Corona als Reifeprüfung für unsere Gesellschaft

Vom nationalen Schulterschluss zur Bekämpfung der Corona-Krise hin zur Reifeprüfung für den Solidarstaat, bei der Durchfallen verboten ist: Gastkommentar von Bernhard Krumpel.

Bernhard Krumpel

Bernhard Krumpel

Im März gelang der nationale Schulterschluss über alle Parteien hinweg. Insbesondere NEOS und SPÖ standen mit einer türkis-grünen Regierung in einer Reihe, die offene Ohren für ihre Appelle hatte. Trotz einschneidender Maßnahmen in Persönlichkeitsrechte blieb die Schnappatmung aus. Das Mantra lautet „Wir schaffen das“. Doch dabei wird es nicht bleiben. Corona wird uns auch noch später beschäftigen, wenn wir es besiegt haben. Denn der Virus ist auch eine Reifeprüfung für unser Gesellschaftssystem.

Noch vor wenigen Wochen war es undenkbar. Geschlossene Geschäfte, nahezu leere Straßenzüge. Tausende Österreicher, die noch vor Tagen zuversichtlich in die Zukunft blickten und nun scheinbar von einem Moment auf den anderen um ihren Job bangen. Das ist quasi über Nacht Realität geworden. Die Regierung hat schnell klare Maßnahmen gesetzt, die selbst unter diesen Umständen bei einigen Menschen Schnappatmung erzeugt. Im Zuge dessen wurden allerdings Entwicklungen ermöglicht, über die lange Zeit ergebnislos diskutiert wurde, wie etwa das digitale Rezept. Große Teile der Gesellschaft, die bisher konservativ agierten, wurden binnen kürzester Zeit in das digitale Zeitalter gestoßen. Unternehmen wurden zu Telefonkonferenzen und Home-Office gedrängt. E-Learning zog in den Unterricht ein, der Computer wurde zum zentralen familiären Kommunikationszentrum zur Außenwelt.

Pinke Freunde

Die Maßnahmen und das Kommunikationsmanagement der türkis-grünen Regierung wurden bisher breitflächig gelobt. Neben dem Bundeskanzler vermittelt insbesondere die Unaufgeregtheit des Minister Anschober eines: Wir wissen, was wir tun. Aber auch die Opposition zieht an dem gemeinsamen Strang. SPÖ-Chefin Rendi-Wagner ist präsent wie nie zuvor und Österreichs derzeit aktivste Oppositionspartei, die NEOS, machen bei dem nationalen Schulterschluss mit.

Es wird nicht kritisiert, sondern konstruktiv appelliert. Wie etwa wenn der Abgeordnete Schellhorn fordert, dass Hilfsgelder sinnvollerweise schon im März am Konto der Betriebe sein sollen. Nichts wirkt dabei im Ansatz polemisch, das Begehren ist formuliert wie der Hinweis eines Freundes. In Summe liefert so die Politik ein wohltuend lösungsorientiertes Gesamtbild ab.

Dass dies eine Momentaufnahme ist, ist klar. Denn mit Fortdauer der freiheitseinschränkenden Maßnahmen, wird Unzufriedenheit in der Bevölkerung entstehen. Das „in Aussicht stellen“ der Lockerung der Maßnahmen, funktioniert nur eine Zeitlang. Die Menschen erwarten letztendlich, dass der Ankündigung Taten folgen. Passiert dies nicht, folgt Zweifel an der Lösungskompetenz der Verantwortlichen. Niemand möchte in einem ungewissen Status verharren, weder persönlich noch beruflich. Mit der Aufhebung der einschränkenden Maßnahmen ist nämlich auch das Gefühl beruflicher Sicherheit verbunden. So sind aktuell vielfach Existenzängste präsent.

