Change: Warum wir uns mehr trauen sollten

Stefan Bergsmann, Österreich-Geschäftsführer von Horváth & Partners

Stefan Bergsmann, Österreich-Geschäftsführer von Horváth & Partners

SERIE MANAGEMENT COMMENTARY: Gastkommentar von Stefan Bergsmann, Österreich-Geschäftsführer von Horváth & Partners: Der Mut, etwas Neues auszuprobieren, ist Voraussetzung für Innovation. Geplante Business-Strategien können ihr im Weg stehen.

Im Geschäftsleben treffen wir häufig auf Manager, die durch minutiöse Planung und perfekte Strategiearbeit glauben, alle möglichen Fehler auszuschließen und vorherbestimmbare Ergebnisse zu produzieren. Dabei wurden gerade die besten Geschäftsideen der Share Economy – wie etwa AirBNB oder UBER – durch spielerische Versuche entwickelt und die größten Firmenpleiten Opfer ihrer allzu geplanten Business-Strategie.

Der Mut zum "Trial and Error" ist Voraussetzung für Innovation. Und wenn man es richtig anstellt, ist Experimentieren die Grundlage für neue Dienstleistungen und Produkte, genauso wie für die Entwicklung und Veränderung unternehmensinterner Strukturen, Abläufe und Arbeitsweisen. Dass Experimente auch mal schief gehen können, liegt in der Natur der Sache. Wenn die Möglichkeit des Scheiterns aber von Anfang mit einkalkuliert wird, ist der mögliche Schaden begrenzbar.

Bei Innovationen geht es immer um Veränderungsprozesse – zwischen Zulieferern und Firmen oder innerhalb von Organisationen, in der Zusammensetzung von Teams bis zu den einzelnen Menschen, die sich umstellen und anpassen müssen. Alle sind betroffen, wenn die Unternehmensführung etwas neues ausprobiert. Die Angst vor unabwägbaren Folgen ist deshalb absolut verständlich. Niemand springt gerne ins kalte Wasser.

Was aber passiert mit jenen, die sich vor dem Neuen scheuen und alle möglichen Variablen in Betracht ziehen, um ohne Experimente auszukommen. Was ist mit jenen, die alles durchdacht haben und immer sicher sind, das Richtige zu machen. Sie versuchen ein bereits ausgereiftes Produkt oder eine erprobte Dienstleistung weiterzuentwickeln, wo aber nichts mehr weiter entwickelt werden kann. Da kommt der Mitbewerber mit einer völlig anderen (disruptiven) Idee, und fegt die langjährige Erfahrung und Expertise hinweg.

Spätestens dann wird deutlich, dass man in Zeiten der Digitalisierung und Automatisierung gar nicht mehr alle Szenarien vorausplanen kann. Dann ist es durchaus möglich, dass die Verluste am Ende weitaus größer sind, als wenn man sich gleich mehr (zu-) getraut hätte. Die Angst vor Verlusten kann man ja leicht minimieren, indem man den F&E-Spezialisten im eigenen Haus den Rahmen, also die Grenzen vorgibt, innerhalb derer sie ihre Entwicklungsarbeit erledigen.

Bereitschaft zur Veränderung

Etwas ausprobieren hat immer auch etwas mit Spielen zu tun. Am Ende liegt es ohnehin beim Management zu entscheiden, an welcher Stelle es gut und wichtig ist, ein Sicherheitsnetz zu installieren. Experimente sind eine Chance, in einem Team die Bereitschaft zu erzeugen, eine Veränderung zu versuchen, aber nicht zu erzwingen. Man sollte Mitarbeiter auch nicht auffordern, „einfach mal zu machen“. Bevor man eine Neuerung unternehmensweit einführt, sind Experimente in einem dafür geeigneten Team der beste Weg, um neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Tun statt Reden

Unternehmen brauchen die Bereitschaft, aus kostenschonendem Ausprobieren neue Erkenntnisse zu gewinnen, auf die sie durch Reden und Nachdenken gar nicht gekommen wären. Letztlich steht auch hinter jeder erfolgreichen Firmenneugründung nichts anderes als ein Sprung ins kalte Wasser. Im besten Fall erhalten Firmenchefs mit Experimenten ein neues Werkzeug, das Zeit und Geld einspart, im schlimmsten Fall haben sie die Arbeitszeit von ein paar Mitarbeitern geopfert. Aber auch aus einem missglückten Experiment zieht man wichtige Lehren.

Die Digitalisierung hat das Tempo der Veränderungen rasant erhöht. Einfach herzugehen und es dem erfolgreichen Konkurrenz nachzumachen, ist keine Lösung. Denn was beim einen funktioniert, kann bei anderen im Desaster enden. Daher braucht es heuristische Methoden der Problemlösung. Keine noch so intelligente Software kann alle möglichen Variablen berücksichtigen. Die Folgen werden immer erst sichtbar, wenn man sie ausprobiert und ggf. nachsteuert und umbaut.

Fazit: Agile Firmenmanager haben Mut zu Experimenten und sind damit viel kreativer. Die spielerische Komponente und dynamische Rahmenbedingungen helfen, Verunsicherung im Team abzubauen. Intelligente Experimente helfen Organisationen beim Lernen. Der Schaden, der durch intelligentes Ausprobieren entstehen kann, ist bedeutungslos im Vergleich zum Schaden, der dadurch entsteht, dass Unternehmen wegen ihres lähmenden Perfektionsanspruches niemals ins Handeln kommen.


Der Autor

Stefan Bergsmann ist Österreich-Geschäftsführer Unternehmensberatung Horváth & Partners E-Mail: sbergsmann <AT> horvath-partners.com


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


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