What´s the plan? Die Frage nach der digitalen Zukunft

What´s the plan? Die Frage nach der digitalen Zukunft

München ist dabei sich als „Southern Super Hub“ zu positionieren. In Wien, beziehungsweise in Österreich, ist man erst bei ambitionierten Ansätzen.

Seit 2005 findet immer im Jänner die vom Burda Verlag veranstaltete DLD-Konferenz in München statt. Die Abkürzung steht für „Digital Life Design“ und bezeichnet die wichtigste europäische Konferenz in Bezug auf Digitalisierung und aktuelle Zukunftsaspekte. Diesmal stellte man die Frage: „What´s the plan?“

Internationale Top-Experten tauschten sich zu Themen wie Artificial Intelligence, Robotic, Future of Work oder Entrepreneurship, aus. Doch beim eigentlich wichtigsten Konferenzthema „Unlocking Europe´s Digital Economy For The Future“ blieben die Erkenntnisse bedauerlicherweise ziemlich unkonkret. Europa sieht nach wie vor ziemlich alt aus und kann der technischen Übermacht der USA kaum nennenswert Paroli bieten. Klartext gesprochen, woran dies liegt und was dagegen unternommen werden muss, wurde definitiv nicht, obwohl Viviane Reding, ehemalige EU-Justizkommissarin und Medienexpertin, dieses Panel leitete.

Einen interessanten Einblick bekamen die 1.000 DLD-Konferenzgäste allerdings zum „Southern Super Hub“. Unter diesem Schlagwort positionieren sich die Stadt München und der Freistaat Bayern als Innovations- und Start-up-Zentrum in der Mitte Europas. Kein so schweres Unterfangen, zumal es in und um München Unternehmen von Weltformat wie Audi, Airbus, ESA und BMW gibt, um nur einige zu nennen. Dazu kommt, dass Bayern und die Stadt München ab 2011 – über drei Jahre verteilt – die Automotive Sparte mit sage und schreibe drei Milliarden Euro förderten.

Start-up-Initiativen

BMW baute seine Start up Garage aus, die spanische Telefonica eröffnete mit dem Wayra Incubator eine Filiale im Zentrum Münchens. Im Oktober 2016 investierte IBM 200 Millionen Euro in München in eine Watson Zentrale, neben Singapur die zweite außerhalb der USA. Siemens gründete ebenfalls im Oktober seinen „next 47“ Campus. Diese hauseigene Unit, mit einer Milliarde Euro ausgestattet, wird in den kommenden fünf Jahren via München, Berkeley und Shanghai für den Konzern disruptive Ideen finden und neue Technologien für künftige Geschäftsfelder vorantreiben.

BMW-Großaktionärin Susanne Klatten, deren gemeinnützige Stiftung eine Milliarden Euro schwer ist, plant als Vorstand ihrer UnternehmerTUM GmbH mit dem Münchener Bürgermeister und der Bayerischen Wirtschaftsministerin für 2019 ein neues Gründerzentrum. UnternehmerTUM und BMW lassen bereits seit 2015 gemeinsam mit der Technischen Universität München ein riesiges, europaweit einzigartiges Entrepreneurship Zentrum entstehen, das technologieorientierten Jungunternehmern ein perfektes und bereits bewährtes Angebot zum erfolgreichen Start bietet.

Mit all den über die letzten Jahre gesetzten Aktivitäten will München sich gegen die nach wie vor boomende Gründerhauptstadt Berlin, gegen London, Paris, Stockholm, Singapur, Shanghai und Peking noch deutlicher und noch besser akzentuieren.

Österreich hat Nachholbedarf! In Wien eröffneten jetzt zumindest schon mal zwei Start-up-Zentren, leichter Aufwind wäre also zu spüren. Allerdings ist mit der Tabakfabrik in Linz ein heimischer Mitbewerber schon länger Markt, der noch gar nicht ausgelastet ist. Deshalb drängt sich die Frage auf, wo denn bei uns die so hervorragend ausgebildeten jungen Menschen zu finden sind, wie es diese in München, Berlin, Leipzig und Dresden schon zuhauf gibt.

