Helmut A. Gansterer: "Weiß nicht, woher ich komme"

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Essay. Über die schändlichste Wissenslücke der Unternehmer.

Dieser Essay für den trend erscheint im Höhepunkt des Hochsommers. Das ist die schönste Zeit des Jahres. Mungo Jerry singt: "In the summertime, when the livin' is high". Darüber sind sich alle einig.

Alle? Nein, es gibt ein tapferes Grüppchen, kaum mehr als 4.200 Mitglieder zählend, das wider den Stachel löckt. Das sind die österreichischen Industriellen, die mit Groll auf die Fabriken blicken. Ihre Schiffe segeln im Sommer auf Halbmast, weil die ermattete Belegschaft - samt dekadentem Management -unbedingt ihren Urlaub will, und zwar in der sonnigsten Zeit.

Schlimmer noch: Selbst die eigene Unternehmer-Familie, die oft übers Jahr zu kurz kommt, fordert den gemeinsamen Sommerurlaub ein, was zuweilen als Strafverschärfung empfunden wird.

In alten, noch adeligen Zeiten wurde dieses Problem elegant gelöst. Der Fabrikant als Familienoberhaupt (damals beides noch ausnahmslos männlich) begleitete den Familientross ins Panhans am Semmering, wo er die Lieben dann jedes Wochenende besuchte. Unter der Woche kehrte der Patriarch mit der Melancholie des Märtyrers ins Werk zurück und musste -ein weiteres Opfer - die Abende ganz allein mit seinen Industriellen-Freunden in der Wiener Imperial- Bar verbringen.


Nicht alles was alt ist, ist schon erfrischende Geschichte.

Dies und mehr beschreibt Arthur Schnitzler in seinem bekanntesten Stück. "Das weite Land" gewinnt, zur Freude mancher Jung-Industrieller, wieder an aktuellem Wert. Die gefährlichen Gestade des Mittelmeers werden als Urlaubsdestinationen abgelöst. Die einst berühmte "Sommerfrische in Österreich" erlebt ihre Wiederauferstehung.

Wobei: Die sommerlichen Werksbesuche des Fabrikanten sind umstritten. Ihr Sinn (abgesehen von der Familienflucht) erschließt sich nicht ohne weiteres. Halbleere Fabriken sind trostlos, auch akustisch. Man hört nur die Flüche der armen Spezialisten, die im Sommer die Fließbänder umstellen und die Roboter auf die Herbstmodelle umprogrammieren müssen. Vor allem sind auch die Ärzte dagegen.

Sie propagieren derzeit vehement die BERUFS-PAUSE als genial. Erstens als Reparaturzeit für Körper und Geist. Zweitens als effizient, da die verlorene Zeit durch die gewonnenen, höheren Kräfte spielend hereingebracht wird. Dazu kommt als günstiger Faktor ein milder Sport, der auch als Gemütsaufheller entdeckt wurde. Früher war ein ehrgeiziger, sportlicher Wiedereinstieg nach jahrzehntelanger, reiner Geistesarbeit des Unternehmers lebensgefährlich.

Jetzt nicht mehr. Zwei Zauberprodukte sind nun ausgereift: Das Elektrofahrrad (vulgo E-Bike oder Pedelec) und die Aktivity-Trackers, letztere auch als Spielzeug der Control-Freaks erfolgreich. Diese Aspekte wurden im vorigen trend-Sommer-Essay detailliert vorgestellt.

Hier nun ein weiterer Gesichtspunkt. Er baut darauf, dass Unternehmer-Sein ein ständiges Neu-Denken verlangt. Der gewohnte Schwung, das Momentum des Gehirns, kann nicht einfach abgeschaltet werden. Der Kopf braucht auch im Urlaub sein Denkfutter. Nur halt ein anderes als während der Arbeit.


In vertrauter Kenntnis von hundert Unternehmern gestatte ich mir den Hinweis, dass der Unternehmerstand zwar sehr viel weiß, aber ausgerechnet an seiner Quelle, der Wirtschaftsgeschichte, ein erbärmliches Desinteresse zeigt.

Mein Vorschlag nicht nur an Industrielle, sondern an Unternehmer aller Art (vom Einzelkämpfer bis zum selbstständigen Wirtschaftsanwalt und Handelskaufmann) geht dahin, endlich die beschämendste Wissenslücke zu schließen.

In oberflächlicher Kenntnis von tausend und vertrauter Kenntnis von hundert Unternehmern gestatte ich mir den Hinweis, dass der Unternehmerstand zwar sehr viel weiß, aber ausgerechnet an seiner Quelle, der Wirtschaftsgeschichte, ein erbärmliches Desinteresse zeigt, von "geordnetem Wissen" ganz zu schweigen. Damit aufzuräumen, wäre ein Sommer-Urlaubs-Ziel höchster Eleganz.

Für jene merkwürdige Indolenz muss es Gründe geben, und es gibt sie auch. Ob sie als Ausrede taugen, weiß ich nicht, aber sie erleichtern das Verständnis.

Wirtschaftsgeschichte ist unter den Hochschulfakultäten ungefähr das, was der Kunstjournalismus in der Welt der Berichterstattung ist. Beide sind gesegnet mit einem Zentralbegriff, der spannender nicht sein könnte. Und beide fast ruiniert durch die ausübenden Professoren und Zeitungsschreiber.

Hier wie da ein merkwürdig elitäres Gehabe. Oft wirkend wie ein wasserdicht von der Außenwelt abgeschotteter Klüngel, in einer eigenen, oft unverständlichen Sprache füreinander schreibend, nicht für die Zielpersonen.

