Heidi Glück: Glawischnig und Novomatic - ein PR-Desaster

Heidi Glück

Heidi Glück - Strategie- und Kommunikationsexpertin

Wer seine Überzeugung an der Garderobe abgibt und sich als PR-Feigenblatt missbrauchen lässt, macht es sicher falsch.

Nicht jeder bekommt VW Argentinien angeboten, nicht jede kann Wüstenrot-Chefin werden, nicht jeder setzt auf eine politische eine industrielle Karriere drauf: Es ist für Politiker gar nicht so einfach, in der dritten Halbzeit ihres Lebens in der neuen Berufswelt Fuß zu fassen. Schnell geraten sie in die Nähe des Korruptionsverdachts und werden zu Knechten von Konzernen oder zu Profiteuren halbstaatlicher Traumjobs gestempelt.

Eva Glawischnig geht es nicht besser. Die grüne Jeanne d'Arc als Gambler-Lobbyistin erscheint ihren Kritikern wie die Demeter-Beauftragte von Monsanto: als Feigenblatt des bösen Glückspielkonzerns Novomatic.

Auch wenn die Entscheidung über den beruflichen Weg nach der Politik ihre Privatsache ist, für die sie am wenigsten den Empörungsprofis aus dem grünen Intrigantenstadel Rechenschaft schuldig ist, bleibt die Frage: Kann jemand, der Jahre hindurch das Glückspiel verbieten wollte und gegen Glückspielkonzerne vehement aufgetreten ist, so einfach die Seite wechseln? Wie sehr ist Novomatic bereit, all das, was Glawischnig in der Vergangenheit für richtig gehalten hat, auch umzusetzen?

Auf beiden Seiten steht Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Was interessiert den Casino-Kapitalisten wirklich am kritischen Zugang seiner neuen Corporate-Responsibility-Beauftragten: strengere Regeln, Spielerschutz, Suchtprävention?


Seiner Mission treu bleiben mag naiv klingen, ist aber die einzige Geschäftsgrundlage.

Westminster-Demokratien brauchen keine Menschenrechts-Berater und Correctness-Konzerne keine Compliance-Fibel. Wer seine Überzeugung an der Garderobe abgibt und sich als PR-Feigenblatt missbrauchen lässt, macht es sicher falsch. Seiner Mission treu bleiben mag naiv klingen, ist aber die einzige Geschäftsgrundlage.

Politiker müssen nicht moralisch besser sein als der Rest der Anständigen. Sie können und sollen ihr Wissen Firmen anbieten und zeigen, wie es läuft, wann Industrieinteresse auch dem Gemeinwohl dienen kann. Was geht und was nicht. Ein Know-how-Transfer - für manche Beratungsgeschäfte braucht es sicher eine Cooling-off-Phase - ist noch kein Seitenwechsel, aber eine der wenigen Verdienstquellen von Ex-Funktionsträgern.

Die Vorstellung von Frau Glawischnig als neue Novomatic-Mitarbeiterin wäre sicher besser gelaufen, wenn der Konzern eine glaubwürdige und konkrete Zukunftsstrategie im Interesse von Spielerinnen und Spielern präsentiert hätte und dazu die Ex-Grüne für die Umsetzung. So war das Ganze mit Pin-Anstecken, schwachen Argumenten und schlechtem Timing vor einem Wahltermin ein PR-Desaster, das beiden geschadet hat.

Ökonomen nennen die Wetteinsätze beim Glücksspiel übrigens "Deppensteuer".


Die Autorin

Heidi Glück ist Strategie- und Kommunikationsexpertin, ehemalige Pressechefin von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel.


Der Kommentar ist der trend-Ausgabe 10/2018 vom 9. März 2018 entnommen.

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