10 Jahre Lehman-Pleite: Zehn atemlose Jahre

Claus Raidl

Claus Raidl

Ist die Finanzkrise bewältigt? Was haben Zentralbanken und Aufsichtsbehörden gelernt? Der Manager und frühere OeNB-Präsident Claus Raidl gibt in seinem Gastkommentar Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Am Montag den 15. September 2008 hielten die Teilnehmer an den Finanzmärkten den Atem an. Die US-Investmentbank Lehman Brothers, aufgrund von hochspekulativen Geschäften in Schwierigkeiten, wurde entgegen ursprünglichen Erwartungen nicht gerettet und brach zusammen.

Die Krise griff rasch auf Europa über. Binnen weniger Wochen kam es zu einer Reihe von spektakulären Bankenzusammenbrüchen. Großbanken wie Hypo Real Estate, ABN-Amro, Royal Bank of Scotland oder Fortis mussten mit milliardenschweren staatlichen Unterstützungsmaßnahmen vor der unmittelbaren Pleite gerettet werden. In nur wenigen Wochen war das Vertrauen in das globale Finanzsystem tiefgehend erschüttert, und die Krise drohte auf die Realwirtschaft überzugreifen.

Nur durch das sehr rasche Eingreifen der Politik und der Notenbanken konnte Schlimmeres verhindert werden. In ganz Europa und in den USA wurden eiligst Bankenunterstützungspakete geschnürt, mit denen die Kapitalausstattung sowie die Liquiditätssituation der Banken - auch der nicht unmittelbar gefährdeten - gestärkt wurde. Zusätzlich wurden in vielen Ländern Garantien für Spareinlagen abgegeben. All dies stellte eine enorme Belastung für die Steuerzahler dar, in einigen Ländern führte die Bankenkrise direkt in eine Staatsschuldenkrise, etwa in Irland.

Lehren aus der Krise

Politik, Aufseher und Notenbanken begannen bald, ihre Lehren aus der Krise zu ziehen. Sie erkannten, dass tiefgreifende Änderungen im Regelwerk sowie in der Aufsichtsarchitektur notwendig waren, um eine Wiederholung der Krise zu verhindern. Insbesondere die Wahrscheinlichkeit einer neuerlichen Rettung des Finanzsystems durch den Steuerzahler sollte künftig reduziert werden.


Finanzkrisen entstehen meist im günstigen konjunkturellen Umfeld.

Man beschloss ein strengeres und wesentlich umfangreicheres Regelwerk (Basel 3) mit verschärften Kapital- und Liquiditätsvorschriften. Im Schnitt halten Banken mittlerweile doppelt so viel Kapital wie vor der Krise und zeigen eine deutlich stabilere Refinanzierungsstruktur. Zusätzlich wurden neue Regeln, die das Ausscheiden von Banken aus dem Markt erleichtern, eingeführt (Bankenabwicklung). In Europa wurden in sehr kurzer Zeit eine europäische Bankenaufsicht sowie eine europäische Bankenabwicklungsbehörde geschaffen. Die größten europäischen Banken werden seit November 2014 von der EZB unter Mitwirkung der nationalen Aufsichtsbehörden (Single Supervisory Mechanism) beaufsichtigt.

Ist die Krise nun endgültig bewältigt? Nein, sie wirkt bis heute nach. Die Profitabilität der Banken ist deutlich unter den Vorkrisenwerten. Die Aktienkurse großer europäischer Banken notieren zum Großteil unter jenen vor 2008. Zusätzlich haben in einigen europäischen Ländern Banken nach wie vor zu viele faule Kredite auf ihren Büchern.

Was noch geschehen muss

Viele neue Bankenstandards müssen in Europa noch umgesetzt werden. Das Bankenregelwerk ist mittlerweile so komplex geworden, dass es Banken und Aufsehern immer schwerer fällt, einen Überblick zu bewahren. Die Sinnhaftigkeit von Regeln sollte hinterfragt und die Konsistenz des Regelwerkes regelmäßig überprüft werden.

Eine Vereinfachung der Regeln insbesondere bei kleineren Banken möglicherweise im Gegenzug zu strengeren Kapitalvorschriften sollte diskutiert werden (Stichwort Proportionalität). Eine überkomplexe Regulierung darf nicht als Eintrittsbarriere wirken und somit den künftigen Wettbewerb behindern.

Insgesamt hat sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Bankensektor vieles zum Positiven verändert. Allerdings sind Banken heute mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Der rasche technologische Wandel zwingt die Banken, ihre Geschäftsmodelle anzupassen und hohe Investitionen in ihre IT-Infrastruktur vorzunehmen.

Die Lehren der Krise dürfen nicht vergessen werden. Die Ursachen von Finanzkrisen entstehen meist in günstigem konjunkturellen Umfeld, wenn Kreditrisikostandards sinken und hohe Kreditwachstumsraten zu beobachten sind. Notenbanken und Aufsicht müssen vor allem in guten Zeiten wachsam bleiben. Nur durch rechtzeitiges Erkennen von Schwachpunkten im Finanzsystem und frühzeitiges Entgegenwirken können künftige Krisensituationen vermieden werden.


Zur Person

Claus Raidl , 74, ist Vizepräsident des Europäischen Forums Alpbach und regelmäßiger Gastkommentator des trend. Bis Ende August 2018 war er Präsident der Oesterreichischen Nationalbank, davor bis 2010 Vorstandschef von Böhler-Uddeholm.


Der Gastkommentar von Claus Raidl ist der trend-Ausgabe 32-34/2018 vom 10. August 2018 entnommen.

Kommentar
Peter Schentler, Principal Horváth & Partners Österreich

Management Commentary

Warum niedrige Zinsen für CFOs kein Thema mehr sind

Kommentar

Standpunkte

"Abschottung bedeutet Verzicht auf wichtige Netzwerke"

Kommentar

Standpunkte

Arbeitsmarkt: ein Berg voller Herausforderungen