Einmalige Jahrhundertchance

Die Zeit nach der Covid-19-Krise ist eine Gelegenheit, um die Welt nachhaltig zu einer besseren zu machen.

Einmalige Jahrhundertchance

In diesem Jahr hat sich die Welt nahezu bis zur Unkenntlichkeit verändert. Tragischerweise ist kein Land von der Covid-19-Krise verschont geblieben. Die menschlichen Verluste sind unermesslich und die wirtschaftlichen Kosten immens. Wir schätzen, dass die Welt im Laufe der Jahre 2020/21 Verluste in Höhe von mehr als zwölf Billionen US-Dollar erleiden wird, was dem gemeinsamen BIP von Japan, Deutschland, Italien und Spanien entspricht. Trotz der düsteren Aussichten erwarten wir für nächstes Jahr eine Erholung - wenn auch nur teilweise und in unterschiedlichem Ausmaß -, und ich blicke hoffnungsvoll in die Zukunft.

Im Kampf gegen diese Pandemie haben die Regierungen mit finanzpolitischen Maßnahmen in Höhe von etwa elf Billionen US-Dollar (Stand Juni und weiter steigend) und massiven Liquiditätsspritzen der Zentralbanken beispiellose Maßnahmen ergriffen. Dies hat dazu beigetragen, einen schlimmeren Ausgang zu verhindern.

Wir beobachten jetzt die Wiederbelebung vieler Volkswirtschaften. Solange wir weder einen Impfstoff noch eine Behandlung haben, wird die Wiederbelebung in den einzelnen Ländern und Sektoren ungleichmäßig verlaufen, sodass diese nächste Phase der Krise mehr Maßnahmen und politische Beweglichkeit erfordert.

Was ist zu tun? Zuallererst bleibt die Gesundheitsversorgung oberste Priorität. Wo sich die Pandemie beschleunigt, sollten gezielte Eindämmungsmaßnahmen fortgesetzt werden. In Ländern, die auf eine erneute Öffnung zusteuern, wird eine Politik, welche die Gesundheitsrisiken verringert, dazu beitragen, das Vertrauen zu stärken und die Wirtschaftsaktivität wiederherzustellen.

Zweitens sollten unterstützende fiskalund geldpolitische Maßnahmen nach Bedarf beibehalten werden. Eine vorzeitige Rücknahme dieser Unterstützung könnte in der Tat in diesem Stadium der Krise die Erholung zum Scheitern bringen und noch höhere Kosten verursachen.

Drittens muss sich die Politik auf transformatorische Veränderungen vorbereiten, da einige Sektoren dauerhaft schrumpfen könnten, während andere - wie zum Beispiel digitale Dienste - expandieren werden. Eine integrative Anpassung an den Wandel erfordert für die Beschäftigten sozialen Schutz, Ausbildung und Unterstützung bei der Arbeitssuche.

Viertens müssen wir den ärmsten und verwundbarsten Volkswirtschaften helfen, insbesondere denjenigen, die mit hoher Verschuldung kämpfen oder von stark betroffenen Sektoren abhängig sind. Hier ist der IWF mit beispielloser Geschwindigkeit vorgeprescht und hat innerhalb von vier Monaten über 30 Milliarden US-Dollar an Notfallfinanzierung für 75 Länder bereitgestellt. Darüber hinaus haben wir allen 29 unserer ärmsten Mitgliedsstaaten einen Schuldenerlass in Höhe von insgesamt 251 Millionen US-Dollar gewährt.

Gemeinsam mit dem Weltbankpräsidenten Malpass habe ich die offiziellen bilateralen Gläubiger aufgefordert, die Entschuldungszahlungen von Ländern mit niedrigem Volkseinkommen auszusetzen, und die G20 reagierten darauf mit der Initiative für das Schuldenmoratorium DSSI. Es liegen bereits Anträge von 43 Ländern vor -und ich habe darauf gedrängt, dass diese Initiative ausgeweitet wird, mit einer stärkeren Beteiligung des privaten Sektors und einer größeren Transparenz bei der Schuldenproblematik.

Da die Regierungen sich um umfangreiche finanzpolitische Maßnahmen bemühen, ist es von entscheidender Bedeutung, dass öffentliche Gelder klug ausgegeben werden. Meine Botschaft ist klar: Geben Sie so viel aus, wie Sie brauchen, aber behalten Sie die Einnahmen - wir wollen nicht, dass die Verantwortlichkeit auf ein Minimum reduziert wird oder gar verloren geht.

Auch denke ich, dass diese Krise uns die einmalige Jahrhundertchance bietet, uns mit der richtigen Politik und den richtigen Investitionen auf eine Welt nach Covid-19 zuzubewegen, die fairer und gerechter, grüner und nachhaltiger, intelligenter und belastbarer ist. Das bedeutet, in Menschen zu investieren -in Bildung, Gesundheit, sozialen Schutz -und eine drastische Verschärfung der Ungleichheit zu verhindern. Es bedeutet, ein CO2-armes, beschäftigungsreiches Wachstum zu unterstützen, um den Klimawandel einzudämmen. Und es bedeutet, es allen zu ermöglichen, von der digitalen Transformation zu profitieren -sei es durch E-Government-Plattformen oder die Möglichkeiten des E-Learnings und der Telearbeit.

In diesen beispiellosen Zeiten hat der IWF unermüdlich -und rascher als je zuvor -daran gearbeitet, unsere 189 Mitgliedsstaaten zu unterstützen. Wir werden weiterhin helfen, wo immer wir können - mit politischer Beratung, Finanzierung und Kapazitätsentwicklung. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir diese Krise überwinden und die Chance ergreifen, eine bessere Welt aufzubauen.


Zur Person

Kristalina Georgieva ist Geschäftsführerin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach diskutiert sie am 31.8. unter anderen mit Bundeskanzler Sebastian Kurz zu diesem Thema.



Sebastian Kurz, Kanzler a.D., am ÖVP-Bundesparteitag im Mai 2022. Er würde nur zu gern weiter in der Politik mitmischen.

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