Der digitale Rechtsanwalt

BERTRAM BURTSCHER, Partner, Freshfields Bruckhaus Deringer LLP und SOPHIE MARTINETZ, Gründerin Future-Law

BERTRAM BURTSCHER, Partner, Freshfields Bruckhaus Deringer LLP und SOPHIE MARTINETZ, Gründerin Future-Law

Gastkommentar: Digitalisierung und Innovation in der juristischen Arbeit kommen nun auch in Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen an. Wer aber glaubt, dass Juristen durch Roboter ersetzt werden, der irrt. Technisch anspruchsvoller wird die Juristerei freilich allemal.

Auf den Servern und in den Archiven vieler Unternehmen schlummern riesige Datenmengen als E-Mails, Verträgen, Akten oder technische Aufzeichnungen. Die Aufbereitung dieser Informationen in Transaktionen oder Investigationen scheint oft schier unmöglich.

Hier kommt Legal Tech ins Spiel. Computer erledigen klar definierte und repetitive Tätigkeiten schneller und fehlerfreier als Menschen. Auch im juristischen Alltag einer Rechtsabteilung, Anwaltskanzlei oder Behörde besteht ein Teil der Aufgaben aus sich wiederholenden, ähnlichen Tätigkeiten. Diese werden zunehmend von Legal-Tech-Tools beziehungsweise Software übernommen und können so -auch in sehr großen Mengen -effizienter und fehlerfreier bearbeitet werden.


Es werden Herausforderungen lösbar, die bislang mit realistischem Zeit-, Geld-und Personalaufwand undenkbar waren.

So werden Herausforderungen lösbar, die mit realistischem Zeit-, Geld-und Personalaufwand bislang undenkbar waren. Die Arbeit von Juristen wird dabei nicht durch den "Roboter" ersetzt, sondern verschiebt sich teilweise hin zur Steuerung der Legal-Tech-Tools und wird zur Lösung der verbleibenden, oft komplexeren juristischen Fragen benötigt, die Legal Tech (noch) nicht bewältigen kann.

Marktübliche Legal-Tech-Tools eigenen sich für verschiedene Einsatzbereiche, sie können alleine oder kombiniert eingesetzt werden. Tools im Bereich "AI (künstliche Intelligenz) und Automation" ermöglichen etwa eine computerunterstützte Vertragsanalyse mittels lernfähiger Algorithmen zur Auffindung und Extraktion spezifischer Textpassagen weit über Schlüsselwortsuche hinaus.

Häufige Einsatzgebiete dieser Legal-Tech-Tools liegen etwa bei Compliance- und Kartelluntersuchungen sowie bei Transaktionen. Im Vertragsmanagement können Unternehmen etwa beim Monitoring von Vertragslaufzeiten oder bei der statistischen Auswertungen bestimmter Aspekte einer großen Anzahl von Verträgen unterstützt werden. So lassen sich effiziente Workflows etablieren.

Time is money.

Der Einsatz neuer Technologien in M&A-Transaktionen (etwa bei Due Diligences) kann viel Zeit und Geld sparen. Mitunter ist aber die Zustimmung aller Parteien erforderlich, um die nötigen Zugriffsrechte der technischen Tools auf die Daten sicherzustellen. Das ist auch vertraglich zu berücksichtigen.

"Technology Assisted Review" oder "TAR", eine weitere Spielart von Legal Tech, bezeichnet lernende Algorithmen, mit denen große Dokumentenmengen nach spezifischen Fragestellungen effizient durchforstet werden können. Damit gelingt eine massive Reduktion der von Juristen "händisch" zu prüfenden Dokumente. Speziell qualifizierte Juristen trainieren die Algorithmen, um aus riesigen Datenmengen gezielt jene Dokumente auszuwählen, die mit großer, statistischer Wahrscheinlichkeit relevante Informationen zur Fragestellung enthalten.


Wiederkehrende Entscheidungen werden schnell und fehlerfrei getroffen.

Legal Tech umfasst auch die automatisierte "Expertenlogik". Diese optimiert Entscheidungsprozesse, indem hochstandardisierte Prozesse simpel programmiert und softwarebasiert Entscheidungsvorschläge aufbereitet werden. Wiederkehrende Entscheidungen werden schnell und fehlerfrei getroffen. Derartige Programme eignen sich etwa zur Beurteilung der Erforderlichkeit von Zusammenschlussanmeldungen für grenzüberschreitende Transaktionen.

Es gibt tolle technische Lösungen für Rechtsabteilungen, Unternehmen und Kanzleien. Die meisten Legal-Tech-Tools funktionieren aber nicht "out of the Box", sondern müssen für den individuellen Bedarf trainiert oder programmiert werden.

Das erfordert neue Fähigkeiten von Unternehmensjuristen und Anwälten. Durch den überlegten Einsatz von Legal Tech können Unternehmen Risiko reduzieren sowie Effizienz und Produktivität trotz neuer Herausforderungen durch riesige Datenmengen steigern.


Die Autoren sowie weitere Expertinnen und Experten werden beim Europäischen Forum Alpbach diskutieren, wie sich Digitalisierung auf den Rechtsbereich auswirkt.
Livestream: www.alpbach.org


Der Gastkommentar von Bertram Burtscher und Sophie Martinetz ist in der trend-Ausgabe 34/2017 entnommen.

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trend 34/2017

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