Essay: Von Suzie Wong bis Shenzhen - Süßsaures aus China

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Essay von Helmut A. Gansterer: Dieser Tage traf sich eine Diskussionsrunde, die es in dieser Art nicht mehr geben wird. Erstens, weil sie wie jede gute Wirtshausrunde nach dem Zufallsprinzip zusammengewürfelt war. Zweitens auch deshalb, weil die Atmosphäre nie wieder sein wird, wie sie war.

Seit dem Fin de Siècle ums Jahr 1900, als von Malern, Literaten und Philosophen die "Moderne" herbeidiskutiert wurde, hatten die Theken-Runden immer gleich ausgesehen: Es waren sündige, erhitzte Männer in Tagesanzug und Krawatte gewesen, über deren Häuptern wie Heiligenscheine zwei Wolken schwebten, die blaue Wolke der Tabakkultur und die Duftwolke des Weines. Letztere wird auch nach dem Jahr 2018 gestattet sein.

Für kurze Zeit war dies auch Thema meiner Runde. Einer äußerte die Hoffnung, man werde das Tabakverbot noch aufheben. Oder man werde sich künftig in privaten Wintergärten mit Aschenbechern finden. Er stieß aber auf Skepsis. Die Mehrheit war überzeugt, dass die "Universität Theke" in ihrer jahrhundertealten Form nun versiegen wird, und mit ihr viele Wirte.

Anfangs waren auch zwei Frauen mit witzigen Beiträgen und auffällig schönen Feuerzeugen dabei. Sie wurden dann aber abgeschreckt. Erstens durch das fade Männerthema Fußball, dann vielleicht auch durch die Themen Kolonialismus, globale Wirtschaft und China.

Diese waren ja keine Verheißung für einen fröhlichen Abend. Für diese Runde aber zufällig doch. Denn es versammelten sich lauter Unternehmer-Typen. Darin vertreten ein Bau-Guru, ein Digital- Star, ein Gewürz-Innovator, ein Verleger, ein Juwelier sowie Dienstleister (Anwalt, Berater) in Unternehmer-Rang.

Ab und zu schnürte auch Ex-Siemens-Boss Albert Hochleitner, der im Hintergrund Gäste bewirtete, vorbei und spitzte die Ohren. Er wäre gern bei uns gestanden. Hochleitner ist jetzt - kleiner Tipp - in seinem Ruhestand ein Ideal-Model für "Forever Young", wird aber auf Werbehonorare der Anti-Aging-Industrie verzichten.

Dass die Sünder-Runde dieses Abends ein überraschendes Highlight wurde, lag auch an der idealen Anzahl. Wir waren neun Mann. Dies ist laut Management-Wissenschaft die Zahl, mit der noch eine einheitliche Gruppendynamik ohne Abspaltung von Einzelgruppen möglich ist. Das heißt: Jeder, der am Wort war, wurde von den anderen aufmerksam gehört.

Zu meiner Verlegenheit wurde mir oft das Wort erteilt. Dies lag daran, dass fast alle Anwesenden geschmackssichere trend-Abonnenten waren. Sie wussten, dass ich - nun einer der Älteren der Runde - als blutjunger trend-Journalist das Privileg vieler Fernreisen genossen hatte. Und auf diesen vor allem Asien studieren durfte, darin auch China samt Tibet.

Besonders interessiert war man an authentischen Erzählungen über Hongkong vor und nach dem Machtwechsel im Jahr 1997, als die Stadt nach 155 englischen Jahren vertragsgemäß an China zurückgereicht wurde.

Ich hatte dies tatsächlich innig miterlebt, beschränkte mich aber aufs Anekdotisch-Heitere. Mir blieb auch nichts anderes übrig. Das Fröhliche sprang wie von selbst aus den Kellern der Erinnerung, das Tragische hatte ich weitgehend verdrängt. Für die Runde der Genussraucher und Wein-Connaisseurs war das genau richtig. Es trug mir Gratisgläser ein. Sehr erfreulich, da es um Top-Veltliner von Schwarzböck und Anna-Christina-Cuvées von Netzl im einzigartigen Donau-Restaurant "Tuttendörfl" ging. Dank meiner christlichen Ausbildung nahm ich alle Einladungen an. Selbst Boxer wissen, dass Geben seliger als Nehmen ist.


Flughafen Kai Tak: ie Landung zwischen Wolkenkreuzern hindurch war wie der steile Absturz in eine funkelnde Juwelenschüssel.

Die Erinnerungen an die Endphase des britischen Hongkong interessierten meine Freunde mit Recht. Diese Jahre waren abenteuerlich. Es fing schon mit dem alten Flughafen Kai Tak an, der später durch den neuen, großen Chek Lap Kok entmachtet wurde. Wer bei Nacht den Kai Tak anflog, schloss die Augen. Die Landung zwischen Wolkenkreuzern hindurch war wie der steile Absturz in eine funkelnde Juwelenschüssel. In der die Lichter nie ausgingen. So, als wollte man die finsteren Zukunftsgedanken der Einwohner überstrahlen.

