Andreas Bierwirth: Digitalisierung und das Optimismus-Defizit

Andreas Bierwirth, CEO T-Mobile Austria

Andreas Bierwirth, CEO T-Mobile Austria

Uns steht der Weltuntergang näher als die Zuversicht, das Beste aus der Digitalisierung zu machen.

Digitalisierung ist im Alltag angekommen. Endlich, könnte man sagen: In Wahlkämpfen und Koalitionsverhandlungen darf das Schlagwort ebenso wenig fehlen wie in Chefetagen oder bei Diskussionen zum Beispiel darüber, ob Universitäten zu "Geisterunis" mutieren, da die Studierenden Lehrveranstaltungen nur mehr virtuell besuchen. Wie oft werden Entwicklungen erst dann ernst genommen, wenn ein hinreichendes Bedrohungspotenzial inszeniert wird. Die Wahl in den USA, Brexit, Nationalratswahl: ein Opfer von Manipulationen durch Fake News, ob aus Russland oder heimischer Provenienz. Unsere Gesellschaft, für immer in ihren Filterblasen polarisiert. 45 Prozent der Arbeitsplätze gefährdet, behaupten Studien. Unsere Kinder eine Generation von Smombies, onlinesüchtig oder zumindest cybergemobbt. Fügen Sie ruhig Ihr eigenes Lieblingsszenario an.

Wahrscheinlich ist es unvermeidbar, dass auf die Schöne-neue-Welt-Visionen der Digitalisierung die Beschwörung der nicht zu bändigenden herbeigerufenen Geister folgt. Schließlich ist "Der Zauberlehrling" von Goethe, geschrieben an der Schwelle zur Industrialisierung und des beginnenden Höhenflugs der Naturwissenschaften, bis heute eine der bekanntesten Balladen des Dichters, quasi Grundstock unserer Technologieskepsis.

Dabei können uns die Geister der Digitalisierung in so gut wie allen Lebensbereichen dienbar sei. Um bei einem derzeit polarisierenden Thema unserer Bildungspolitik anzufangen: Smartphones und Tablets können so gut wie jede Sprache sprechen, um dabei zu helfen, Kindern nichtdeutscher Muttersprache die Landessprache beizubringen. Sie können noch viel mehr, von früherer Alphabetisierung, interaktiven Lern-Apps, Mathe-Training und Coding bis zu einem leichteren Dialog zwischen Familie und Schule. Am anderen Ende der Bildungsleiter schafft Digitalisierung den Zugang zu den besten Universitäten der Welt durch Onlinekurse von Harvard bis Stanford. Macht dies heimische Universitäten überflüssig? Wohl kaum, aber es sollte ihre Kreativität beflügeln, herauszufinden, was die Rolle des "universitären Nahversorgers" in einer vernetzten Welt ist und welche Angebot sie ihrerseits in aller Welt vermarkten können.


Digitalisierung beflügelt die Kreativität, die Liste nützlicher Anwendungen wächst täglich.

Die Liste nützlicher Anwendungen der Digitalisierung wächst täglich: In Japan werden im Pflegebereich zunehmend Roboter eingesetzt, um die Aufgaben pflegender Menschen zu unterstützen und zu erleichtern. Autonom fahrende Fahrzeuge haben in den nächsten zehn bis 20 Jahren das Potenzial, abertausende tödliche Unfälle jährlich zu vermeiden. Maschinenlernen oder "künstliche Intelligenz" ermöglichen ein besseres Service von Unternehmen ebenso wie die effizientere Suche nach Wirkstoffen in der pharmazeutischen Forschung.

Und ja, aus all dem können und werden auch neue Probleme entstehen. Soziale Medien haben uns dies in den letzten zwölf Monaten eindrücklich gezeigt: Aus der Hoffnung auf mehr Demokratie, wie im "Arabischen Frühling", und der Freude am sozialen Austausch ist die Angst vor der grenzenlosen Manipulierbarkeit gewachsen. Bemerkenswert die jüngste Erklärung von Facebook-Gründer und CEO Mark Zuckerberg, dass aufgrund der hohen Investitionen in die Verlässlichkeit ("online policing") von Facebook die kurzfristigen Gewinne schmäler ausfallen würden - aber dass dies der langfristigen Gesundheit des Unternehmens diene. Die Problematik der Manipulierbarkeit eröffnet auch der Branche neue Chancen, die paradoxerweise zuerst durch soziale Medien unter Druck gekommen ist: verlässlichem Journalismus und verlässlichen Medien.

Diese Komplexität von Digitalisierung zu vermitteln - eine große Chance zur weiteren Entwicklung unserer Gesellschaft, bei möglichen Schattenseiten, die wir ernst nehmen und lösen können - ist die Herausforderung für Politik, Unternehmen, Bildungssystem, Meinungsbildner, mit einem Wort: unsere Zivilgesellschaft. Populismus gewinnt daraus, Probleme ebenso wie scheinbare Lösungen zu simplifizieren. Aber mehr Komplexität ist einer klaren Mehrheit unserer Gesellschaft zumutbar.

Bei dieser Zuversicht, das Beste aus der Digitalisierung machen zu können, haben Österreich und weite Teile der EU ein Optimismus-Defizit. Offenbar steht uns der Weltuntergang noch immer näher als der Glaube an die positive Gestaltbarkeit der Zukunft. Ohne Zweifel braucht es Aktivisten wie Max Schrems, die gegen mögliche Gefahren der Digitalisierung auftreten. Was wir jedoch ebenso dringend benötigen, sind Gründer wie Zuckerberg, die zunächst den Blick auf das Mögliche richten. Erfreulich, dass eine kreative Start-up-Szene wächst, die einen kräftigen Beitrag zur Beseitigung des Optimismus-Defizits leistet.


Der Autor

ANDREAS BIERWIRTH ist der Vorsitzende der Geschäftsführung von T-Mobile Austria. Der frühere AUA-Vorstand ist unter anderem Vorsitzender des Aufsichtsrats der Do & Co AG sowie Aufsichtsratsmitglied bei den Casinos Austria.

Folgen Sie dem Autor auf Twitter: @_ABierwirth_


Der Kommentar von Andreas Bierwirth ist der trend-Ausgabe 50-52/2017 vom 15. Dezember 2017 entnommen.

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