Donald Trump: Der Wüterich tritt an

Donald Trump: Der Wüterich tritt an

Ab 18. Juli wird Donald Trump von den Republikanern zum Präsidentschaftskandidaten gekürt und damit endgültig zur realen Gefahr für die ganze Welt. Wie andere geistesverwandte Politiker.

Wenn etwas die tiefe Verunsicherung belegt, die die USA nach der Gewaltserie von Polizisten gegen Afroamerikaner und der Ermordung weißer Polizisten durch einen schwarzen Rassisten in Dallas erfasst hat, dann die zurückhaltende Reaktion von Donald Trump. Zwar attackierte er reflexartig Präsident Barack Obama und seine Konkurrentin Hillary Clinton: "Schaut euch an, was passiert ist unter der schwachen Führung von Obama und Leuten wie der verlogenen Hillary." Aber er goss kein Öl ins Feuer des noch immer existenten Rassenkonflikts. Und natürlich verteidigte er generell die Polizei, deren weiße Angehörige nach Umfragen ihn zu mehr als drei Viertel wählen werden, aber auch die Todesschüsse von Minnesota und Lousiana gegen zwei Afroamerikaner seien "tragisch", kein generalisierender, rassistischer Unterton.

Das war nicht immer so im Wahlkampf des Donald Trump: Mexikaner waren für ihn schon einmal allgemein Vergewaltiger, gegen die man eine Mauer an der Grenze bauen müsse. Kein Wunder, dass Latinos und Afroamerikaner zu den sichersten Wählern Hillarys zählen, nach Umfragen zu mehr als drei Vierteln -sofern sie zur Wahl gehen. Noch schärfer fallen Trumps Attacken auf Muslime aus: Weil der 29-jährige Omar Mateen, der im Juni in Orlando ein Schwulenlokal überfallen und 49 Menschen getötet hat, sah sich Trump bestätigt, künftig überhaupt keine Muslime einreisen zu lassen. Ungeachtet dessen, dass der Todesschütze Staatsbürger der USA war und dort geboren wurde. Und ungeachtet der Tatsache, dass die drei Millionen Muslime, die schon im Land leben, zu den am besten integrierten Zuwanderern zählen. Nur weniger als die Hälfte von ihnen fühlen sich nicht zur US-Gesellschaft gehörig, weniger als in Europa (zwei Drittel)."Auf der Patriotismus-Skala liegen Muslime vor allen anderen Einwanderern. Von diesen beantragen nur zehn Prozent die amerikanische Staatsbürgerschaft, bei den Muslimen sind es 70. Trump weiß also nicht, wovon er redet", meint etwa "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.

Trump weiß aber wohl, wovon er redet. Sein Rezept gleicht dem aller Populisten: die Gesellschaft spalten, Feindbilder schaffen, Vorurteile bedienen, Wut erzeugen und all das zusammen als "Wille des Volkes" nutzen. Im Falle Trump: Rassismus bedienen -und dabei sich auch nicht von Fans des Ku-Klux-Klan distanzieren. Muslime unter den Generalverdacht des Terrorismus stellen. Frauenfeindliche Witzchen verbreiten, aber auch bösen Sexismus gegen unliebsame Journalistinnen. Vor allem aber: Amerikas angeblich gewachsene Schwäche bekämpfen. Mit einfachen Methoden: Die Terroristen müsse man nur "zur Hölle bomben" (so wie der von ihm ausdrücklich gelobte Saddam Hussein), sie mit Foltern wie "Waterboarding" bekämpfen, sich generell aber auf die eigene Sphäre konzentrieren. Die Verbündeten sollten mehr für ihre Verteidigung aufwenden, das gelte für Europa wie für Asien. Das hindert Trump aber nicht daran, Obama für den Rückzug aus Afghanistan und dem Irak zu geißeln.

Unklar ist seine Haltung zum Nahostkonflikt. Hieß es vor einem proisrealischen Lobbyistenkongress:"Ich liebe Israel", denn "meine Tochter Ivanka bekommt bald ein wunderbares jüdisches Baby", bedient Trump aber auch antijüdische Klischees. Via Twitter verbreitete er ein Bild mit Hillary, einigen 100-Dollar-Noten und einem roter Davidstern. Text: "Die Korrupteste Kandidatin aller Zeiten". Nach einem Proteststurm wurde der Stern flugs durch einen Kreis ersetzt. Bei solchen Manövern fällt es kaum ins Gewicht, dass der künftig womöglich mächtigste Mann der Welt Belgien unlängst als "eine schöne Stadt" würdigte - wohl wirklich eine Wissenslücke.

