Diversity: Anleitung für einen Neustart

Elisa Aichinger, Senior Consulting Managerin Deloitte Österreich

Elisa Aichinger, Senior Consulting Managerin Deloitte Österreich

Gastkommentar von Elisa Aichinger, Deloitte Österreich: Das Prinzip der Diversität nur zu verstehen, reicht nicht. Es geht darum, Diversität auch wirklich zuzulassen. Nur das kann uns von festgefahrenen Denkmustern und lähmender Homogenität befreien.

I.

Kein Zweifel, unser Arbeitskräftepotenzial ist bunt. Über die Hälfte der Universitätsabsolventen sind weiblich, ein Drittel unserer Erwerbsbevölkerung wird im Jahr 2020 zwischen 50 und 65 Jahre alt sein, und durch Migrations- und Fluchtbewegungen ist unsere Gesellschaft mittlerweile vielfältigster Herkunft. Für Unternehmen sind das eigentlich gute Nachrichten, denn zahlreiche Studien belegen: Heterogene Teams sind nicht nur kreativer, sondern auch produktiver.

Aber die Realität sieht anders aus. Bestehende Diversitätsinitiativen heimischer Unternehmen zeigen nur schleppenden Erfolg. Nur in seltenen Fällen gehen sie über ein Lippenbekenntnis hinaus. Echte Diversität ist in vielen Unternehmen noch immer eine reine Wunschvorstellung.

Daher müssen wir einen Neustart wagen und Diversität neu denken. Es braucht eine Neudefinition etablierter Einstellungen, Prozesse und Haltungen. Denn Diversität ist mehr als die Akzeptanz der Tatsache, dass der Arbeitsmarkt aus unterschiedlichen Hautfarben, Altersgruppen und Geschlechtern besteht es ist die Erkenntnis, dass wir alle Individuen sind. Diese Individualität müssen wir als Chance verstehen. Sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft.

Die Chance, dass ein Paket aus Arbeitsinhalt, Arbeitszeit, Arbeitsort, Gehalt und Entwicklung als attraktiv empfunden wird, ist wesentlich höher, wenn man die Erwartungen der Individuen im Unternehmen kennt. Was liegt also mehr auf der Hand, als diese Erwartungen zu erfragen und so einen "Best Fit" zwischen dem unternehmerisch Möglichen und den individuellen Erwartungen zu erzielen?


II.

Welche waren die bisherigen Stolpersteine? Selbst wenn der Mehrwert von Diversität grundsätzlich verstanden wird, tendieren wir dazu, unser unmittelbares Umfeld sehr homogen zu wählen und Entscheidungen auf Basis des Ähnlichkeitsprinzips zu treffen. Das gilt gerade auch für Personalentscheidungen in Unternehmen.

Unsere Kultur, unser sozioökonomischer Background und unsere Erfahrungen prägen unsere Wahrnehmung. Wir haben uns eine Welt geschaffen, die zwischen dem "Wir" und den "Anderen" differenziert. Trifft ein Individuum einer etablierten Gruppe auf ein andersartiges Individuum, so stellen sich unmittelbar Fragen wie: "Passt du zu uns?" oder "Kannst du dich in die von uns vorgegebenen Normen und Werte einfügen?". Der Fokus liegt nicht darauf, durch Integration Heterogenität zu erreichen, sondern vielmehr, Andersartiges zu assimilieren. Das Resultat: eine uniforme Homogenität mit all ihren Begleiterscheinungen wie zu wenig Kreativität, zu wenig Flexibilität und zu wenig Innovationskraft. Von der damit verbundenen Fortführung der gesellschaftlichen Ungleichheit ganz zu schweigen.


III.

Letztlich geht es darum, die Diversität von Gedanken, Fähigkeiten und Meinungen zuzulassen. Ist "Was kannst du in unser Unternehmen einbringen?" nicht die viel interessantere Frage als "Passt du zu uns?"? Und ist "Wie können wir uns und unsere Kultur durch die Zusammenarbeit mit dir weiterentwickeln?" nicht die viel zukunftsrelevantere Fragestellung als "Kannst du dich in die von uns vorgegebenen Normen und Werte einfügen?"

Wenn man sich diese Fragen ernsthaft stellt, wird die Frage nach Geschlecht oder Herkunft ganz schnell zweitrangig. Und das ist Gold wert, denn es befreit uns von festgefahrenen Denkmustern und Stereotypen.


IV.

Diversität ist kein Selbstläufer, sie ist aber auch keine Einbahnstraße. Natürlich sind Unternehmen etablierte soziale Systeme, aber schon Oscar Wilde sagte einst: "Society exists only as a mental concept - in the real world there are only individuals."

Wir alle - ob Vorstand, Führungskraft, HR-Manager oder Mitarbeiter - sind Mitgestalter des Systems, in dem wir leben. Das gibt uns nicht nur die Freiheit, sondern auch die Verantwortung, uns zu artikulieren. Den eigenen Gedanken und der eigenen Stimme Gehör zu verschaffen, ist nicht einfach. Es ist aber notwendig, um die Wünsche und Erwartungen der Individuen zu verstehen und langfristig von Diversität profitieren zu können.


Elisa Aichinger ist Senior-Managerin im Bereich Consulting bei Deloitte Österreich.


Der Kommentar ist der trend-Ausgabe 32-34/2018 vom 10. August 2018 entnommen.

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