Es braucht den Zug zum Tor

Analyse von Bernhard Gröhs. Erstmals seit Jahren zeichnet sich für Österreich die Chance ab, als Wirtschaftsstandort wieder näher an die Topstaaten heranzurücken. Was dazu nötig ist? Deregulierung und smartes Regieren!

Es braucht den Zug zum Tor

Bernhard Gröhs - Managing Partner von Deloitte Österreich

Mit dem Wirtschaftsstandort Österreich geht es nach Jahren der Abwärtsbewegung wieder leicht bergauf. Heuer sehen wir erstmals konkrete Anzeichen für eine Trendumkehr. Bisher ist diese aber nur ein zartes Pflänzchen - jetzt geht es darum, es auch zum Gedeihen zu bringen.

Dazu braucht Österreich eine Vision: top drei in Europa und top zehn weltweit bis 2025. Warum? Weil wirtschaftlicher Erfolg auch eng mit Vertrauen und dem Glauben an die Zukunft verknüpft ist. Wir alle - Unternehmer, Politiker und Gesellschaft - müssen daher zuallererst an einen Wandel glauben, damit dieser auch tatsächlich eintreten kann. Derzeit gibt es Anlass zur Hoffnung. Einige Unternehmen haben neue Jobs in Österreich geschaffen, die Arbeitslosenzahlen gingen leicht nach unten, und die Stimmen für ein positives Mindset mehren sich.

Aber ist es damit getan? Nein, natürlich müssen konkrete Hebel betätigt werden. Konzepte liegen schon seit Langem am Tisch. Die Umsetzung all dieser Ideen auf einmal ist aber unrealistisch. Fokussieren ist wichtig, um die Rückkehr in eine globale Topposition zu ermöglichen.

Vernetzte Städte, digitale Währungen und autonom fahrende Autos werden künftig zu unserem Alltag gehören. Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge und Robotik bergen enormes Potenzial für ökonomischen und gesellschaftlichen Fortschritt. All diese Entwicklungen sind Schlüsselfaktoren für einen zukunftsfähigen Standort.

Staatliche Aufgabe ist es, die digitale Infrastruktur weiter auszubauen und die digitalen Kompetenzen in der Bevölkerung zu fördern. Es ist erfreulich, wenn Kinder mit digitalen Devices ausgestattet werden. Wir müssen den jungen Menschen aber auch bewusst machen, welche Berufe in einer digitalen Zukunft Chancen haben, und diese bewusst fördern. Digitales Know-how muss auch bei Lehrern gefördert werden. Und gerade in Hinblick auf eine effi ziente Verwaltung sollten ältere Generationen den Zugang zur digitalen Welt erhalten.

Apropos Innovation: Nur wenn wir diese intensiv befeuern, werden wir an der Spitze reüssieren. Forschung und Entwicklung können Initiatoren für wirtschaftliches Wachstum sein. Die Indizes zeigen, dass die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Unternehmen bereits sehr gut funktioniert.

Österreich hat gerade im Automotive- Bereich Potenzial, das es zu heben gilt. Elektromobilität zum Beispiel ist ein solches Innovationsfeld, das enorme Chancen für unsere Wirtschaft mit ihren vielen Hidden Champions bietet.

Start-ups könnten unserer Wirtschaft ebenfalls einen Innovationsboost geben. Deren Gründung muss aber dringend erleichtert werden. Es braucht eine echte Vereinfachung des digitalen Gründungsprozesses. Neben der Forcierung von Risikokapital benötigen viele junge Unternehmen vor allem Private Equity für die zweite Phase. Weil der Ball in Österreich in diesem Bereich bereits gut aufgelegt wurde, braucht es nun vor allem den Zug zum Tor.

Gerade bei neuen Regularien müssen die Interessen gut abgewogen werden. Die Frage ist: Braucht es neue Regeln wirklich? Und vor allem: Können dafür andere gestrichen werden? Ein One-in-one-out ist zu wenig, besser wäre ein One-in-more-out.

Deregulierung ist auch in der Arbeitswelt vonnöten. Nur eine Flexibilisierung kann der Realität Rechnung tragen. Arbeitnehmerschutz darf nicht zu kurz kommen, aber dennoch muss den Unternehmen ein wettbewerbsfähiges Wirtschaften ermöglicht werden. Es liegt auch im Interesse der Arbeitnehmer, durch mehr Flexibilität Beruf und Privatleben besser unter einen Hut zu bekommen.

"Smartes Regieren" ist gefragt. Das heißt, dass der Staat seine Leistungen effizienter erbringt. Budgetdisziplin und Strukturreformen werden in den nächsten acht Jahren entscheidend sein, um das Ziel, wieder Topstandort zu werden, zu erreichen.

Zu guter Letzt sind Unternehmer und Staat gefordert, die Vielfalt am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft besser zu nutzen. Die Zusammenarbeit von jüngeren und älteren Arbeitnehmern bietet für viele Möglichkeiten. Frauen brauchen endlich Gleichberechtigung bei Postenbesetzungen und Bezahlung. Das wird ohne strengere Regeln nicht gehen.

Aber nur so kann Österreich als Standort wieder Spitze werden.


Der Autor

Bernhard Gröhs ist Managing Partner beim Beratungsunternehmen Deloitte Österreich und setzt sich seit vielen Jahren intensiv für die Verbesserung der Standortqualität des Landes ein.


Der Artikel ist in der trend-Ausgabe 16/2017 erschienen.
Hier finden Sie das komplette Heft als E-Paper zum Download.

Andreas Lampl, Chefredakteur trend

"Wohlstandswehleidigkeit": Jammern auf (zu) hohem Niveau

Wir werden letztlich mit deutlich teurerem Gas zurande kommen. Wenn sich …

Die Unvereinigten Staaten von Amerika

Der Wiener Wirtschaftsanwalt Robin Lumsden verhandelt in Kalifornien …

Der Bundespräsident nutzt seine Rolle als beliebtester der Unbeliebten und las der Regierung bei der Eröffnung der Bregenzer Festspiele die Leviten.

Die Sündenbock-Wahl [Politik Backstage]

Vor allem die FPÖ will Van der Bellens Wiederwahl zu einem Probegalopp …

Rechtsanwältin Katharina Körber-Risak

Viertagewoche auch bei uns - warum nicht?

Ein Pilotversuch in Großbritannien lässt aufhorchen - es geht um die …