Finanzplatz Wien im Brexit-Abseits

trend-Redakteurin Angelika Kramer

trend-Redakteurin Angelika Kramer

Kommentar: Das Rittern um Brexit-Flüchtlinge aus der Finanzmetropole London ist in vollem Gang. Wien spielt dabei keine Rolle. Leider.

Laut dem britischen Magazin "Economist" ist Wien also die lebenswerteste Stadt der Welt. Niedrige Lebenshaltungskosten, gute Verkehrsanbindung, exzellente medizinische Versorgung und niedrige Kriminalitätsraten -all das spielte bei der kürzlich erfolgten Auswahl des Magazins eine gewichtige Rolle. Doch für Banker dürften das keine relevanten Kriterien sein, sie lässt die Attraktivität unserer Hauptstadt offenbar weitgehend kalt.

Denn der Standortwettbewerb um jene Banken, die beim drohenden Brexit den Finanzplatz London verlassen müssen, ist gerade auf seinem Höhepunkt angelangt. Und er findet gänzlich ohne Beteiligung Wiens statt. Jede Woche verkündet wieder ein Institut, wo innerhalb der EU es künftig seine Zelte aufschlagen will: Das EU-Geschäft der Schweizer UBS wandert nach Frankfurt, auch Niederlassungen in Madrid, Mailand und Paris sind geplant, Goldman Sachs zieht es überhaupt gleich in die französische Hauptstadt, die Bank of Singapur wird in Luxemburg stationiert sein, die Royal Bank of Scotland übersiedelt nach Amsterdam, und Barclays stockt in Dublin tüchtig auf. Sogar in Warschau entstehen etliche Brexit-Jobs. Die hippen Londoner Fintechs wiederum scheint es vor allem nach Berlin zu ziehen.

In Frankfurt, dem wahrscheinlich größten Gewinner des Londoner Banken-Exodus, rechnet man noch heuer mit 1.500 bis 2.000 neuen Jobs, bis 2024 sollen es gar um 10.000 Arbeitsplätze mehr sein.

Aber wo bleibt in diesem Rennen das lebenswerte Wien, wieso schmähen die Bankinstitute die vielfach gepriesenen Vorteile der österreichischen Millionenmetropole? Hat uns die Politik nach dem Brexit-Votum nicht des Öfteren versucht weiszumachen, dass Österreich einer der Profiteure des Brexits sein könnte? Schon klar, manche Standortvorteile wie etwa die Nähe zur Bankenaufsicht in Frankfurt oder die englische Sprache in Dublin lassen sich nicht so einfach wegverhandeln. Aber ist nicht auch viel unseres Wettbewerbsnachteils im Rennen um die Brexit-Leckerbissen hausgemacht?


Würden Sie als Banker in ein Land gehen, in dem eine der höchsten Bankenabgaben der Welt eingehoben wurde?

"Würden Sie als Banker wirklich in ein Land gehen, in dem eine der höchsten Bankenabgaben der Welt eingehoben wurde?", entgegnete jüngst ein heimischer Bankvorstand auf meine Frage, ob Zuwachs aus London zu erwarten wäre. Zwar wurde diese Abgabe mittlerweile reduziert, den Ruf Wiens als attraktiver Bankenstandort hat diese Steuer aber sicherlich nachhaltig ramponiert. Ebenso wie der Umgang mit der Pleitebank Hypo Alpe Adria, wo weder der Staat als Eigentümer noch die Aufsicht - Stichwort Rechtssicherheit - ein schmuckes Bild abgaben. Vom jahrelangen Bankenbashing maßgeblicher österreichischer Regierungsmitglieder wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst reden.

Letzteres hat sich ja mittlerweile verändert. Wir haben es jetzt zwar mit einer wirtschafts- und auch bankenfreundlicheren Regierung zu tun, doch um Wien als lebenswertesten Finanzplatz der Welt zu etablieren, bedarf es wohl noch einiger Anstrengungen. Die von Finanzminister Hartwig Löger für 2020 in Aussicht gestellten steuerlichen Anreize werden für die Brexit-Flüchtlinge wohl zu spät kommen. Aber auch sonst hat man nicht den Eindruck, dass man hierzulande an zusätzlichen Arbeitsplätzen aus London Interesse hat.

Wie man hört, schicken Frankfurt und Warschau ganze Kolonnen nach London, um für ihren Standort Werbung zu machen. Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron werfen sich seit Monaten höchstpersönlich in die Schlacht, um zusätzliche Bankjobs zu generieren. In Deutschland legt man sich dafür gar mit der Gewerkschaft an, weil man den Kündigungsschutz für gutverdienende Topbanker lockern will. Auch der erleichterte Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft für Briten ist im Gespräch.

Und Wien? Wäre es unserer Hauptstadt neben gemütlichen Kaffeehäusern nicht auch gut angestanden, wieder etwas an verloren gegangenem Terrain in Sachen Finanzmarkt wettzumachen? Schließlich hat man jahrelang tatenlos zugesehen, wie wichtige Teile unserer Bankenlandschaft - zuletzt die Osteuropa-Zentrale der Bank Austria - ins Ausland abwanderten. Die Chance, das nun zu revidieren, hat die Politik verpasst. Leider. Und wahrscheinlich endgültig.


Der Leitartikel ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 39/2018 vom 28. September 2018 entnommen.

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