Mariana Mazzucato: Eine falsche Dichotomie

Mariana Mazzucato: Eine falsche Dichotomie

Mariana Mazzucato ist Ökonomin am University College in London

Gastkommentar. Wirtschaftliches Wachstum ist eine Koproduktion aus dem Zusammenwirken zwischen Staat und Privat. Um die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen, wird es neue Arten von Partnerschaften brauchen.

DIE DISKUSSION über die Rolle des Staats in kapitalistischen Volkswirtschaften pendelte im 20. Jahrhundert zwischen zwei Polen: Die einen verteidigten ihn wegen seiner Bedeutung für die wirtschaftlichen Entwicklung, die anderen attackierten ihn wegen seiner Eingriffe in vermeintlich gut funktionierende Märkte. Die erfolgreichen Ökonomien der Zukunft werden sich jedoch über diese binäre Sichtweise hinwegsetzen und neue Modelle von Partnerschaften entwickeln müssen.

Dafür ist es wichtig, die Rolle des öffentlichen Sektors im Innovationsprozess anzuerkennen und zu verstehen, dass ökonomische Wertschöpfung ein kollektiver Vorgang ist. Unternehmen schaffen Wohlstand nicht allein, sie könnten ohne die vom Staat bereitgestellte Infrastruktur gar nicht arbeiten: Schulen und Universitäten, Gesundheitsversorgung, Pflege, Sozialsystem, Polizei, Militär, Transport, Energie, Wasser, Müllabfuhr. Diese Dienstleistungen sind ein Schlüsselfaktor für die Produktivität in privaten Unternehmen.

Es wäre zu simpel, zu behaupten, dass der private Sektor jenen Wohlstand schafft, den der Staat mit seinen aus Steuermitteln finanzierten Dienstleistungen wieder aufzehrt oder dass der Staat bloß private ökonomische Tätigkeit "reguliert". Vielmehr ist wirtschaftliches Wachstum eine Koproduktion aus dem Zusammenspiel zwischen öffentlichen und privaten Akteuren -beide prägen die Rahmenbedingungen, und beide werden von ihnen geprägt. Und eine Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts ist dabei nicht nur, welchen Beitrag der Staat fürs Wachstum beitragen kann, sondern, in welche Richtung er es lenkt.


Eine Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts ist, in welche Richtung der das Wachstum lenkt.

DAZU BRAUCHT ER auch die Hilfe der Privaten. Der Schlüssel für diese Kooperation ist ein Verständnis dafür, wie strategische staatliche Investitionen in neue Sektoren wie der Green Economy private Investitionen mit ins Boot holen können. John Maynard Keynes' Einsichten zu diesem Thema sind extrem hilfreich: Privates Investitionsverhalten ist sowohl volatil als auch prozyklisch, es verstärkt somit die Aufs und Abs in der Wirtschaft. Die Regierung muss deshalb zur Stabilisierung einspringen: die Nachfrage ankurbeln, wenn die privaten Ausgaben zu niedrig sind, und die "animalischen Instinkte" der Unternehmen stimulieren, die ja nur dann investieren, wenn sie Vertrauen in die Wachstumsaussichten eines bestimmten Sektors haben.

Es geht also um weit mehr als den Herdeneffekt an den Finanzmärkten, wie manche meinen. Es geht um öffentliche Investitionen mit dem Ziel, wirtschaftliche Chancen zu eröffnen und auf diese Weise die Investitionsbereitschaft der Firmen anzukurbeln. Das Vertrauen in künftiges Wachstum zu fördern ist eine Basisaufgabe der Regierung - und nicht nur in Zeiten des Downturns. Innovationspolitik, die auf Missionen wie einst die Mondlandung setzt, spielt deshalb eine wichtige Rolle, um die wirtschaftliche Performance zu stärken.


Eine "grüne Mission" könnte die Transformation in vielen Bereichen beschleunigen.

Die Missionen der Zukunft werden sich dabei auf die großen Herausforderungen konzentrieren müssen, vor denen unsere Gesellschaften stehen - die größte Herausforderung ist der Klimawandel. Eine "grüne Mission" etwa könnte die Transformation in vielen Bereichen beschleunigen helfen. Das zeigt die deutsche Energiewende, die nicht nur erneuerbare Energieformen boomen lässt, sondern generell Investitionen, die den CO 2-Fußabdruck verkleinern, selbst in der Stahlindustrie. Eine Mission rund um das Thema "Pflege" könnte Sektoren wie Nahrungsmittel, Transport- und Gesundheitswesen ebenso grundlegend verändern wie Ausbildung.

ORTHODOXE ÖKONOMEN wollen die Rolle des Staates minimieren, um das freie Unternehmertum von Regulierung und "crowding out" - der Verdrängung privater durch staatliche Nachfrage -zu befreien. Und doch haben erfolgreiche Volkswirtschaften einen aktiven öffentlichen Sektor, der Entwicklungen in Bereichen steuert, die später vielfältige Investitionschancen für Private eröffnen. Besser als über "Staat vs. Markt" sollten wir deshalb darüber diskutieren, wie wir mit gezielter Politik Veränderung in möglichst vielen Sektoren ermöglichen. Dann können wir auch die großen Probleme des 21. Jahrhunderts in Angriff nehmen.


Zur Person

MARIANA MAZZUCATO , 49, ist Ökonomin und hat dieses Jahr das "Institute for Innovation and Public Purpose" am University College in London gegründet. Beim Europäischen Forum Alpbach diskutierte sie am 28. August mit Bundeskanzler Christian Kern über "Green Innovation".


Der Gastbeitrag ist in der trend.science-Ausgabe vom August 2017 erschienen

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