Franz C. Bauer: "Ein Lehrstück in Unsicherheit"

Ungewissheit und Risiko begleiten uns immer schon, und Erfolgreiche wissen damit umzugehen. Das Virus prüft unsere Resilienz.

Franz C. Bauer, trend-Redakteur

Franz C. Bauer, trend-Redakteur

Jetzt ist also auch der Bundeskanzler positiv. Skihütte? Cobra? Einem ehemaligen Innenminister steht die Virusübergabe im Kreis der martialischen Polizeieinheit natürlich besser zu Gesicht als in der glühweingeschwängerten Atmosphäre einer alpinen Kontaktbörse, aber letztlich ist 's egal. Irgendwie beruhigend, dass sich das Virus nicht um Immunitäten schert, zumindest nicht um politische. Vor dem Virus sind alle gleich. Oder vielleicht doch nicht: Ob dreifach geimpft oder Aluhutträger, macht, so hören wir aus den Gesundheitseinrichtungen, einen gewaltigen Unterschied. Im Gegensatz zu den Behauptungen umnachteter Politfunktionäre (bzw. -innen) sind es vor allem Ungeimpfte, die Beatmungsgeräte, Herzmonitore und Infusionsgerät der (im Fall von Corona übrigens extradünnen) Injektionsnadel vorziehen.

Aber eine Lehre können wir ziehen: Einen hundertprozentigen Schutz garantiert die Impfung nicht - womit auch schon das Motiv für das Jahr 2022 gefunden wäre: Das Virus ist nicht nur eine Bedrohung, sondern gleichzeitig bietet es auch die Chance, sich mit einer uralten Herausforderung der Menschheit zu konfrontieren, nämlich der Erkenntnis, dass es so etwas wie "totale Sicherheit" nicht geben kann, und das betrifft keineswegs nur das Thema Gesundheit, sondern, und zwar heuer in besonderem Maße, auch unser wirtschaftliches Umfeld.

Regeln und gefühltes Chaos

Aber bleiben wir bei der Gesundheit - und vor allem der Kommunikation in deren Umfeld. Maskenpflicht in geschlossenen Räumen, aber doch auch im Freien, wenn wir einander zu nahe kommen, 2G oder vielleicht doch 2G+, bis zehn Uhr abends dürfen wir feiern, aber eins nach zehn wird's gefährlich, Ungeimpfte dürfen im überfüllten Supermarkt einkaufen, aber nicht im spärlich besuchten Bekleidungsgeschäft, und die Dauer der Quarantäne steht auch zur Disposition. Impfpflicht, aber einer der involvierten Organisatoren erklärt, dass es da noch gröbere Probleme gibt, rudert dann aber wieder zurück - leicht nachzuvollziehen ist das alles nicht.

Und dann kramen die Medien auch noch Verfassungsrechtler und Pandemieexperten aus der dritten und vierten Reihe hervor, die sie erklären lassen, warum das alles erstens eh verfassungswidrig und zweitens medizinisch auch noch sinnlos ist. Da soll sich einer auskennen. Eine Demo von 40.000 Impfgegnern findet genüsslich auf Seite eins statt, dass sich am selben Tag rund 80.000 Menschen impfen ließen, steht nirgends.

Doch das gefühlte Chaos ist nicht die Schuld von "denen da oben", zumindest nicht die alleinige. Die politisch Verantwortlichen beziehen sich auf die Erkenntnisse der Wissenschaft, und diese liefert eben keine "ewigen Wahrheiten"(das ist das Erfolgsmodell der Religionen), sondern falsifizierbare Erkenntnisse, die sich, wie im Fall Corona, sofern ausreichend intensiv beforscht, bisweilen als recht kurzlebig erweisen. Es ist nur eine lautstarke Minderheit, die sich als Konsequenz in diverse krause Verschwörungstheorien flüchtet. Die Mehrheit versucht zu lernen, wie man sich irgendwie mit der unvermeidbaren Unsicherheit arrangiert.

Ein nützliches Lehrstück

Es ist ein nützliches Lehrstück, das uns die Pandemie bietet, denn wir werden 2022 in vielen anderen Bereichen mit wachsender Unsicherheit leben müssen. Wird die Inflation auch heuer Kaufkraft wegfressen? Werden die Zentralbanken weiterhin die Geldentwertung ignorieren, oder heben sie, was zwar die Sparer freut, sich aber massiv auf Aktien- und Anleihekurse auswirken würde, die Zinsen an? Geht die 2021 eingesetzte Hausse an den Börsen weiter, oder würgen hohe Energiepreise und mögliche neue Virusvarianten die Wirtschaft wieder ab? Eskalieren die politischen Spannungen in den globalen Krisenherden?

Unternehmerischer Erfolg und Glück bei Investments hängen in hohem Maß davon ab, wie gut Unternehmer und Investoren mit Unsicherheit umgehen. Das Virus hat uns aus der Illusion einer universellen Machbarkeit gerissen. Die - keineswegs neue - Lehre lautet: Ewige Wahrheiten gibt es nicht, das Management von Risiken erfordert rasche Anpassungsschritte, flexible Strategien und Resilienz.

Aber immerhin hat uns das Jahr 2022 schon eine sichere Erkenntnis beschert: Funktionäre von Tennis Australia haben versucht, den Start eines prominenten Spielers beim ATP-Turnier in Melbourne zu arrangieren, der zunächst sogar Informationen über seinen Impfstatus verweigert und damit gegen die australischen Einreisebestimmungen - diese sind jederzeit im Internet abrufbar - verstoßen hat. Wer naiverweise dachte, es gehe bei Tennis um Sport und Fairness, wurde damit eines Besseren belehrt. Es geht - wie in anderen Sportarten auch - ums Geld. Immerhin - zumindest mit dieser Sicherheit starten wir ins neue Jahr.

Martin Sajdik (li.) und Hannes Androsch

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