Ohne in milde Winterdepression zu verfallen, müsste einmal klar und nüchtern die entscheidende Marktlücke für Österreich gefunden werden. Und diese kann nur an der Spitze zu finden sein.

Ambitionen und Hürden

Sich bis 2020 als führendes Start-up-Land in der EU zu positionieren, wie dies die Regierung plant, ist zwar sehr ambitioniert, aber einfach zu wenig, wenn man bedenkt, dass die „drop out“ Quote von Start-ups allen schon im Valley bei konstanten 98 Prozent liegen. Man kann nur punkten, wenn unmissverständlich der Wille signalisiert wird, globale Digital-Themen via Österreich zu entwickeln.

Wer hindert Österreich eigentlich daran, zum Vorzeigestaat, zum treibenden Element in puncto „Digitale Zukunft“ in der EU zu werden?

Was hindert die österreichische Unterrichtsministerin daran, unsere Jugend zukünftig wieder mehr über jene erfolgreichen Österreicherinnen und Österreicher informieren zu lassen, die Erfindungen von Weltformat, wie die Schreibmaschine, die Turbine, die Schiffsschraube, das Gasglühlicht, den künstlichen Feuerstein, etc., gemacht hatten? Daraus könnte sich auch eine elegante Imagekampagne für neues ein gesamtösterreichisches Selbstwertgefühl entwickeln lassen.

Was hindert den Kanzler, den Wissenschaftsminister, den dafür zuständigen Staatssekretär daran jene Österreicher, die höchst erfolgreich im Digital-, Financial- und Educational Business im Valley und sonst wo auf diesem Planeten tätig sind, in einen wissenschaftlichen Beirat zu bitten und sich so ungleich besser für die digitale Zukunft des Landes bestens beraten zu lassen? Allein an der Stanford University lehren zumindest auch zwei Österreicher seit über 20 Jahren. Und es gibt auch Österreicher, die trotz ihrer Erfolge im Valley wieder zurückgekehrt sind und die man nur mal zu fragen bräuchte.

Zugegeben, die Idee ist von David Cameron geborgt, der sich bereits 2012 von Rohan Silva, einem damals blutjungen Immigrantenjungen, in Sachen Digitaler Technologie beraten hat lassen. (Silva gründete später, im Jahr 2014, gemeinsam mit seinem Partner Sam Aldenton im Jahr 2014 den Kreativ-Workspace "Second Home".

Was hindert den Finanzminister daran Start-ups temporäre Steuerbefreiung zu gewähren und es den heimischen Privatstiftungen zu ermöglichen, in Start-ups und kompatible Bereiche schnell, unkompliziert und steuerschonend zu investieren, um den nach wie vor existierenden „bain drain“ zu stoppen und umzukehren?

Was hindert den Wirtschaftsminister daran, lesbare und verstehbare Jungunternehmens-Gründungsdokumente für eine unkomplizierte Gründung innerhalb von 48 Amtsstunden schaffen zu lassen?

Die von der Regierung kolportierten 280-Euro- Fördermillionen für Start-ups werden von ernst zu nehmenden, international tätigen Investoren eher als verdeckte Mindestsicherung gesehen und sollten deshalb sinnvoller Weise in entsprechende Ausbildung und Lehre gepumpt werden, damit österreichischen Schülern und Studierenden überhaupt erst mal eine breite Grundlage, eine perfekte Basisausbildung für ihre potentiellen Aktivitäten als zukünftige Jungunternehmer ermöglicht wird, und nicht erst dann, wenn sie eines der Start-up-Center besuchen.

Was hindert also unsere gewählten Regierungsbeauftragten daran, endlich einfach besser zu werden, so wie sie sich das ohnehin immer schon gewünscht, aber nie gewagt hatten, es auch tatsächlich für die Zukunft des Landes umzusetzen?

Denn die Zukunft ist jetzt!


Der Autor

Martin W. Drexler , Digital Media Strategist und Professor für Digitale Medien an der Graphischen in Wien ist seit ihrem Bestehen Gast der DLD-Conferences. Drexler ist ein profunder Kenner der internationalen Start up-, Digital- und Konferenzlandschaft und hat im Jahr 2011 die erste internationale Digital- und Zukunftskonferenz Österreichs co-organisiert.

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