erstellt, "die genau die Größe des Reiches hatte und sich mit ihm in jedem Punkt deckte“. Borges Geschichte lässt sich lesen als Parabel auf den Anbruch eines Zeitalters, in dem dank Digitalisierung und Virtualisierung eine perfekte und sogar intelligentere Abbildung der Welt entsteht, wodurch diese durch automatisierte Systeme gestaltbar wird.

Immer mehr menschliche Tätigkeiten werden von Maschinen übernommen - erst die Muskel- und Handarbeit, dann die Kopfarbeit - bis der reale Mensch in der von ihm geschaffenen Abbildung verschwindet wie das reale Reich in der Abbildung der Karte.

Die Vernetzung der zunehmend intelligenten Maschinen wird, wie die industriellen Revolutionen vor ihr, immense Produktivitätssteigerungen und Disruptionen mit sich bringen. Sie wird zugleich das Verhältnis von Mensch und Maschine, die Arbeits- und Lebenswelten verändern. Zum Guten?

Daran zweifeln viele angesichts von Prognosen, dass mit fortschreitender Automatisierung fast die Hälfte der Arbeitsplätze, insbesondere der Mittelschicht, verschwinden könnten, wie es etwa die Oxford-Ökonomen Frey und Osborne prognostizieren.

Unsere eigenen Untersuchungen zeichnen ein weniger düsteres Bild: Zwar werden einfache Tätigkeiten zunehmend von Robotern übernommen, doch zugleich entstehen bis 2025 in der industriellen Produktion zahlreiche neue Tätigkeitsprofile.Und insgesamt schafft die Digitalisierung mehr Jobs, als durch sie verloren gehen. Allerdings erfordern diese neuen Tätigkeiten deutlich mehr IT-Kompetenz als bisher und die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen. Unternehmen werden massiv in Weiterbildung und Umschulung ihrer Beschäftigten investieren müssen, um sich intelligent für die digitale Zukunft zu rüsten. Interdisziplinäre Aus- und Weiterbildung wird zum entscheidenden Standort- und Wettbewerbsvorteil.


Es gilt, das freie, über Regeln und Grenzen hinausreichende Denken zu fördern.

Wer die Auswirkungen auf Arbeits- und Lebenswelt verstehen will, muss über den Tellerrand der Produktivitätsfortschritte hinausschauen. Die vierte industrielle Revolution - heuer auch Thema auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos - ist in vollem Gange. Und alles, was Arbeit leichter, schneller, billiger macht, wird kommen.

Doch wem kommt diese Entwicklung zugute? Die Polarisierung bei den Einkünften schreitet voran: Ob Frankreich, Schweden, Deutschland oder USA, hohe Einkommen steigen, mittlere stagnieren, niedrige fallen. Man muss kein Sozialist sein, um zu erkennen, dass eine gesellschaftliche Entwicklung problematisch ist, in der traditionelle Arbeit verschwindet, während der wachsende Reichtum der Gesellschaft an einige wenige verteilt wird. Während sich einst Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Produktivitätsfortschritte teilten, sieht es bei den Gewinnern der digitalen Revolution ganz anders aus: Instagram und WhatsApp betreiben keine Fabriken mit Tausenden von Arbeitsplätzen.

Die Digitalisierung stellt nicht nur höhere Anforderungen an die Arbeitskräfte der Zukunft, sie stellt grundsätzliche Fragen: Was sind die menschlichen Kriterien für gute Arbeit in der digitalen Welt? Wie und in welcher Gesellschaft wollen wir leben? Darauf werden auch die "intelligentesten“ Maschinen keine Antwort geben können.

Ja, Mitarbeiter sind rund um die Uhr erreichbar, haben jederzeit Zugriff auf das gesamte Wissen der Welt, aber immer mehr Unternehmen erkennen, dass die Begeisterung darüber im Burn-out endet. Deshalb ist es wichtig, die Bildungsinstitutionen entlang dieser Herausforderungen umzustrukturieren. Damit ist allerdings nicht nur gemeint, dass als Erstes jedes Klassenzimmer einen Internetanschluss erhält und die Schüler an Stelle von Latein Java lernen.

Vielmehr gilt es, gerade die Kompetenzen zu fördern, die den Menschen im Zeitalter der vernetzten, intelligenten Maschinen positiv von diesen unterscheiden: das freie, über Regeln und Grenzen hinausreichende, eigenwillige Denken.

Simon Arne Manner

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