Kritik am Mainstream des Kunstjournalismus ist nicht neu. Sie nützte nur nichts. Wunderlich die Geduld der Verleger. Sie nehmen billigend eine Verstörung der Kunstwelt in Kauf. Diese wird dadurch bewirkt, dass die Kunstkritiker der Medien (teils Angestellte, teils Freelancer) sich oft in verletzend-jovialer Manier über die Künstler erheben.

Fast so, als könnten sie es selbst besser. Nicht alle Kunstschaffenden haben die Contenance des Weltklassemalers und Kunstpädagogen Prof. Adolf Frohner. "Du weißt", sagte er in seinem letzten Gespräch, "dass ich mich über jede Rezension des Werkes freue. Erstens hilft es dem Verkauf. Zweitens erfahre ich dann endlich, was ich mir beim Malen des Bildes dachte. Und wer meine Vorbilder waren, die ich oft gar nicht kenne, weil ich ein historisch ungebildeter Akademie-Professor bin."

Wie in jeder Verallgemeinerung hat man sich bei den Ausnahmen zu entschuldigen. Pars pro toto wähle ich dafür Heinz Sichrovsky ("News"): sprachkreativ, meist ironisch-menschlich (und selbstironisch) in der Kritik, temperamentvoll in der tapferen Beförderung noch Unbekannter, nicht nur der eh schon berühmten Bestseller. Auch seine TV-Literatur-Sendung (ORF III: "Erlesen") wird international akklamiert. Man sollte ihm und seinesgleichen eine "Akademie der Kunstkritik" anvertrauen.

In der Wirtschaftsgeschichte, um die es jetzt ausschließlich geht, kam ein Fernand Braudel früh zu Ehren. Frankreich schätzt Esprit schon zu Lebzeiten. Braudel (1902-1985) verstörte die alten Historiker, die als Zeitlineal unverändert eine Schlacht an die andere reihten.

Braudel: "Wie alles Politische kurzlebig, Lichtblitze, irrelevanter Staub." Auch die groben Stufungen der Wirtschaftsgeschichtsschreibung verachtete er. Lieber studierte er den Alltag.


Die Unterhose, das meistverkaufte Businessprodukt.

Als historisch wichtigstes Produkt rühmte er die Unterhose. Sie führte uns ins "hygienische Zeitalter". Eine neue Zeitordnung, die gefällt und interessiert. Man ahnt, wie spannend Wirtschaftsgeschichte sein könnte. Zumal viele Bürger die Unterhose öfter wechseln als ihre Ehepartner und Autos, weshalb sie zum meistverkauften Business-Produkt wurde.

Jüngere, heutige Historiker sollten nach diesem Vorbild nicht nur deduktiv denken (vom Ganzen ins Einzelne gehend), sondern auch induktiv. Neben faden, unscharfen Dachbegriffen wie "Motorisierung" und "Digitales Zeitalter" wären Schlüssel-Companys und Schlüsselprodukte namentlich zu nennen. Auch solche, die unserer Zeit näher liegen als die Erfindung des Feuers, der Sense, der Egge und der ewigen, von James Watt verfeinerten Dampfmaschine.

Die Unternehmer, täglich von Fortschritt belebt und bedrängt, ermüden mit Recht beim Studium wirtschaftsgeschichtlicher Werke, die brav bei Adam und Eva beginnen ("tausche Apfelbiss gegen Erbsünde"). Die ewige Abfolge von Nomadentum und Sesshaftigkeit, von reiner Agrar- & Forstwirtschaft unter adeligem &kirchlichem Diktat bis zur Aufklärung ist wichtig und richtig, sollte aber in neuen Werken auf einer (in Zahlen: 1) Seite vorangestellt werden, mit einem Verweis auf die besten von tausend Büchern, die die Vorzeit abhandeln, inklusive der industriellen Revolution.

Mein Vorschlag: Gnädige Neu-Historiker sollten frühestens in 19. "Jahrhundert der Naturwissenschaften" einsetzen. Dann könnten sie immer noch Goethe einbauen, der noch 32 Jahre hineinragte, und seinen "Faust" als Symbol des suchenden und irrenden Menschen heranziehen, was auch in puncto Wirtschaft nicht abwegig ist.

Besserer Vorschlag: gleich mit dem Benz-Patent-Motorwagen Nummer eins aus 1886 anfangen, der in idealer Weise eine Brücke zur Gegenwart schlägt. Der Company-Name blieb via Daimler-Benz und Mercedes bewahrt. Und das Automobil bis heute das erfolgreichste Jahrhundertprodukt. Die Frage, ob die gegenwärtigen Produktheuler wie PC, Tablet, Smartphone, 3D-Virtual-Reality-Brillen und Koffein-Shampoo das Auto in puncto Lebensdauer überholen können, wäre ein spannendes letztes Kapitel.

Ein Werk dieser Art, wissenschaftlich gründlich gearbeitet und in verständlicher Sprache geschrieben (alle eitlen Fußnoten ans Ende gestellt), würde auch Unternehmer zu Studenten der Wirtschaftsgeschichte machen.

Für heuer ist es wohl zu spät. Doch schon in drei Jahren könnte dieses Standardwerk auf den österreichischen Sommerfrische-Balkons dem Krimi Konkurrenz machen.


Der Essay ist im trend. Ausgabe 30-31/2017 vom 28. Juli 2017 erschienen.
Zum Abo-Shop und Download als E-Paper

Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und Leiter des Wirtschaftspolitischen Zentrums in Wien.

Standpunkte

Soziale Teilhabe: Wo steht Österreich?

Digital

Digitale Zukunft: 7 Business-Optionen für Österreich

Kommentar
Matthias Bank, Dekan der Fakultät für Betriebswirtschaft an der Universität Innsbruck

Standpunkte

Mängelrüge für Bitcoins: "Reine Spekulationsmedien"