Helmut A. Gansterer: Digitale Metamorphose

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Mit Smartphone und Tablet legte die geniale IT-Branche erstmals Werkzeuge vor, die auch Führungskräfte verwenden können - und wollen.

Dieser Essay hat zum Ziel, die Entwicklung der "Digital-Welt für alle" aus der Erinnerung eines Hightech-Reporters zu skizzieren. Parallel dazu wird untersucht, wie sich die Manager und Unternehmer als Anwender ("Users") mobiler Digitalwerkzeuge veränderten.

Der Zeitpunkt dieses Überblicks ist nicht zufällig gewählt. Seit Kurzem zeigt sich eine erfreuliche Metamorphose. Die Bosse wandeln sich von Verweigerern zu erstaunlich geschickten Selbstverwendern - zum eigenen Vorteil und zum Wohl der "Information Technology".

Unlängst fragte Kollegin Edith Priesching in einem Interview des erstklassigen Radiosenders Ö1 nach meiner interessantesten Berufszeit. Antwort: "Neben der Gegenwart das Jahrzehnt 1985 bis 1995." Damals erhob sich die Digitalzeit für jedermann. Vorher war eine erste, teure Nutzung der binären Mathematik den Militärs, der Weltraumforschung und der Kirche vorbehalten.

Mittendrin in den USA-Anfängen des PC (Personal Computer) zwei österreichische Journalisten: Alfred Worm (für profil) und meine Wenigkeit (für trend). Wir berichteten ab 1985 live vor Ort. Erstens, um unsere klugen Leserinnen und schönen Leser zu verwöhnen. Zweitens aus persönlichem Ehrgeiz. Etwa so wie Goethe, der nach einem angeblichen Treffen mit Napoleon schrieb: "Wir werden sagen dürfen, dabei gewesen zu sein."

Die Sterne standen günstig. Das Timing war perfekt. Soeben war der Apple-Macintosh ("Mac") gelandet wie ein Ufo. Er war der erste PC heutigen Zuschnitts. Dazu kam eine spezielle Sympathie der Amerikaner für Österreich, dieses winzige, Musik-geniale Land eines Haydn, Mozart, Schubert, Mahler und Schönberg. Demgemäß wurden die zwei Journalisten mit symphonischer Zuneigung empfangen, nicht als Spione einer großen Wirtschaftsmacht. Kurzum: Wir kriegten Präsidenten und CEO-Termine, von denen deutsche und japanische Medienkollegen nur träumen konnten.

Alfred Worm und ich waren in dieser Zeit dauererschöpft, aber aufgekratzt wie kalifornische Hasch-Kiffer. Unsere Schreibtische waren die Klapptische der Flugzeuge. In Cupertino teilten wir ein Appartement als Pied-à-terre im Silicon Valley. Denn in Cupertino residierte Apple. Wir waren frühe Evangelisten der heute teuersten Marke der Welt. Der Apple-Mac war unser Darling.

Bezüglich der Apple-Bosse waren wir uneins. Worm schätzte Steve Jobs, ich eher John Sculley, die gerade von Freunden zu Feinden wurden. Worm hatte im Rückblick den besseren Instinkt.

Dennoch müssen wir die Wirtschaftshistoriker korrigieren, die das Genie Steve Jobs posthum vergöttern (was heißen soll: Auch ich hatte recht). John Sculley war nicht einfach "der böse Steve-Jobs-Killer", der den Mann rausintrigierte, der ihn von Pepsi-Cola geholt hatte. Er war anfangs das notwendige, motivierende Pendel zum Apple-Gründer, Menschenverächter und Mitarbeiterquäler Steve Jobs.

Und Sculley beharrte auf einem Grundsatz, der einst als Selbstmord verlacht wurde: keine Lizenzen an Drittanbieter. Nur wo Apple draufsteht, darf Apple drin sein. Heute weiß man: Dies war die klügste kaufmännische Entscheidung. Die Alleinstellung machte Apple gesund, schließlich reich und reicher. Heute sitzt man auf Barreserven wie ein Ölland. Daher darf gesagt werden: Ohne John Sculley hätte es keine Wiederauferstehung des Messias Steve Jobs gegeben. Also auch kein iPhone und kein iPad. Und nicht die Vielfalt heutiger Smartphones und Tablets aus anderen Quellen.

Diese Geräte, die in Absatz und Umsatz mittlerweile PCs und Notebooks überragen, sind eine Wasserscheide für Manager und Unternehmer.

Noch zum Millennium waren die meisten Führungskräfte einem Statussymbol- Denken verhaftet. Ein größeres Büro, ein schnelleres Dienstauto, ein First-Class-Sitz im Flieger waren wesentliche Ziele der Karriere-Sehnsucht, zumal sie attraktive Gefährtinnen anlockten, die Emanzipation als mühsam empfanden. Vor allem die Werkzeuge der dienenden Klasse waren hagestolzen Führungskräften tabu. Man war stolz darauf, eine Schreibmaschine, ein Fax, ein Diktiergerät, einen Computer nicht bedienen zu können - wozu hatte man ein Sekretariat?

Smartphones und Tablets haben über Nacht alles geändert. Die Führungskräfte hängen jetzt daran wie am Tropf für die ewige Jugend. Sie schreiben und mailen selbst. Mit ihrer Apple-Armbanduhr und Runtastic-Apps überprüfen sie ihre Fitness. Werden die Bosse auch noch ihre eigenen Buchhalter, wenn Notebooks und Tablets zum endgültigen Privatwerkzeug zusammenwachsen?

trend wird berichten. So wie 1985, als ich mit dem Freund Alfred Worm, dem ich post festum diesen Essay widme, in die zwielichtige Sonne von Silicon Valley ritt, um die Zukunft zu schauen.

Die Analyse ist im trend.-PREMIUM Ausgabe 4/2016 am 29. Januar 2016 erschienen.

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