Ursula Pasterk: Der "Fall Husslein“

Ursula Pasterk: Der "Fall Husslein“

Die ehemalige Kulturstadträtin Ursula Pasterk über das Ende der Ära Agnes Husslein-Arco im Belvedere, das offensichtlich überforderte Kuratorium und neue Allianzen, die Investigation mit Denunziation verwechseln.

Der "Fall Husslein“, der seit Wochen die kulturinteressierte Öffentlichkeit in Pro und Contra spaltet, ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie - nicht zum ersten Mal in Österreich - Lebensstil und Auftreten eines Museumsdirektors plötzlich mehr ins Gewicht fallen als Erfolge und Leistungen. Die Frage "Was darf eine Museumsdirektorin?“ ist legitim und keine Majestätsbeleidigung.

Aber: Wenn nur noch der Grundsatz "Was fällt, das soll man stoßen“ gilt, dann dreht sich mir der Magen um. Hussleins künstlerische und wirtschaftliche Erfolge sind unbestreitbar.

Mit einem Eigendeckungsgrad von 58 Prozent im Jahr 2015 ist das Belvedere absoluter Sieger unter den Bundesmuseen, die ausnahmslos alle weit mehr Steuergeld benötigen.

Insgesamt konnten in der Ära Husslein die Besucherzahlen von 432.575 im Jahr 2006 auf 1.266.620 im Jahr 2015 gesteigert, also verdreifacht werden. Husslein und ihr Team haben durch ein qualitativ hochwertiges Programm, das österreichische Kunst in einem internationalen Kontext präsentiert, eine neue "Identität“ der Häuser geschaffen. Mit mehr als 30 Ausstellungen pro Jahr und unterschiedlichsten Vermittlungsprogrammen punktete die Belegschaft auf allen nur denkbaren Tätigkeitsfeldern der "musealen Arbeit“. Auch das von ihr erst ermöglichte und wiedererrichtete 21er-Haus blühte auf: Bei Franz Graf, Gelitin über Oswald Oberhuber bis Ai Weiwei strömte das Publikum in Scharen.

Klar ist, dass eine Person allein das nie und nimmer leisten könnte (es gibt 210 Mitarbeiter für die vier Häuser). Und doch: Dieses Belvedere, wie es jetzt dasteht, ist das Belvedere der Agnes Husslein. Die begnadete Netzwerkerin hat "dieses historische Haus, das bis 2007 in einem Wachkomazustand Wiener Gemütlichkeit vor sich hindämmerte, mit Energie, Kompetenz und Mut für Neues“ entstaubt, wie der Unternehmer und "leidenschaftliche Museumsbesucher“ Stephan Zöchling in einem Gastkommentar für die "Presse“ ausführlich argumentiert: "Husslein I begann mit der Finanzkrise 2008. Institutionelle Investoren waren plötzlich nicht mehr bereit, Drittmittel zur Verfügung zu stellen. (Sie) mobilisierte jeden Kontakt in ihrem Telefonbuch, überredete Menschen aller Provenienzen bei zahllosen Events außerhalb des Museums, Geld zu spenden. Diese privaten Donationen (-) wären ohne Husslein nie zustande gekommen.“

Im Grunde hat bis zum Juni dieses Jahres niemand daran gezweifelt, dass der "Direktion Husslein II“ nur eines folgen kann: die Direktion Husslein III.

In der zweiten Juni-Woche teilt der neue Kunstminister Thomas Drozda der Direktorin telefonisch mit: Es freue ihn, dass sie auf weitere fünf Jahre verlängert wird.

Noch jemand zweiter dürfte von Drozdas Plänen für das Belvedere erfahren haben: die Prokuristin Ulrike Gruber-Mikulcik, die sich - auf Vorschlag des Kuratoriumsvorsitzenden Hans Wehsely - um die Funktion der kaufmännischen Geschäftsführerin im Belvedere beworben hatte. Als sie hörte, dass Drozda für diesen Wunschjob nicht sie, sondern einen Schweizer Museumsprofi haben wollte, übermittelte sie am 14. Juni eine umfangreiche Liste von Verstößen, die Husslein gegen die Compliance begangen haben soll.

Von da an überstürzten sich die Ereignisse, an deren Ende das endgültige Ende der Ära Husslein-Arco steht. Aber auch das Ende des Kuratoriumsvorsitzenden Wehsely. Und die Kündigung der "Whistleblowerin“ Gruber-Mikulcik.

Für mich steht eines fest: Husslein III ist - auch - verhindert worden durch die seltsamsten Allianzen aus Facebook-Shitstorms und Artikel-Schreibern, die Investigation mit Denunziation verwechseln. Begleitet und teils sogar vorbereitet von einem jämmerlich agierenden und offensichtlich total überforderten Kuratoriumsvorsitzenden im Belvedere. Als ich Journalistin war, gab es kein Facebook. Wir - im profil - mühten uns in den 70er-Jahren redlich, Vorwürfe durch penibel recherchierte Tatsachen zu untermauern. Auch das konnte manchmal danebengehen, aber Vorverurteilungen und die Abschaffung des Prinzips der Unschuldsvermutung waren ebenso verpönt wie nicht in Gebrauch.

