Christoph Kotanko: Stimmung und Stimmen

Christoph Kotanko: Stimmung und Stimmen

Christoph Kotanko ist Korrespondent der OÖNachrichten in Wien

Das Interesse an den Präsidentschaftskandidaten ist enorm. Die Wähler spüren: Wir leben in einer Zeit des Übergangs.

Die Politik werde "mit dem Kopf und nicht mit dem Kehlkopf" gemacht, lästerte einst die CSU-Legende Franz Josef Strauß. Für den laufenden Wahlkampf gilt das nicht. Im Wettbewerb um die Hofburg wird lautstark vieles diskutiert, das keinem klaren Kopf entspringt. Aufgeregt werden die abenteuerlichsten Möglichkeiten abgehandelt.

Alexander van der Bellen würde den FPÖ-Chef nicht angeloben, auch wenn er eine klare Mehrheit haben sollte. Der Versuch, eine parlamentarische Mehrheit auszuhebeln, ging schon bei Thomas Klestil schief. Irmgard Griss räsoniert über eine "Diktatur", bei deren Ausrufung sie zurücktreten würde. Auch Norbert Hofer und Andreas Khol spielen irgendwelche Notfälle durch. Einzig Rudolf Hundstorfer bleibt gelassen, getreu seinem Wappenspruch: Kinder, regt's euch nicht auf.

Das Publikum kann dem Streit um die Frage, wer wen unter welchen Umständen nicht akzeptieren würde, kaum folgen. Trotzdem sind die Säle bei Diskussionen der Kandidaten voll. In Wien musste der große Festsaal der Diplomatischen Akademie von der Polizei gesperrt werden, so riesig war der Andrang. In Linz kamen mehr als tausend -meist jugendliche - Zuhörer zur Debatte an der Uni. Auch viele kleinere Veranstaltungen sind ausgebucht.

Dieser Wissensdurst hat zwei Gründe: Die Personen und das Amt. Irmgard Griss und die anderen stehen für bestimmte Aspekte der Zweiten Republik.

Ex-SP-Minister Hundstorfer und VP-Senior Khol stillen den Traditionsbedarf als Vertreter der bemoosten Koalition. Mit Erwin Pröll wäre das anders gewesen, er hätte sich als Gegenstück zur Bundesregierung inszeniert. Griss verkörpert die "unpolitische" Aufsteigerin, obwohl niemand ohne Berührung mit der Politik Höchstrichterin wird. Van der Bellen ist das Flüchtlingskind, das erfolgreich links andockte. Hofer, Jüngster von allen, ist der Grenzgänger zwischen rechts und liberal, ein Typus, der bei den Blauen immer vertreten war.


Die Leute sind neugierig auf die unbekannte Seite bekannter Gesichter.

Die Leute sind neugierig auf die unbekannte Seite bekannter Gesichter. Lässt sich der ewige Sozialpolitiker Hundstorfer aus der Reserve locken, weil es auf dem Arbeitsmarkt kracht? Bisher macht er einen Wellness-Wahlkampf, das Stethoskop der Meinungsforscher zeigt, dass der Vertreter der Kanzlerpartei schwächelt. Das gilt auch für Khol, der als Repräsentant der anderen Regierungspartei ebenfalls einen Malus hat. Formal wäre der Schwarze durch sein Vorleben am besten für das Amt qualifiziert. Doch er ist zweite Wahl, ihm fehlt auch das gewinnende Wesen. Sein "I mog das Land, i mog die Leit" wirkt aufgesetzt.

Gut möglich, dass erstmals kein Vertreter der Regierungsparteien in die Stichwahl kommt. Van der Bellen führt in den Umfragen. Das weckt bei Anhängern so große Erwartungen, dass er sich zur Warnung genötigt sah, er sei "kein "Wunderwuzzi". Der Grüne ist kein Windmacher. Sein gelassenes Bekenntnis zur "Herrschaft des Rechts und der Vernunft" kommt in panischen Zeiten gut an. Dass er in den letzten Jahre gut bezahlte Ruhepausen einlegte, wird ihm nachgesehen.

Hofer ist ein matter Wahlkämpfer. Großtaten erwartet die Partei ohnehin nicht. Straches Strahlkraft werde ihn schon leuchten lassen, so das Kalkül. Ob die Rechnung aufgeht, ist für den Parteichef spannender als für den Verlegenheitskandidaten.

Last, not least Griss, die Quereinsteigerin aus der Steiermark. Ursprünglich fremd im Politgeschäft, lernt sie zum Erstaunen der Konkurrenz rasend schnell: jede Podiumsdiskussion eine Nachhilfestunde. Das kann sie zur Matura bringen.

Der Ansturm bei den Kandidatendebatten ist auch deshalb so groß, weil die Leute spüren: Wir leben in einer Zeit des Übergangs. Das nächste Staatsoberhaupt wird vor anderen Entscheidungen stehen als alle Vorgänger. Wenn es keinen Turnaround mehr gibt, ist die rot-schwarze Mehrheit nach der Nationalratswahl Geschichte.

Neue Allianzen, kühne Alternativen werden gefragt sein. Minderheitsregierungen etwa sind in Skandinavien längst üblich, Mehrparteien-Pakte gibt es auch anderswo. Dem Präsidenten oder der Präsidentin kommt eine zentrale Rolle zu. Einer der fünf Bewerber wird ein entscheidendes Wort mitreden. Das macht diese Wahl so spannend.

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