Für das Leben? Für die Schule? Für die Würscht!

Für das Leben? Für die Schule? Für die Würscht!

Die Regierung verspricht Notebooks und Autonomie. Aber den Schulen fehlen vor allem Lehrpläne auf der Höhe der Zeit.

Nein, Bildungsministerin möchte man eher nicht sein. Zwergschulen und Bildungscluster, Lehrerdienstrecht und Gesamtschulstreit, Leseschwäche und PISA-Desaster, Brennpunktschulen, Kopftuchkonflikte und Klassenschülerhöchstzahlen, Zentralmatura und ausuferndes Bildungsbudget: "Bildungschaos!", rufen da viele. Faktum ist, dass es im System Schule brennt, und zwar an allen Ecken und Enden.

Alles ist kompliziert, und den ächzenden Pädagogen werden auch noch laufend neue Aufgaben umgehängt. Das Ministerium verlangt neben der puren Unterrichtsarbeit: Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern, Gesundheitserziehung, interkulturelles Lernen, Integrationsarbeit, Leseerziehung, Medienbildung, Politische Bildung, Sexualerziehung, Umweltbildung, Verkehrserziehung und - hört, hört: auch Wirtschafts- und Verbraucherbildung.

Wöchentlich kommen neue Zurufe von links und rechts, vorne und hinten. Die tägliche Gymnastikstunde wird ebenso gefordert wie die Unterweisung in geistiger Landesverteidigung.

Ja, stimmt schon, fast alles hat seine Berechtigung. Aber: Nicht alles geht. Ständig neue Schwerpunkte zu erfinden, ohne den Ballast der Vergangenheit abzuwerfen, das geht gar nicht. Da helfen weder Notebook-Offensive noch Schulautonomie, da helfen weder hoch motivierte Pädagogen noch zusätzliche Kräfte in der Administration: Ohne die Kardinalfrage zu lösen, wird Schule Krisengebiet bleiben.

Die Kardinalfrage nämlich heißt: Was lassen wir weg? Es pfeifen ja die Spatzen von den Dächern, dass die Lehrpläne völlig überfrachtet sind. Eine umfassende Lehrplanentrümpelungsreform ist freilich in weiter Ferne. Sie wird in diversen "Bildungspaketen" und "Schule 4.0"-Heilsversprechungen nicht einmal ansatzweise erwähnt.

So also bleibt der Status quo der beherrschende. Fach für Fach wird möglichst viel "Stoff" in die Schädel der Kinder hineingetrichtert. Da werden Chemie, Physik und Mathematik völlig losgelöst nebeneinander unterrichtet, mit Notendruck und Nachhilfe deutlich mehr abprüfbares Formelwissen als Einsicht und Verständnis vermittelt.

Nein, das ist keine plumpe Generalabrechnung mit den bösen Lehrerinnen und Lehrern, sondern eine mit den aufgedunsenen Lehrplänen. Und den Lehrbüchern. Was da Jahr für Jahr aus Steuermitteln angekauft wird, nützt den Schulbuchverlagen, aber nicht den Schülern. Neugierde und Freude kommen bei der Lektüre der im Stil der späten Siebzigerjahre vollgepferchten Seiten kaum auf.

Was aber soll unser Nachwuchs denn nun wirklich lernen müssen? Wo gibt es Defizite, wo Nachholbedarf? Etwa da: Junge Menschen dürfen ab sechzehn Jahren wählen, Ahnung vom Funktionieren einer parlamentarischen Demokratie haben aber die wenigsten. Sie schätzen nicht den Wert unseres Rechtsstaats, verstehen weder politische noch wirtschaftliche Zusammenhänge. Sozialstaat? Was ist das? Wozu brauchen wir Industrie? Nein, wir spielen hier nicht das kulturpessimistische Klavier. Aber den Youngsters der Generation YouTube bleibt, auch aufgrund hoch spezialisierter Lehrpläne, zu viel elementares Wissen vorenthalten.

Um den gordischen Bildungsknoten zu durchschlagen, müssen wir endlich über Tabus reden. Zum Beispiel über den verpflichtenden Lateinunterricht. Zur Zeit pauken rund 70.000 AHS-Schülerinnen und -schüler diese mausetote Sprache, deutlich mehr als noch zur Jahrtausendwende. Absolut nichts gegen Latein als Freigegenstand! Aber 920 Stunden in der Langform und immer noch 520 Stunden bei Oberstufen-Latein, das ist - Pardon! - für die Würscht.

Statt dessen könnte man locker eine dritte lebende Sprache sowie digitales und ökonomisches Basiswissen unterbringen. Auch bei Ethik-und Religionsunterricht ist Abspeckungspotenzial gegeben. Die Formel "Weniger ist mehr" gilt nota bene für jedes Fach.

Damit wir einander nicht falsch verstehen: Hier wird nicht einer straffen, an den Bedürfnissen von Wirtschaft und Technik orientierten Ausbildung das Wort geredet, sondern das humanistische Bildungsideal hochgehalten. Kompetenz, Kreativität und Können sind angesagt - aber bitte auf der Höhe der Zeit.

Der Wunsch nach einer neuen Schule, die auf die radikal geänderten Ansprüche des Berufs- und Wirtschaftslebens smart und clever vorbereitet, ist dazu kein Widerspruch.


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