Bei der Recherche zum "Fall Husslein“ stellt sich mir - als ehemalige Journalistin - zuerst einmal die Frage: Liest Oscar Bronner, der Herausgeber des "Standard“, eigentlich Facebook? Gut - ich auch nicht! Nur, dass eine "Standard“-Redakteurin, die die Husslein-Causa übernommen hat, täglich und sozusagen zum Drüberstreuen im Facebook ihre sagenhaften Postings abgibt, ist sogar mir zu Ohren gekommen.

Als Max Hollein in einem Interview für Husslein Stellung nimmt und fordert, man möge "die Kirche im Dorf lassen“, schreibt diese "Standard“-Redakteurin im Facebook: "Ich frag mich, ob ich die Info, dass Max Hollein einst Hussleins Praktikant war, je wieder aus meinem Kopf kriege.“ Nach jedem ihrer Husslein-Artikel im "Standard“ legt sie auf Facebook sozusagen nach oder jubelt: "82.500 Zugriffe! - Wenn jemand jetzt eine Pizza verdient hat, dann ich …“. Worauf ihr Ehemann sie lobt: "… mei Weibi, immer gefürchtet, immer unterbezahlt, immer grandios aufdeckerisch. Go on baby!!“

Es ist, zugegeben, zu viel der Ehre, diese Stupiditäten noch einmal hier abzudrucken, aber sie exemplifizieren vielleicht am besten die bizarren Allianzen, die es da gab.

Gerald Matt, der frühere Direktor der Wiener Kunsthalle, schreibt einen "Kommentar der Anderen“ über die immer gleiche Agitation des grünen Kultursprechers Zinggl, der - geschützt durch parlamentarische Immunität - schon bei Peter Noever und Matt selber reichlich Öl ins Feuer gegossen hatte. Ein Kommentar, der nicht erscheint, weil "doch einigermaßen polemisch“, wie die "Standard“-Begründung lautete.

Als Kulturstadträtin hätte ich den Vorsitzenden eines Kuratoriums, der mit den Vorwürfen einer "Whistleblowerin“ offensiv in die Medien geht, unverzüglich zum Rücktritt aufgefordert. Denn das Kuratorium und sein Vorsitzender sind ja dazu da, Schaden vom Haus abzuwenden, also auch die Direktion vor nicht erwiesenen Vorwürfen zu schützen. Dass Wehsely - spät, aber doch - nun nicht mehr Kuratoriumsvorsitzender ist, ist ja eher der Tatsache geschuldet, dass er - ebenfalls im Alleingang - eine Sonderüberprüfung der Compliance-Vorwürfe durch die Wirtschaftsprüfer BDO in Auftrag gab, die nunmehr mit mehr als 130.000 Euro zu Buche steht.

Angesichts dieser Kosten zeigt sich Minister Drozda "einigermaßen fassungslos“. Kosten, die übrigens in keinem Verhältnis stehen zu den von Husslein verrechneten und nun zur Debatte stehenden Reisespesen und Kilometergeldern. In all den Jahren fuhr die Chefin mit ihrem Privatauto - und nicht im Dienstwagen, der ihr zugestanden wäre. Dass sie dieses Privatauto auch ihren Mitarbeitern zur Verfügung stellte, sei nur am Rande erwähnt.

Man hätte den "Fall“ Husslein auch juristisch lösen können. Da es eine Anzeige von Gruber-Mikulcik gegen Husslein gab, hätte man auf das bewährte Instrument der gerichtlichen Prüfung der Vorwürfe gegen sie zurückgreifen können. Bei einem Gerichtsverfahren müssen alle Unterlagen auf den Tisch: Entweder es gab Verstöße oder nicht. Da steht dann nicht die Meinung des einen Anwalts gegen die des Gegenanwalts - abseits politisch oder persönlich motivierter Einseitigkeit und Aufgeregtheit. Das hätte sicher mehr Zeit in Anspruch genommen, und wahrscheinlich wäre die Debatte in den Medien endlos weitergegangen. Minister Drozda entschied sich für den kürzeren Weg: Er löste den gordische Knoten mit dem Damoklesschwert.

Erstmals wird die Suche nach den zwei Neuen über eine Headhunter-Firma durchgeführt. Das ist gut, denn bei früheren Bewerbungen über das Ministerium waren Indiskretionen und Weitergabe von Namen meist unerwünschte Begleiterscheinung.

Werden sich "internationale Kapazunder“ für das Belvedere interessieren?

"Das Belvedere steht sehr gut da dank Husslein“, sagen unisono Galeristen wie der Global Player Thaddäus Ropac oder Insider wie der interimistische Geschäftsführer Dieter Bogner.


Ursula Pasterk war Journalistin im profil (1972 bis 79) und dann Kommentatorin des profil (bis 84), Intendantin der Wiener Festwochen (ab 1985) und Wiener Kulturstadträtin (1987 bis 96).

Kommentar
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