Fusionitis: Der große Exodus der Banken

Marcus Dahmen, Bankenexperte bei Horváth & Partners Management Consultants

Marcus Dahmen, Bankenexperte bei Horváth & Partners Management Consultants

MANAGEMENT COMMENTARY: Die Israeliten wurden vor 3.000 Jahren in Ägypten derart schikaniert, dass sie das Land schließlich in Scharen verließen und Mose in die Wüste folgten – auf der Suche nach dem gelobten Land. Die Situation der Bankangestellten heute ist nicht viel anders, nur dass ihnen der Prophet fehlt und das gelobte Land nicht sichtbar wird, meint Marcus Dahmen, Bankenexperte bei Horváth & Partners Management Consultants, in seinem Gastkommentar.

In Bankenkreisen geht die Angst um, vor allem in den mittleren und unteren Chargen. Seit die große Digitalisierungs- und Automatisierungswelle im Finanzbereich rollt, werden bisher gut bezahlte Jobs zunehmend überflüssig, die Leute freigesetzt. Für den Kunden macht sich das darin bemerkbar, dass er immer mehr selbst erledigt – via Online-Banking von zuhause aus, oder an Automaten in seinem Institut. Oder wenn seine Filiale ganz zusperrt und er an andere Bankfilialen verwiesen wird, mit ihm völlig fremden Betreuer/innen.

Das „Big Picture“ der Bankenzukunft aus Beratersicht sieht derzeit ungefähr so aus: Die überwiegende Mehrheit der Bankmanager hält eine Fusion oder Übernahme ihres Instituts in den nächsten Jahren für wahrscheinlich, jeder Vierte sogar für sehr wahrscheinlich. Sicher dabei ist, dass Zusammenschlüsse oder Übernahmen nur dann erfolgen, wenn ein betriebswirtschaftlicher Mehrwert erzielt werden kann – im Klartext, wenn damit Kosten gespart werden können. Und Kosten sind hier zumeist Mitarbeiterkosten.

Fusionen und ihre Folgen

Jeder zweite Bankvorstand in der DACH-Region hält eine Fusion seines Instituts in naher Zukunft für wahrscheinlich, wenn sich ein passender Partner findet. Jeder vierte geht sogar fest davon aus. Grund dafür sind die „positiven Auswirkungen“ auf die Effizienz der Banken, die sich unmittelbar negativ auf die Stimmung und Motivation der Belegschaft auswirkt. Bereits fünf Jahre nach einer Fusion steht eine Bank nach Berateranalysen mit einer um etwa drei Prozent besseren Cost-Income-Ratio da. Das Einsparpotenzial in Bezug auf Personalkosten schätzen Bankmanager deutlich höher ein, im Schnitt rund zehn Prozent, obwohl in der Vergangenheit hie und da sogar Personal aufgestockt wurde.

Das kennen wir schon seit der Steinzeit: Wenn Gefahr droht, rücken die Menschen und Institutionen zusammen, selbst wenn sie sich nicht ausstehen können. Im Computerzeitalter sind das dann sogenannte „bilaterale Anbahnungsgespräche“ auf Vorstandsebene mit möglichen Fusionspartnern. Viele Institute gehen im Vorfeld einer Fusion eine Kooperation ein, um sich besser kennenzulernen und Stärken und Schwächen auszuloten. Eine systematische Analyse potenzieller Partner kommt (leider) nur selten vor. Gerade Regionalbanken kennen ihre Wettbewerber gut.

Integrationsprozess ist oft die Hölle

Doch auch wenn ein Institut seinen zukünftigen Partner umfangreich durchleuchtet und kennengelernt hat, läuft der Zusammenschluss selten reibungslos ab. Das beginnt bei der Strategie und dem Geschäftsmodell und geht über Standardisierungsprozesse bis hin zur Personalentwicklung. Selbst bei guter Vorbereitung ist der Integrationsprozess oft die Hölle und fordert große Managementressourcen, ausgeprägte Projektmanagementerfahrung und talentierte Kommunikation, um die heterogene Belegschaft bei der Stange zu halten.

Für alle jene, die solche Schikanen nicht aushalten (wollen) und das gelobte Land suchen, in dem weiterhin Milch und Honig fließen, zum Trost: Die durch die Digitalisierung und Automatisierung eingeleitete Entwicklung im Finanzbereich ist unumkehrbar, die großen und teuren Bankenpaläste von einst weichen vielen kleinen und wendigen Fintech-Applikationen am Handy. Es braucht keinen Propheten, um diese Zukunft vorherzusagen: Die zunehmende Konsolidierung der Banken wird zugleich ein großer Exodus.


Studie "Fusionen unter Gleichen"

Für die Horváth & Partners-Studie „Fusionen unter Gleichen erfolgreich anbahnen und umsetzen“ wurden im Sommer 2018 rund 90 Führungskräfte in Privat- und Geschäftsbanken, Volks- und Raiffeisenbanken sowie Sparkassen und Kantonalbanken in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt.

Slideshow: Fusionen am Bankensektor

Wie Banken-Manager das Thema Fusion sehen.

Quelle: Horváth & Partners Fusionsbarometer 2018. Basis: Befragung von 90 Bankmanagern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

72 Prozent der Banken denken an eine Fusion.

Quelle: Horváth & Partners Fusionsbarometer 2018. Basis: Befragung von 90 Bankmanagern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

Unverträglichkeit der Unternehmenskulturen wird als die größte Hürde in der Integrationsphase gesehen.

Fünf Ergebnisse der Studie im Überblick:

  • Bilaterale Vorstandsgespräche und Kooperation werden bevorzugt genutzt, um eine Fusion aktiv anzubahnen.
  • Um Vorbehalte in Aufsichtsgremien gegenüber einer Fusion auszuräumen, nennen 29 Prozent die offene Kommunikation von betriebswirtschaftlichen Argumenten und 21 Prozent bilaterale Gespräche mit einzelnen Organmitgliedern.
  • Als wichtigste Fokusthemen in der Integrationsphase nennen über 50 Prozent der Studienteilnehmer „Geschäftsmodell und Strategie“, „Standardisierung und Automatisierung“, „Harmonisierung der IT-Architektur“ sowie „Change-Management und Personalentwicklung“.
  • Die wichtigsten Maßnahmen für eine gelungene Integration sind für 19 Prozent die Intensive Kommunikation mit allen Mitarbeitern und für 18 Prozent die aktive Beteiligung der Führungskräfte. Es zeigt sich, dass Teilnehmer mit Fusionserfahrung diese Einbindung als noch wichtiger einschätzen.
  • Bei knapp 60 Prozent der Fusionen, lag die Personalreduktion bei unter zehn Prozent. Dies deckt sich nicht mit den Erwartungen der Bankmanager: Über die Hälfte erwartet, dass der Personalbestand durch eine Fusion um mindestens zehn Prozent abnimmt.

Weitere Informationen zur Studie und Download des Studienpapiers


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Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


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