Essay von Andreas Salcher: Der Corona-Schulcrash

Unser Schulsystem hat den Corona-Stresstest besser bewältigt als befürchtet. Gleichzeitig wurde die Kluft zwischen hervorragenden Schulen und veralteten Belehrungsanstalten offensichtlicher denn je.

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

Am 15. September 2008 meldete die Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz an. Die Börsen stürzten durch die dadurch ausgelösten Verwerfungen weltweit ab. In Österreich kämpften die Banken täglich damit, ihre Liquidität zu sichern. Worüber wurde in Österreichs Schulen im Herbst 2008 heftig diskutiert? Es herrschte wilde Empörung der Lehrergewerkschaft über den Plan der damaligen Bildungsministerin Claudia Schmied, die Anzahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden von 18 auf 20 zu erhöhen. Während das Weltfinanzsystem kurz vor der Kernschmelze stand, sammelten aufgebrachte Lehrer in einigen Schulen Unterschriften ihrer Schüler, um gegen mehr Unterrichtsstunden zu protestieren.

Am 13. März 2020 verkündete die Regierung den Shutdown aller Schulen. Das Coronavirus schaffte innerhalb weniger Stunden etwas, das selbst fundamentale Krisen seit den beiden Weltkriegen nicht bewirken konnten: die Überwindung des Immunsystems unseres Schulsystems gegen alle Einflüsse der realen Welt. Die Schulen standen auf einmal ungeschützt mitten in unserer Gesellschaft. Das Virus konnte weder als "schulfremde Person" abgewiesen noch wie die digitale Revolution hartnäckig ignoriert werden. Aus der Not eine Tugend machend, verkündete die Regierung am 13. März die Umstellung unser Schulen auf "E-Learning".

Zwar mangelte es schon bis dahin nicht an politischen Sonntagsreden, in denen die Notwendigkeit der Digitalisierung unseres Schulsystems deklamiert wurde. Am Papier existierte sogar ein Masterplan dafür. Besondere öffentliche Aufmerksamkeit hatte dieses Thema aber nie erhalten. Plötzlich standen die Schulverwaltungen vor der Aufgabe, alle Versäumnisse der Vergangenheit über Nacht nachholen zu müssen.

Nur zum Vergleich: Die Banken hatten für die breitenwirksame Etablierung des E-Bankings 20 Jahre gebraucht. Ein ähnlich gewaltiger Transformationsprozess sollte nun an einem Wochenende bewältigt werden.

Es gibt durchaus einige "Leuchtturmschulen", die schon im digitalen Zeitalter angekommen sind und daher den Umstieg auf E-Learning mit Livestreaming von Unterricht und virtuellen Klassenzimmern tatsächlich innerhalb weniger Tage meisterten. In fast allen privaten Unternehmen funktionierte die Umstellung auf Homeoffice mit Zoom, MS-Teams oder Skype sehr schnell. Für das Schulsystem insgesamt bewahrheitete sich dagegen die alte Managementweisheit: Wer sich immer nur um die dringenden statt um die wichtigen Probleme kümmert, für den werden die wichtigen irgendwann dringend. Vor allem jene, die fest davon überzeugt waren, dass man Schulen möglichst komplett von der Digitalisierung abschotten müsse, um die heile analoge Welt zu schützen, fühlen sich völlig überfordert von Zeiten, in denen es auf einmal keine Tafeln und Kreiden gab.

Immerhin schafften es viele Schulen, auf Krisenmodus umzuschalten und mit Hilfe der in großer Eile befüllten Plattformen des Bildungsministeriums einigermaßen effektiv mit ihren Schülern zu kommunizieren. Die Mehrheit der Lehrer verschickte Inhalte und Hausaufgaben per E-Mail, oder diese mussten ausgedruckt von den Schulen abgeholt werden. Die Qualität dieses "Distance-Learnings" hing entscheidend vom Engagement des jeweiligen Lehrers ab.

Hier zeigte sich einmal mehr die tiefe Schlucht, die die Toplehrer von den Minderleistern trennt. Während viele Lehrer technisch und didaktisch rasch aufrüsteten und ihren Schülern für Fragen bis am Abend per WhatsApp, Skype oder zumindest telefonisch zur Verfügung standen, interpretierten einige schwarze Schafe den Begriff "Distance-Learning" verhaltensoriginell. Sie verschickten Unmengen von zusammenhanglosen Aufgaben per E-Mail und gingen dann auf unerreichbare Distanz.

Das passierte oft an einer und derselben Schule, ohne dass die besonders engagierten irgend einen Vorteil zu erwarten und die Minderleister Sanktionen zu befürchten hätten. Schwarze Schafe gibt es überall. Nur im Schulsystem gibt es bisher keine Möglichkeit, sich von diesen zu trennen.

