Christian Kornherr: Über den Dieselwahnsinn

Christian Kornherr: Über den Dieselwahnsinn

Christian Kornherr - Ex-Chefredakteur Autorevue, heute Unternehmer

Der Alarmismus in Sachen Dieselgate erreicht einen neuen, skurrilen Höhepunkt.

IN DEN LETZTEN WOCHEN spürte ich so was wie Entspannung. Es schien, als gäbe es doch noch Hoffnung für eine Versachlichung beim Dieselthema. Zögerlich tauchte in manchen Medien die Erkenntnis auf, dass Benziner die CO2-Bilanz in die Höhe treiben und dass an Elektroautos auch nicht alles super ist. Sogar der in dieser Richtung eher unverdächtige "Spiegel" leistete sich eine Story über Unsinnigkeiten und Grenzen der Elektromobilität. Und vielleicht wird es ein paar der so zukunftsforschen Tesla-Fahrer doch nicht gänzlich unberührt lassen, dass das viele Kobalt in den Akkus von Kinderhänden im Kongo geschürft wird.

Ja, das war jetzt pure Polemik. Aber warum zurückhalten, wenn es bei dem Thema ohnehin kein Halten gibt? Begann doch die Woche mit einem dramaturgisch perfekt gesetzten Paukenschlag des Laxenburger Forschungsinstitutes IIASA: "170 Tote in Österreich durch Dieselautos". Und eigentlich noch schlimmer: 80 Tote hätten verhindert werden können, wenn sich die Hersteller an die gesetzlichen Vorgaben gehalten hätten.

Puuh, das war ein wirklich harter Brocken, aber dann lässt einen die Präzision der Zahlen nicht los und man beginnt ein wenig zu graben. Als Hauptautor der Studie wird der norwegische Meteorologe Jan Eiof Jonson genannt, also thematisch der Wetterfee näher als der Pneumologie. Als mediales Hauptbeweismittel dient dann auch eine Wetterkarte der Feinstaubbelastung in Europa. Siehe da: Die Luftverschmutzung ist im - gerade noch (es warad wegen da Oabeitsplätze) - industrialisierten Europa höher als nahe dem Polarkreis.

Als Ursache für Feinstaub gelten unter anderem: Baustaub und Sandkörner, Mikroplastik, Salzkristalle, Pollen, Reifen- und Bremsenabrieb - und natürlich Rußpartikel. Als Verursacher sind Industrie, Hausbrand, Stromerzeugung, Lkw und natürlich Diesel-Pkw ausgemacht. Wobei inzwischen einige Experten meinen, dass abriebfestere Reifen und Bremsbeläge eine weitaus größere Auswirkung auf die Volksgesundheit hätten, wegen des Schwermetallanteils in Gummi und Bremsbelägen. Aber diese Thematik ist halt bei Weitem nicht so saftig wie ein ordentlicher Dieselskandal.


Die Dieselverfolgung längst manische Züge angenommen hat.

Denn in seiner Exaktheit, also nicht null Komma irgendwas Prozent, ist die Zahl 80 natürlich am Boulevard unschlagbar. 80 Tote, da kann sich jeder was vorstellen. Und doch klingt die Zahl hier ein bisserl wie der Schluss-Gag des Science-Fiction-Klassikers "Per Anhalter durch die Galaxis", in dem ein Supercomputer jahrelang die Antwort auf alle Fragen der Welt berechnet und schließlich die Zahl 42 ausgespuckt.

WAS ICH DAMIT SAGEN WILL: Alles in allem ist Feinstaub ein hochkomplexes Thema, dessen Parameter noch keineswegs endgültig erforscht sind. Und doch haben Jan Eiof Jonson und die IIASA-Wissenschaftler ihre Daten und statistischen Annahmen in den Zahlenschredder eines Supercomputers gestopft, der hat dann für Österreich die Zahlen 170 und 80 ausgeworfen und die Medien freuten sich über einen Montagmorgen-Heuler.

Besonders beeindruckend dabei die geradezu feinstäubliche Detailschärfe: 2016 starben in Österreich 80.669 Menschen, 0,2107 Prozent davon gingen also mutmaßlich auf das Konto von Dieselabgasen, 0,0991 Prozent verursachten die Betrügereien der Autohersteller.

Ich bin kein Klimaleugner, aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass seriöse, also nicht mediengeile Wissenschaftler deutlich vorsichtiger mit den Stellen hinterm Komma umgehen sollten. Und ganz vom Glauben an die Exaktheit der Wissenschaft könnte man abfallen, wenn man sich eine sechs Monate zuvor in der Zeitschrift "Nature" publizierte Studie ansieht, die auf die fast zehnfache Opferrate kommt. Also was jetzt?

Aber manche sehen selbst in solchen Diskrepanzen noch eine Bestätigung, sodass die Dieselverfolgung längst manische Züge angenommen hat, ein bisserl wie einst der BSE-Skandal. Kann sich noch jemand erinnern? Statt Rinderwahnsinn kriegen wir heute Dieselwahnsinn serviert.

Mal nur so zum Vergleich: 2016 starben über 1.000 Menschen an Grippe - nachweislich und ganz ohne statistische Annahmen. Da tauchen doch Fragen auf: Wie viele Tote würde uns eine allgemeine Schutzmaskenpflicht ersparen? Oder die Reglementierung jeder Art von körperlicher Nähe? Was wäre, wenn wir bis zum Frühjahr im Bett bleiben? Ich bitte um Studien. Dringend!

Zur Person

CHRISTIAN KORNHERR , langjähriger Chefredakteur der "Autorevue", heute freier Journalist und Unternehmer.


Der Gastkommentar ist im trend 38/2017 erschienen

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