Die Deflation kommt aus Deutschland. Woher auch sonst?

Die Deflation kommt aus Deutschland. Woher auch sonst?

Heiner Flassbeck, Volkswirt und früherer Chefökonom der UN-Organisation UNCTAD.

Die Europäische Zentralbank EZB soll Schuld an den Niedrigzinsen sein? Mitnichten. Es ist die Politik Deutschlands, meint der Volkswirt und frühere Chefökonom der UN-Organisation UNCTAD, Heiner Flassbeck.

Eine Tragödie historischen Ausmaßes erleben wir in diesen Tagen in Europa - und Deutschland. Ein Land kämpft nahezu geschlossen gegen die wirtschaftspolitischen Konsequenzen seiner eigenen Fehler, macht aber alle anderen, nur niemals sich selbst, verantwortlich für das, was geschehen ist.

Woher kommt die europäische Deflation, in deren Gefolge die EZB die Zinsen auf null senkte? Ist sie vom Himmel gefallen? Hat die EZB sie gemacht? Haben andere Länder in Europa sie zu verantworten? Diese einfachen Fragen müssten auch kritische Medien in Deutschland jeden Tag stellen, und jeder, der intellektuell auch nur halbwegs ehrlich ist, kann sie sofort beantworten.

Denn die Quelle der europäischen Deflation liegt eindeutig in Deutschland. Und sie sprudelt seit Beginn der europäischen Währungsunion. Ganz eindeutig verantwortlich ist die Politik der Lohnkompression, die von Rot-Grün durchgesetzt und von CDU/CSU bejubelt wurde. Sie sorgte dafür, dass die Lohnstückkosten in Deutschland bis zum Jahr 2007 überhaupt nicht stiegen. Das war ein klarer Verstoß gegen die Regeln der europäischen Währungsunion, in der man sich gemeinsam zum Ziel gesetzt hatte, eine Zielinflationsrate von knapp unter zwei Prozent zu erreichen.

Und es war auch unzweifelhaft die deutsche Politik, die das gegen die Gewerkschaften durchsetzte, genauso wie unter der geistigen Führerschaft der deutschen Politik von der Troika nach Beginn der Krise weitere Lohnkürzungen in den Krisenländern erzwungen wurden, die die ohnehin in Europa vorhandenen Deflationstendenzen verschärften. Und es war auch genau diese Politik, die zu den ungeheuerlichen Leistungsbilanz-Ungleichgewichten führte, die Europa am Ende zerstören werden.


Was passiert in Bayern, wenn mehr Bier produziert wird, als selbst die Bayern saufen können?

Hinzu kommt, dass öffentliches Sparen in Deutschland zur wichtigsten Tugend geworden ist. Wenn man aber schon dauernd über das Sparen redet, dann müsste man schon mit dem Einsatz von ganz wenig Grips begreifen, dass zunehmendes Sparen gerade in der neoklassischen Welt, die von den großen deutschen Parteien (Regierungsparteien zumal) durch die Bank als richtig unterstellt wird, einen bestimmten Effekt am Kapitalmarkt provoziert. Was passiert wohl mit dem Zins, wenn alle Volkswirtschaften der Welt und alle Sektoren in diesen Volkswirtschaften versuchen, zu sparen, also versuchen, Kapital anzubieten, und keiner fragt Kapital nach, keiner will sich also verschulden?

Nun, dann wird der Zins sinken, was sonst? Auf dem Kapitalmarkt wird der Zins immer weiter sinken müssen, genau so lange, bis die zusätzlichen Ersparnisse in Verschuldung (und vielleicht in Investitionen) umgesetzt werden. In dieser Welt ist die Notenbank höchstens in der Lage, das nachzuvollziehen, was an den Kapitalmärkten passiert, aber sie kann überhaupt keine eigenen Akzente setzen.

DIE ENTEIGNUNG DER EUROPÄISCHEN SPARER ist folglich unmittelbares Resultat deutscher Politik. In Deutschland sind inzwischen alle Sektoren Nettosparer, und Deutschland predigt dem Ausland, es solle ebenfalls auf Schulden verzichten. Im Ergebnis sinken die Zinsen. In der konservativen Welt, die keine andere ökonomische Theorie als die Neoklassik kennt, müssen sie zwingend sinken. Was passiert in Bayern, wenn mehr Bier produziert wird, als selbst die Bayern saufen können? Der Bierpreis sinkt!

Der Stolz, mit dem CDU/CSU die schwarze Null im Bundeshaushalt feiern, und die Unverfrorenheit, mit der sie die EZB angreifen, ist der unmittelbare Beweis dafür, dass sie die entscheidenden Zusammenhänge nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollen. Beides disqualifiziert die Führung einer der wichtigsten Industrienationen der Welt. Man ist geneigt, ob der Absurdität der Angriffe die ganze Sache ins Lächerliche zu ziehen, doch man sollte sich im Klaren darüber sein, dass hier dumme und/oder dreiste Menschen mit dem Feuer spielen. Mit der zur Schau gestellten Kombination aus deutscher Ignoranz und Macht werden alle alten Vorurteile über Deutschland, an deren Abbau vernünftige Politiker jahrzehntelang gearbeitet haben, wiederbelebt, und der Hass zwischen den Völkern erhebt erneut sein mächtiges Haupt.


HEINER FLASSBECK war Chefökonom der UN-Organisation UNCTAD. Derzeit entwickelt der Volkswirt und Buchautor das Magazin "Makroskop".

Standpunkte

Föderalismus: Unentschieden im Ländermatch

Kommentar
Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) in Wien

Standpunkte

Koalition mit der FPÖ: Gelegenheit und Gefahr zugleich

Kommentar

Standpunkte

Alon Shklarek: Die Eskalation in Katalonien