Das sollte man jetzt schnellsten ändern. Denn Corona sorgte für etwas, das bis dahin ein sorgsam verteidigtes Tabu war: die Transparenz der Leistungen aller Lehrer - und Schüler. Vor allem bei Eltern sorgte das für unterschiedliche Aha-Erlebnisse. Die einen erkannten, dass der Lehrberuf durchaus fordernd ist. Den anderen offenbarte sich dank Homeschooling die unerfreuliche Tatsache, dass ihr Kind doch kein von seinen Lehrern verkanntes Genie ist. Ihnen bleibt als Trost ein Zitat von Ralph Waldo Emerson: "Es ist das Schicksal des Genies, unverstanden zu bleiben. Aber nicht jeder Unverstandene ist ein Genie."



Nur Tafel und Kreide durch PowerPoint zu ersetzen, steigert noch nicht die Neugier, die Welt besser zu verstehen.

Covid-19 hat unsere Schulen massiv erschüttert. Jedes Erdbeben bietet danach in der Phase des Wiederaufbaues die Chance, das Altgediente durch etwas Besseres und Schöneres zu ersetzen. Ein Zurück hinter Corona wird es wohl nicht mehr geben. Mit einer Ausnahme: Die Taliban-Fraktion innerhalb der Lehrergewerkschaft bestätigte einmal mehr eindrucksvoll die Existenz eines Paralleluniversums.

In Zeiten, in denen die Fußball-Euro abgesagt, die Olympischen Spiele verschoben, fast alle Betriebe gesetzlich geschlossen wurden und dadurch Hunderttausende ihren Job verloren, während gleichzeitig Präsenz- und Zivildiener zwangsverlängert wurden, entdeckten einige Lehrergewerkschafter eine bis dahin übersehene Gefahr für den soziale Frieden. Der sanfte Vorstoß von Bildungsminister Faßmann, dass man die zwei schulautonomen "Zwickel-Tage" nutzen könnte, um Versäumtes nachzuholen, löste wilde Reaktionen wie "Gesetzesbruch" oder "Frechheit" aus.

Dann passierte etwas, das sogar hartgesottene Lehrergewerkschaften überraschte. Nicht die Fassungslosigkeit der Öffentlichkeit, die konnte man wie gewohnt als "Lehrer-Bashing" abtun. Nein, erstmals reckte sich lautstarker Widerstand innerhalb der eigenen Reihen. Die Mehrheit der engagierten Lehrer wollte sich nicht mehr in Geiselhaft nehmen lassen. Vor allem verdienen sie ein faires Jahresarbeitszeitmodell, das sie vor den Trittbrettfahrern und bestimmten Exponenten ihrer Interessenvertretung schützt.



Unser derzeitiges Schulsystem ist für jedes fünfte Kind ungeeignet, um Lernfreude zu fördern und grundlegende Fähigkeiten zu vermitteln.

Unser Schulsystem hat den Corona-Stresstest bisher besser bewältigt als befürchtet. Gleichzeitig wurden dessen Schwächen offensichtlicher denn je. Die Kluft zwischen den pädagogisch hervorragenden Schulen und den veralteten "Belehrungsschulen" mit frontaler Stoffvermittlung ist riesig.

Am bedrohlichsten ist aber das 20-Prozent-Problem. Alle Studien vor und während Corona verdeutlichen, dass unser derzeitiges Schulsystem für jedes fünfte Kind ungeeignet ist, um Lernfreude zu fördern und grundlegende Fähigkeiten zu vermitteln. Das sind jene Schüler, die nach neun Jahren Pflichtschule nicht sinnerfassend lesen können. Dafür darf man allerdings nicht nur unser Schulsystem verantwortlich machen.

Diese Kinder leben in einer anderen Welt. Bücher- und bildungsfreie Zonen in kleinen überfüllten Wohnungen, kein Wort Deutsch im familiären Alltag, verbunden mit finanziellem Druck, produzieren viel zu viele chancenlose AMS-Karrieren. Man muss kein Zivilisationspessimist sein, um zu ahnen, dass sich dieser Prozentsatz weiter erhöhen wird, wenn wir nicht alle unsere Schulen endlich ins 21. Jahrhundert bringen.

Eine technische Aufrüstung unserer Schulen ist zweifellos dringend. Empirische Studien zeigen aber, dass der Einsatz digitaler Technologien im Schulsystem nicht automatisch zu besseren Ergebnissen führt. Veraltete Pädagogik wird durch die Verwendung von digitalen Medien nicht besser. Nur Tafel und Kreide durch PowerPoint zu ersetzen, steigert noch nicht die Neugier, die Welt besser zu verstehen. Dazu bedarf es jener Inspiration, die schon Astrid Lindgren gefordert hat: "Wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in großem Maß von der Einbildungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen."


Zur Person

Andreas Salcher Der Bildungsexperte, Bestsellerautor und Unternehmensberater ist regelmäßiger trend-Autor.

Andreas Salcher
Der talentierte Schüler und seine ewigen Feinde.
280 Seiten, Ecowin, 24 Euro



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