Ist wenigstens Trumps Eigenmarketing glaubwürdig? "Ich will Präsident in einem bankrotten Land werden, das deshalb einen erfolgreichen Geschäftsmann braucht": Nicht nur sein Vorgänger als republikanischer Präsidentschaftskandidat, Mitt Romney, hält ihn auch diesbezüglich für einen "Aufschneider, einen Betrüger". Trump, nach eigenen Angaben zehn Milliarden Dollar schwer, nach anderen "nur" ein Viertel, hat von Vater Fred als Startkapital eine Million bekommen und das geschickt vermehrt - mit Wolkenkratzern, Casinos, Steaks, einem Magazin und einem Football-Team. Er baute aber auch Pleiten, vor allem mit einer Fluglinie.

Man fragt sich: Wie kann ein Mann mit solchen (Un-)Sitten, skrupellos, aber geschäftstüchtig, ernsthaft um das wichtigste politische Amt der Welt rittern und mit nachweislich falschen Behauptungen seine Wutreden füllen? Clinton will keineswegs alle Gefangenen entlassen, die USA zahlen nicht als einziges Land Milliarden für die NATO, Obama holte keine 250.000 Syrer ins Land. Die "Huffington Post" hat in einer einzigen Rede Trumps 71 Faktenfehler gezählt. Das scheint Trump wenig zu schaden, noch immer liegt er in Umfragen nur knapp hinter Hillary.

Warum? Weil die Basis seiner Anhängerschaft nicht nur ärmere Weiße, sondern auch Teile der Mittelschicht sind, die Auswirkungen der Globalisierung fürchten: in der "Zeit" hat ein IT-Experte des Disney-Konzerns seine Gefühle geschildert, nachdem er zugunsten eines billigeren Inders gekündigt wurde: Schock, dann Empörung, schließlich helle Wut. Gefühle, die viele in der ehemals stolzen US-Textil-oder Autoindustrie teilen. Trump nutzt diese Emotionen, plädiert für Protektionismus, um auch in der Wirtschaft "America first" durchsetzen, obwohl er selbst viele Projekte nur mit Hilfe ausländischer Arbeiter durchgezogen hat. Und eben erst wieder mit einer seiner Tricks aufflog: Jene Baseball-Kappen, von denen er selbst eine trägt (Aufschrift: "Make America great again") sind zwar in Los Angeles zusammengenäht, aber auch aus importierten Stoffen. Onlinehändler wie Amazon verkaufen schon Imitate aus China. Beispiele, wie haltlos Versprechungen sind, "patriotisch" gegen die Globalisierung ins Feld zu ziehen. "Make America great again" bedeutet nichts anderes, "als die USA vom Rest der Welt abzuschotten", so die deutsche Zeitung "Welt".

Multis wie Coca-Cola, Apple oder Mc-Donald's würden verlieren, gewinnen würden Waffenkonzerne und Gefängnisbetreiber. Trump bleibt dabei: "Apple werde ich dazu bringen, seine verdammten Computer und Sachen in unserem Land herzustellen." Folge: Apple wird nicht den republikanischen Parteitag logistisch unterstützen, wohl aber den demokratischen eine Woche später.

Noch einmal: Welcher halbwegs gebildete und intelligente Mensch fürchtet sich nicht vor der "realen Katastrophe, dass Donald Trump der nächste Präsident der USA wird (Katastrophenfilm-Regisseur Roland Emmerich)?

Nun: Trump ist nicht der einzige Politiker Marke "Populismus pur". Scheinbar einfache Rezepte werden gewählt für komplexe Probleme, Emotion kommt an, nicht rationales Abwägen.

In halb Europa sind Nationalisten auf dem Vormarsch, obwohl nur ein einigeres Europa Gewicht haben kann in der Welt: Le Pen in Frankreich, die "AfD" in Deutschland, H.C. Strache bei uns. Und in Großbritannien haben die Brexit-Befürworter mit offenen Lügen gewonnen: Es gibt kein konstruktives Konzept der Brexit-Fans: Anders wäre die feige Flucht von Boris Johnson ("Wir haben keine Eile mit dem Austritt") und Nigel Farage ("Ich will mein Leben zurück") nicht zu deuten. Leute wie jener 90-jährige Ex-Bomberpilot, der mit zitternder Stimme den "größten Tag seines Lebens" gewürdigt hat ("Wir haben wieder die Deutschen besiegt"), müssen sich betrogen fühlen.

Wie jene Amerikaner, die am 8. November Trump als 45. Präsidenten der USA wählen wollen. Vermutlich bleibt das der Welt aber erspart: "Hillary Clinton wäre eine gute Präsidentin."

Meinte Trump. 2008.


PETER PELINKA war u. a. Format-Chefredakteur, ORF-Moderator von "Im Zentrum". Heute Kolumnist bei NEWS, Moderator bei ORF 3 ("Runde der Chefredakteure") sowie Gesellschafter der Medientrainingsfirma Intomedia. Seit 1988 hat er alle Präsidentschaftswahlen in den USA vor Ort beobachtet.

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