Erwin Javor: Alltagsgeschichten - Der Preis der Zivilisation

Unternehmer, Herausgeber und Autor Erwin Javor

Unternehmer, Herausgeber und Autor Erwin Javor

Gastbeitrag von Erwin Javor, Unternehmer, Herausgeber und Buchautor: In der guten alten Zeit waren wir Linke oder Rechte, reich oder arm, gebildet oder bildungsfern. Da kannte man sich noch aus. Aber jetzt?

Ich sitz im Kaffeehaus und denk an fast nichts Böses. Am Nebentisch, ich sehe es genau aus meinem Augenwinkel, sitzt einer, der mich taxiert. Wie ich residiert er öfter in diesem Café, aber wir kennen einander nicht. Sein Blick schweift unauffällig über meine Zeitung, meine Kleidung, mein Handy neben der Melange. Es ist nicht zu übersehen. Er will mich einordnen, und es gelingt ihm nicht so recht.

Als der Kellner mich wegen der Austria-Leistung beim Derby pflanzt - und ich ihn natürlich auch -, sieht man förmlich, wie sich die Ohren meines Tischnachbarn spitz in die Höhe recken. "Jetzt hat er endlich ein handfestes Indiz", denke ich mir, "denn jeder weiß doch, dass Austrianer liberal, gebildet, schön, intelligent, anständig, absolut objektiv und vor allem bescheiden sind."

Ich höre meinen Tischnachbarn geradezu denken: "Austrianer, bestellt Gemüseplatte, liest 'Falter'. Typisch, ein links-intellektueller Baum-Umarmer."


In der guten alten Zeit hat man uns von der Weite angesehen, wo wir stehen.

Ich bin um nichts besser, denn mir geht jetzt durch den Kopf: "Der trinkt jetzt schon das dritte Bier. Noch dazu in einem Kaffeehaus? Ich könnte schwören, der wählt den Strache." Er denkt: "Moment einmal, die 'Krone' liest er auch? Da stimmt was nicht." Und in meinem Kopf rumort es nicht minder: "Ich könnte schwören, der hört von früh bis spät Blasmusik." Kommt ein berühmter alternativer Jazzmusiker herein und umarmt den Biersäufer. Ich höre rein zufällig, ohne allzu auffällig zu lauschen, dass die beiden am Abend ein Konzert spielen werden.

In der guten alten Zeit waren wir Linke oder Rechte, reich oder arm, gebildet oder bildungsfern, Stadt-oder Landmenschen, und man hat uns mehr oder weniger von der Weite angesehen, wo wir stehen. Der eine würde einen Gamsbart am Hut tragen, der andere eine rote Polyesterkrawatte, dem Dritten welkte eine Kornblume aus dem Revers. Da kannte man sich noch aus. Aber jetzt?

Einer kann für Menschenrechte und Flüchtlingskonvention, aber trotzdem gegen Willkommenskultur sein. Er ist vielleicht ÖAMTC-Mitglied und hat gleichzeitig ein Bawag-Konto. Er glaubt vielleicht an die Erschaffung der Welt in sieben Tagen, aber nichtsdestotrotz auch daran, dass der Mensch vom Affen abstammt. Er unterschreibt Petitionen gegen die nicht artgerechte Tierhaltung, aber Biofleisch ist ihm dann doch zu teuer, und das Kalbsschnitzerl muss halt sein.

Er findet Trumps Neigung zum Handelskrieg eine Zumutung, aber plädiert für ein striktes Verbot von billigen Textilimporten aus Bangladesch nach Österreich. Er ist Demokrat, sagt er, aber dass der Putin schon oft recht hätte, meint er auch. Er ist für die gleichgeschlechtliche Ehe, aber nicht, wenn es um seinen eigenen Sohn geht. Er ist für die Gleichberechtigung der Frau, aber ab dem Zeitpunkt, als seine Ex-Frau mehr verdiente als er, war sie für ihn eine karrieregeile Rabenmutter.


Wie kann man sich sonst heutzutage noch moralisch überlegen fühlen?

Andererseits, warum nicht komplizierte Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und seine Meinung ändern, wenn neue Fakten am Tisch liegen? Was spricht dagegen, zu zweifeln, mit sich zu ringen, abzuwägen, was richtig und falsch ist, statt blind der einen oder anderen Ideologie zu vertrauen? Eigentlich gar nichts, denn wir wollen ja denkende Menschen sein, die komplexe Zusammenhänge verstehen und differenzieren können.

Wie kann man sich sonst heutzutage noch moralisch überlegen fühlen? So erheben wir uns über die Niederungen der Vorurteile und Stereotype - die natürlich nur die anderen haben.

Wir machen es uns nicht leicht mit der Festlegung, wer dazu gehört und wer nicht, und zerfleischen uns ehrlichen Herzens im Streben nach dem Richtigen. Wir entsprechen von früh bis spät unseren eigenen höchsten Standards.

Ja, und so soll es im Idealfall auch sein. Dagegen spricht wirklich nichts. Außer, dass es so was von anstrengend ist, sich auf rein gar nichts mehr verlassen zu können! Das trifft natürlich nicht auf die Austria zu. Da ist bekanntlich alles noch genauso gut wie immer.

Zur Person

Erwin Javor ist Unternehmer (Frankstahl, Thespis) und Herausgeber von "mena-watch. Der unabhängige Nahost-Thinktank" sowie Buchautor.

Buchtipp

Ich bin ein Zebra - eine jüdische Odyssee

Der jüdische Humor und seine Witze vermengen sich in Erwin Javors Erzählung wie ein Mosaik mit Geschichte und persönlichen Geschichten aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es ist ein Buch über ostjüdische Identität im Lauf der Generationen: subjektiv, ironisch, kritisch, lachend, weinend und liebevoll. Eine jüdische Familiengeschichte der ganz besonderen Art.

Vom Schtetl nach Budapest, von Budapest nach Wien und nach Israel führt Erwin Javors Zeitreise. Sie ist eine Liebeserklärung an seine Eltern, deren Geschichten und Erzählungen über eine heute verlorene Welt ihn geprägt haben. Das Schtetl ist, mit Sehnsucht verklärt, im kollektiven jüdischen Gedächtnis immer noch präsent. Doch diese versunkene Welt war auch hart und erbarmungslos, und gerade daraus entstand der jüdische Humor. Was ist an ihm so besonders, warum bringt er uns zum Lachen? Weil hinter jeder guten Pointe, wie bei jeder guten Komödie, immer auch ein Stück Tragödie steht.

  • Ich bin ein Zebra - eine jüdische Odyssee
  • 256 Seiten, 25 €
  • Amalthea Verlag, 2017
  • ISBN: 978-3-99050-092-7
  • Das Buch online kaufen

Der Gastbeitrag von Erwin Javor ist der trend-Ausgabe 17/2018 vom 27. April 2018 entnommen.

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