Alon Shklarek: Die Eskalation in Katalonien

Alon Shklarek: Die Eskalation in Katalonien

Alon Shklarek

Gastkommentar von MIT-Professor Alon Shklarek: Der eigentliche Kern des Konflikts zwischen den Separatisten und Madrid liegt in schlechter Führungsqualität der Verantwortlichen auf beiden Seiten.

Als das Parlament von Katalonien seine Unabhängigkeit erklärte, war ihm die Rechtswidrigkeit dieses Schrittes durchaus bewusst. Es verstieß damit klar gegen die spanische Verfassung, die natürlich auch von Katalonien selbst unterzeichnet worden war. Doch wo liegt der eigentliche Kern dieses neuen Separatismus und pseudo-revolutionären Aktionismus? Es ist die schlichtweg schlechte Führungsqualität auf beiden Seiten des Konfliktes.

Der offizielle Spin der Separatisten lautet freilich anders: "300 Jahre Ausbeutung sind genug", trommelte man schon länger und bezieht sein Narrativ aus dem historischen Konflikt zweiter Kulturen (Kastilien und Katalonien), der seit 1715 existiert. Dabei wird eine kritische Analyse der Situation durch überzogene Emotionalisierung absichtlich verhindert. Wie sehen die Fakten aus? Katalonien ist wirtschaftlich stark und weist eine der höchsten Wachstumsraten innerhalb der EU auf. 2016 belegte die Region, gemessen am BIP, in der EU den 16. Platz vor Ländern wie Finnland und Portugal.


Ein Putsch gegen den Menschenverstand.

Die Autonomierechte sind weitreichend, in den Schulen wird in katalanisch unterrichtet. Andererseits verzeichnet die Region mit über 70 Milliarden Euro den höchsten Verschuldungsgrad der 17 spanischen Regionen. Erst 2008 hat Madrid Katalonien unter die Arme greifen müssen, noch bevor sie Valencia und Andalusien helfen musste. Die Oppositionsführerin im katalanischen Parlament, Inés Arrimadas, bringt es auf den Punkt: "Dies ist ein Putsch gegen Demokratie und Menschenverstand."

Es ist unbestritten, dass Wachstum und Wohlstand bei Vielen nicht, beziehungsweise nicht genügend ankommen. Daraus resultiert Frustration bei großen Teile der Bevölkerung. Dieses Phänomen ist jedoch global zu beobachten.

Umso bedauerlicher, dass sich nun Politiker beider Seiten mit aufgeheizter Unabhängigkeitsrhetorik beschäftigen und von einem Referendum zum nächsten taumeln, anstatt zu tun, wofür sie gewählt wurden: nämlich das Interesse ihres Volkes im Hier und Jetzt zu vertreten und die erfolgreiche Entwicklung ihrer Region für die Zukunft zu gestalten.

Die Zentralregierung in Madrid für alle Probleme verantwortlich zu machen, mag eine einfache, bequeme Botschaft sein. Gute Führung hat mit Bequemlichkeit aber wenig zu tun. Es geht um Transparenz, Ehrlichkeit und starkes Verantwortungsbewusstsein. Transferleistungen in Milliardenhöhe anzuprangern, die von Katalonien jährlich nach Madrid transferiert werden, ohne jedoch die Vorteile zu erwähnen, ist nicht transparent.


Der Bevölkerung einzureden, dass Katalonien über Nacht ein unabhängiges Land werden kann ist alles andere als ehrlich.

Der Bevölkerung einzureden, dass Katalonien über Nacht ein unabhängiges Land werden kann - obwohl ein großer Teil der dazu notwendigen Infrastruktur und Institutionen fehlen -, ist alles andere als ehrlich. Den Konflikt weiter zu eskalieren und dabei nicht langfristig zu denken, mag ein Hinweis auf ein ausgeprägtes Ego sein, ist aber sicherlich kein Zeichen starken Verantwortungsbewusstseins.

Die Kosten für die Etablierung einer eigenständigen Republik wären für Katalonien astronomisch, das BIP könnte um bis zu 20 Prozent sinken, und die Arbeitslosigkeit, die bereits jetzt über 15 Prozent liegt, könnte sich kurzfristig verdoppeln. Die EU ist mit Abstand der wichtigste Wirtschaftspartner Kataloniens. In den letzten drei Jahren war sie für 65 Prozent der Exporte und 70 Prozent der ausländischen Investitionen verantwortlich.

Der Beitritt neuer Länder zur EU muss allerdings einstimmig erfolgen, also einschließlich der spanischen Zustimmung. Man muss kein Wahrsager sein, um vorherzusehen, wie Spanien sich bei einer möglichen Abstimmung für einen Beitritt Kataloniens verhalten würde. Doch Katalonien selbst wäre nicht der einzige Verlierer in diesem Prozess.

Die Eskalation würde auch die gute Entwicklung Spaniens, die seit 16 Quartalen läuft, erheblich gefährden. Auch die EU hat viel zu verlieren, denn das Letzte, was sie nach dem Brexit braucht, ist ein "Catalexit". Tatsächlich ist der einzige Weg sofortige Deeskalation, gefolgt von einer ehrlich und transparent verhandelten Vereinbarung. Das Konzept des "Europas der Regionen" könnte erfolgversprechend sein. Allerdings nur mit verantwortungsvollen Führungskräften, die wissen, dass in einem Kampf der Egos eben immer der Verlierer gewinnt.


Alon Shklarek ist Investor und Gastprofessor an der MIT Sloan School Executive Education für Leadership.


Der Gastbeitrag ist ursprünglich in der trend-Ausgabe 44/2017 vom 3. November 2017 erschienen.

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