Selbst als Tourist und Anfänger wurde man ängstlich gefragt, was nach 1997 mit Hongkong in Chinas Hand geschehen würde. Wie eine Art Voodoo-Zauber schoss noch einmal der ganze Luxus des britischen Hongkong hoch. Das Hotel Peninsula wurde zum ersten Hotel mit fünf Rolls-Royces im Fuhrpark. Die riesige Rolex-Leuchtreklame wurde ein Index der weltweit höchsten Dichte an schweizerischen Chronometern. Und wenn man mit der Fähre von Victoria nach Kowloon übersetzte, fand man dort jede neue Profi-Canon/Nikon um Monate früher als in Europa.

Auch die Damen Hongkongs loderten vor der Übergabe an China noch einmal auf, wie Kerzen vor dem Erlöschen. Ich selbst vergötterte Nancy Kwan, die Darstellerin der Suzie Wong. Um ihr Film-Hotel zu finden, brauchte ich drei Tage. Es war bei Drehbeginn noch an der Küste gelegen, nun aber hundert Meter im Landesinneren. Man hatte einfach Land ins Delta des Perlflusses geschüttet. Das Geld schien abgeschafft. Zuletzt sah ich vor 1997 vom Hilton Hongkong aus tägliche Feuerwerke von einer Qualität, wie sie in Europa nur André Heller schaffte, für eine Nacht.

Bei allem Zauber: Für einen trend-Essay waren die Jahre nach 1997 wichtiger. China war unberechenbar. Würde man Hongkong, das lange ein reicher Dorn im armen Fleisch war, zu einem Bukarest oder Sofia verkommen lassen? Der wahnsinnige Mao, seine "Rote Bibel" und die Kulturrevolution waren zwar Vergangenheit. Aber wer konnte schon in seine Nachfolger hineinschauen? Man wusste ja aus der Lehár-Operette "Das Land des Lächelns": "Doch wie's da drin aussieht, geht niemand was an."

Umso verblüffender, wie gut der machttalentierte Neuerer Deng Xiaoping sein Land für die Zeit nach 1997, dem Jahr, in dem er starb, vorbereitet hatte. Seine "Vier Modernisierungen" waren ernst gemeint. Auch Hongkong kam glimpflich davon. Es wurde mit seinem Know-how als Auge und Ohr in die westliche Leistungsgesellschaft genützt. Auch die Industrieregion Shenzhen, die wie eine waagrechte Klammer den Norden Hongkongs umschließt und nun weltweit bekannt ist, war schon im Aufbau.


Lasst den Westwind herein. Reichtum ist ruhmvoll.

Deng Xiaoping

An die unglaubliche Wende, die Deng als graue Eminenz ohne eigene Spitzenposition schaffte, habe ich zwei fröhliche Erinnerungen.

Wie gut er den Menschen in seiner Sehnsucht nach Eigentum und Besitzerstolz kannte, war schon bei einem frühen Flug zu ahnen. Dieser führte vom noch britischen Hongkong zum schon modernen Kanton. Unter den Tragflächen des Turbo-Prop-Sprudlers sah man wüstes, gelbes Land mit kleinen grünen Quadraten. Diese waren die fruchtbaren 100 mal 100 Meter, die Deng experimentell als Privateigentum gestattet hatte.

Zuletzt noch die Erinnerung an einen Deng-Vertrauten, zu dessen Füßen ich lauschen durfte. Ich glaube, es war der aktuelle Verteidigungsminister (die kamen und gingen wie Österreichs Minister). Er versuchte, mir Dengs Spagat zu erklären: innerhalb eines kommunistischen Machtgefüges mit Stechschritt in die Morgensonne einer Wettbewerbswirtschaft zu schreiten. Er verriet ein mir unbekanntes Zitat von Deng Xiaoping: "Lasst den Westwind herein. Reichtum ist ruhmvoll."

Ich war entzückt und entsetzt. Es zeigte Dengs Talent, umstandslos und ohne Erklärung von einer Ideologie in die andere zu wechseln. So, wie es nur einem Diktator möglich war.

Sein Satz klang fast so irre-liberal wie jener, mit dem die Schweizer Calvinisten jedes Gewinnstreben von schlechtem Gewissen befreien: "Reichtum ist ein Zeichen für Gottesliebe."

Ich beließ es an der Donau-Theke im "Tuttendörfl" bei diesen heiteren Erzählungen. Das immer noch Ungewisse an China ließ ich aus. Man schüttet als Gentleman kein Blei in den besten Wein. Man irritiert nicht die Lebensfreude eines Abends von neun verdienstvollen, zufällig zusammengewürfelten Männern. Das überlassen wir Eiferern, die unsere Gesundheit in Geiselhaft nehmen, um alle Freuden abzuschaffen. Und die psychosomatisch mehr ruinieren als verbessern.

Schade, dass man nicht einer liberalen Tabak-Erlaubnis der FPÖ nachgibt, als Pfand für Wichtigeres. Oder wenigstens auf besonnene Kompromisse von Christoph Leitl hört. Der als Wirtschaftskammer-Erneuerer weiß, welche Rolle die Gastronomen für unseren Wohlstand spielten, und sie jetzt, obwohl selbst ein Nichtraucher, nicht im Stich lässt. Mit ihm ginge ein Anständiger der Politik verloren, auch der beste rhetorische Motivator für junge Unternehmer, den ich je hörte. Ich tröste mich momentan damit, dass in allen gegenwärtigen Wirrnissen das letzte Wort nicht gesprochen ist.

"Aus ist es, wenn es aus ist", sagten Johann Nestroy oder Karl Valentin, oder beide.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 47/2017 vom 24. November 2017 entnommen.

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