Die Wirtschaft steht Kopf

Denn derzeit schüttelt es alle Branchen kräftig durch. Im Mittelpunkt steht der für Österreich wichtige Automotive-Sektor. War es bereits vor Corona schwierig, so ist das Interesse an Neuwagen um 15 Prozent gesunken. Der Virus beschleunigt somit durch die Geschäftsschließungen die ohnehin schon herausfordernde Situation dieser Branche.

Banken und Versicherungen müssen über öffentlichen Druck ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und nicht einkalkulierte Finanzierungsrisken übernehmen. Die Verbrauchsgüterindustrie hat in einigen Segmenten rasante Zuwächse erzielt. So stieg in der ersten Maßnahmenwoche der Verkauf von Pasta um 65 Prozent, Weizenprodukte gar um 82, Toilettenpapier um 23 und Seifen um 35 Prozent. Im E-Commerce waren naturgemäß starke Anstiege um mehr als 60 Prozent zu verzeichnen. Erkennbar sind diese Trends an den Suchbegriffen in Suchmaschinen wie Google. Mittlerweile haben viele Kleinunternehmen darauf reagiert, investiert und ihre Webshops und Lieferservices forciert.

Die Konsumenten hingegen scheinen sich aktuell primär für Corona, Medizin, Wirtschaft und Finanzen sowie Online-Spiele zu interessieren. Gaming-Plattformen werden gestürmt und Spiele wie Fortnite verzeichnen offensichtlich radikale Zuwächse, die manchmal die Server-Kapazitäten an ihre Grenze bringen.

Medien: Print gerät weiter unter Druck

Einer gewaltigen Herausforderung sehen sich Medienunternehmen gegenüber. Allein im März wird mit Umsatzverlusten von EUR 40 Millionen gerechnet. Inserate wurden haufenweise auf später verschoben oder storniert, wenigstens scheinen die Abonnements stabil zu bleiben.

Medientitel, die in der Vergangenheit kaum in das digitale Angebot investiert haben, tun sich nun besonders schwer. Denn gerade der Digitalbereich explodierte geradezu. Nachrichtenseiten verzeichneten Zuwachsraten zwischen 100 und 300 Prozent. Eines steht daher schon fest: Corona wird die Digitalisierung von Medien sowohl auf Unternehmens- als auch auf Konsumentenseite nachhaltig forcieren.

Print ist zwar nicht tot, wird aber mit Fortdauer der heimorientierten Maßnahmen schneller als bisher prognostiziert an Reichweite verlieren. Auf der anderen Seite verzeichneten seit Mitte März die Fernsehkanäle Seherzuwächse und hier insbesondere der ORF aber auch Puls 24 (+69 Prozent), NTV (+29 %) oder OE24 TV (+47 Prozent).

Lackmustest und Reifeprüfung

Am Ende des Tages wird aber nur relevant sein, wie wir als Gesellschaft mit dieser Herausforderung umgehen. Es wird der Lackmustest sein, ob wir tatsächlich eine Solidargemeinschaft sind. Das heißt: Können Menschen, die wirtschaftliche oder gesundheitliche Hilfe benötigen, die notwendige Unterstützung in Anspruch nehmen? Sind wir bereit die obligatorischen Mittel in unser Sozialsystem zu investieren?

Denn alles in allem ist Corona nicht nur ein Virus, gegen den man sich in Zukunft sicherlich impfen lassen kann. COVID-19 ist eine Reifeprüfung für den Solidarstaat, für unsere Wertigkeiten und unsere Gesellschaft. Bei dieser Prüfung sollten wir keinesfalls Durchfallen.


Zur Person

Bernhard Krumpel ist Krisen-PR-Profi Seine Karriere begann er als Pressesprecher des damaligen NÖ-Finanzlandesrats Wolfgang Sobotka, ehe er in das Kabinett des damaligen Innenministers Ernst Strasser wechselte und in der Folge Konzernsprecher der HYPO NOE Gruppe Bank AG wurde. Von 2017 bis April 2020 leitete er die Konzernkommunikation der Novomatic-Gruppe.

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