Flüchtlingskrise? Das echte Drama kommt erst.

Tara Shirvani, Expertin für Klimawandel bei der Weltbank in Washington.

Tara Shirvani, Expertin für Klimawandel bei der Weltbank in Washington.

Gastkommentar vonTara Shirvani, Expertin für Klimawandel bei der Weltbank, Washington: Der Klimawandel in Afrika wird ein noch viel stärkerer Treiber für Massenmigration, als politische Unruhen es bereits sind.

Der hilflose Umgang der europäischen Politik mit der Massenmigration aus dem Nahen Osten und Nordafrika offenbart Fehleinschätzungen ob der Ursachen: Bürgerkriege, Terrorregime und Gewalt sind nur ein Teil der Wahrheit. Diese Flüchtlingsströme sind auch kein Sturm im Wasserglas, dem mit Aktionismus oder kurzfristigen Maßnahmen beizukommen ist. Wenn sich die Situation vor den Toren Europas beruhigen soll, müssen nachhaltige Lösungen her.

Die gängige europäische Sichtweise überlagert vor allem ein Umstand: Der Klimawandel wird ein viel stärkerer Treiber für Massenmigration, als politische Unruhen es heute bereits sind -und zwar um ein Vielfaches. Das bekannteste Szenario stammt vom britischen Umweltbiologen Norman Myers. Er schätzt, dass bis 2050 an die 200 Millionen Menschen ihre Heimat aufgeben müssen, weil sie zu lebensfeindlich geworden ist. Das wird selbst dann passieren, wenn die in den UN-Klimazielen beschlossenen Maßnahmen greifen, die Erwärmung also tatsächlich bei 1,5 Grad bleibt.

Der Klimawandel wird Migrationsbewegungen auf mannigfache Weise "stimulieren" - mit Dürreperioden, zunehmender Verwüstung, dem Ansteigen des Meeresspiegels und immer heftigeren Stürmen sowie einem immer intensiver geführten Kampf um knappere Ressourcen.


Bis 2100 wird Afrika neun Prozent seines Bruttonationalprodukts verlieren, der Nahe Osten sieben Prozent.

Das wird sich auf die Wirtschaftsleistung auswirken: Bis zum Jahr 2100 wird Afrika neun Prozent seines Bruttonationalprodukts verlieren, der Nahe Osten sieben Prozent, rechnet die britische Regierung in einem Report vor. Das sind noch die konservativen Schätzungen: Wandelt sich das Klima stärker, können diese Verluste noch höher ausfallen.

Jede Abweichung von der Klimaprognose hin zu höheren Temperaturen oder noch stärkeren Niederschlägen wird sich in einer Zunahme von Konflikten ausdrücken: vier Prozent mehr zwischenmenschliche Gewalt und gleich 14 Prozent mehr überregionale beziehungsweise zwischenstaatliche Auseinandersetzungen.

Lokale Hilfsorganisationen berichten, dass in der Sahelzone von Burkina Faso in den letzten zwei Jahrzehnten 30 Prozent der Familien ihre angestammten Wohnplätze verließen, weil sie dort schlicht nicht mehr überleben konnten. Einer von vier Afrikanern -anders gesprochen 220 Millionen Menschen -in den Subsaharagebieten ist unterernährt oder hat keinen Zugang zu ausreichend nahrhaften Lebensmitteln.


Millionen von Menschen brechen nicht auf, weil sie nach neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten suchen, sondern weil die Natur sie dazu zwingt.

Diese Zahl könnte bis zum Jahr 2050 auf 330 Millionen ansteigen, wenn dem Kontinent nicht entsprechend geholfen wird, mit den Auswirkungen des Klimawandels umzugehen. In diesen Regionen sind Ernten, mit denen die Familien früher ein Jahr lang auskommen konnten, heute nach fünf Monaten verbraucht und die Menschen gezwungen, andere Wege für ihr Überleben zu finden. Manche verkaufen ihre Tiere oder verschulden sich, sie verlieren ihre traditionellen Lebensgrundlagen und werden damit mit jedem Jahr noch verletzlicher und abhängiger. Diese Millionen von Menschen brechen nicht auf, weil sie nach neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten suchen, sie brechen auf, weil die Natur sie dazu zwingt.

Eine den Klimawandel berücksichtigende Landwirtschaft wäre ein probates Mittel, um die Auswirkungen auf die Ernährungslage abzumildern. Eine Strategie könnte sein, die über 200 Millionen Hektar unbestelltes Agrarland in Afrika fruchtbar zu machen, nachhaltig und auf die klimatischen Verhältnisse Rücksicht nehmend: So könnten Klimaschutz-und Entwicklungshilfemaßnahmen kombiniert werden. Nachhaltige und ressourcenschonende Landwirtschaft stärkt die Bauern und macht sie unabhängiger und reduziert dazu die Treibhausgasemissionen. Um das afrikanischen Bauern beizubringen, braucht es moderne Methoden - das reicht von den Wettervorhersagen bis hin zu widerstandsfähigen Getreidesorten oder Ernteausfallversicherungen.

Ohne gezielte Maßnahmen in der Landwirtschaft und anderen Sektoren der Wirtschaft wird der Klimawandel die hart erkämpften Entwicklungen in Afrika wegfegen wie der sprichwörtliche Orkan. Und die Migrationsströme auf ein Maß anschwellen lassen, das wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.


Dieser Kommentar gibt die persönliche Meinung der Autorin wieder und nicht die Ansichten der Weltbank, ihres Executive Boards oder der Mitgliedsstaaten.

Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und Leiter des Wirtschaftspolitischen Zentrums in Wien.

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